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Neue Radikalkur für Thyssen-Krupp: Martina Merz baut massiv um

Thyssen-Krupp steht vor einem der größten Umbrüche seiner Geschichte: Bei der Holding wird drastisch gespart, zwei Sparten werden aufgelöst. Jeder dritte Mitarbeiter ist vom Umbau betroffen.

Die neue Vorstandschefin will Thyssen-Krupp grundlegend neu positionieren. Foto: dpa

Der Industriekonzern Thyssen-Krupp steht vor dem nächsten Großumbau. Die Sparten Komponentenfertigung („Components“) und Anlagenbau („Industrial Solutions“) sollen aufgelöst und die Holding drastisch zusammengestrichen werden, wie das Handelsblatt aus Konzernkreisen erfahren hat.

Die Pläne will Vorstandschefin Martina Merz am Dienstag bei einem internen Treffen mit 150 Top-Managern vorstellen. Es wird ihr erster Auftritt in neuer Funktion sein.

Merz war vor einer Woche vom Aufsichtsrat in den Vorstand gewechselt und hatte die Nachfolge von Guido Kerkhoff angetreten. Ihm hatte das Kontrollgremium mit den Vertretern der Großaktionär Cevian und Krupp-Stiftung Zögerlichkeit in der Neuausrichtung von Thyssen-Krupp vorgeworfen. Die Pläne, die Merz nun vorstellen wird, wurden vom Vorstand um Kerkhoff ausgearbeitet.

Mit der Auflösung der beiden Sparten bereitet sich Thyssen-Krupp auf die Abwicklung der Geschäftsfelder vor: Bis auf wenige Töchter wie etwa Rothe Erde, die Großwälzlager fertigt, sollen die Aktivitäten in neue Hände überführt werden. Dazu wurden erste Gespräche geführt, hieß es. Zunächst könnten mit Wettbewerbern Partnerschaften gegründet und im nächsten Schritt der Komplettverkauf folgen. Der Konzern lehnte einen Kommentar dazu ab.

Von dem Umbau ist jeder Dritte der insgesamt 160.000 Mitarbeiter betroffen. „Wir erleben eine Zäsur“, hieß es. Diese wird auch die Holding treffen: Die Kosten sollen dort den Plänen zufolge auf rund 200 Millionen Euro fast halbiert werden. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten einige hundert Mitarbeiter gehen, hieß es.

Ziel des Umbau soll sein, den Konzern effizienter und schneller aufzustellen. Damit verabschiedet sich Thyssen-Krupp aber auch von der Strategie, in diesen Geschäftsfeldern vorne mitspielen zu wollen. Nachdem das Unternehmen bereits seine Aufzugssparte zum Verkauf gestellt hat, fokussiert sich der Konzern letztlich auf das Stahlgeschäft, das erhalten bleiben soll.

Einstieg in den Ausstieg

Dabei dürften Effizienz und Geschwindigkeit nicht die einzigen Ziele der Umgruppierung sein: Mit der Auflösung der beiden Sparten eröffnet sich der Weg, weitere Teile abzugeben. So sagte ein hochrangiger Manager, die Umstrukturierung sei der Einstieg in den Ausstieg.

Beim Anlagenbau würden bereits für die Unterbereiche „Zement“, „Chemie“ und „Mining“ Partner gesucht, mit denen das Geschäft gebündelt werden könnte. „Am Anfang mag es eine Partnerschaft sein, letztlich steht aber der Verkauf“, sagte der Manager. Am Ende werde der Bereich Anlagenbau daher weitgehend abgewickelt.

Dass es ausgerechnet die Komponentenfertigung und den Anlagenbau als erstes trifft, kommt nicht überraschend. Schon lange leiden beide Sparten unter im Branchenvergleich unterdurchschnittlichen Margen. Gleichzeitig sind beide Geschäfte zuletzt in konjunkturellen Gegenwind geraten, der das Ergebnis zusätzlich belastet.

Die Autoindustrie lahmt. Gleichzeitig lassen auch die Bestellungen in der Investitionsgüterindustrie spürbar nach. Dabei rechnen Beobachter nicht damit, dass sich die Lage in nächster Zeit entspannt.

Das raue Umfeld macht auch den anderen Sparten zunehmend zu schaffen. So ist das Stahlgeschäft als zweiter wichtiger Gewinnbringer neben dem Aufzugsgeschäft zuletzt tief in die roten Zahlen gerutscht. Merz wird daher beim Konzernumbau Tempo machen müssen, will sie nicht die Mittelfristziele ihres Vorgängers kassieren.

Die sehen vor, den Free Cashflow (FCF) vor Zu- und Verkäufen innerhalb der kommenden zwei Jahre auf mindestens eine Milliarde Euro zu steigern. Angesichts der Erwartungen für das laufende Geschäftsjahr, das der Konzern in der vergangenen Woche abgeschlossen hat, ist das ein ambitionierter Wert. So dürfte der FCF vor M & A 2018/19 noch unter minus einer Milliarde Euro liegen.


Verkauf der Aufzugsparte soll Milliarden bringen

Ein Viertel dieses Kapitalabflusses entfällt auf die Bereiche Federn & Stabilisatoren, den Bau von Produktionsanlagen für die Automobilindustrie sowie auf den Bereich Grobblech. Diese Geschäfte dürften daher weit oben auf der Verkaufsliste stehen, die Merz in den nächsten Monaten abarbeiten wird. Schon ihr Vorgänger Guido Kerkhoff hatte die Bereiche zuletzt zur Disposition gestellt.

Gleichzeitig muss Merz das Kernstück der neue Strategie vorbereiten: den Verkauf der rentablen Aufzugssparte an einen strategisch oder finanziell motivierten Investor.

Analysten schätzen den Wert der Sparte auf bis zu 18 Milliarden Euro. Mit dem Geld sollen einerseits Schulden und Pensionen gedeckt, andererseits auch wichtige Zukunftsinvestitionen finanziert werden. Die dürften sich nun vor allem auf den Stahlbereich fokussieren, der langfristig als Hauptgeschäftszweig verbleibt.

Vor allem die Arbeitnehmer hatten darauf gepocht, etwaige Erlöse aus dem Verkauf des profitabelsten Geschäfts ausschließlich für die Restrukturierung des Restkonzerns zu verwenden. Forderungen nach einer Sonderdividende, die der zweitgrößte Aktionär Cevian in der Vergangenheit erhoben hatte, sind inzwischen vom Tisch. Das hat sich die IG Metall in der vergangenen Woche schriftlich von dem Investmentfonds bestätigen lassen.

Stellenstreichungen erwartet

Noch bevor der Umbau richtig begonnen hat, folgen bereits erste personelle Konsequenzen: Spartenchef Marcel Fasswald werde seinen Posten niederlegen, hieß es in den Konzernkreisen. Er war erst vor einem Jahr angetreten, um die einzelnen Teil vom Anlagenbau zu einer schlagkräftigen Einheit zu formen.

„Dieses Ziel kann er nun nicht umsetzen, daher ist sein Rücktritt nur konsequent“, sagte ein Manager aus seinem Umfeld. Thyssen-Krupp hätte Fasswald gerne in den eigenen Reihen gehalten.

Der Chef der Komponentensparte, Karsten Kroos, bleibt hingegen im Unternehmen. Der langjährige Mitarbeiter soll sich vor allem um das Geschäft mit den Fahrzeugbauern kümmern. Fraglich ist allerdings, wie lange Autozuliefereraktivitäten noch im Verbund verbleiben wird. Einige Teile wie Federn & Stabilisatoren hatte Thyssen-Krupp bereits in den vergangenen Monaten auf dem Verkaufszettel platziert. Weitere würden folgen, hieß es in den Kreisen.

Unter den Beschäftigten dürften die Ankündigungen von Merz für weitere Unruhe sorgen. Schon heute ist diese groß, drückt doch der Finanzinvestor Cevian seit Jahren auf einen drastischeren Umbau von Thyssen-Krupp.

Für Trubel sorgte auch der plötzliche Vorstandswechsel: Der Aufsichtsrat hatte Guido Kerkhoff Ende September überraschend aus dem Unternehmen geworfen. Da trotz intensiver Suche im Vorfeld kein neuer Vorstandsvorsitzender gefunden wurde, wechselte Martina Merz für eine Dauer von maximal zwölf Monaten vom Aufsichtsrat an die Konzernspitze.

Die Pläne, die sie nun den Top-Managern vorstellen wird, hatte noch der Vorstand um Kerkhoff ausgearbeitet. Unverändert habe Merz diese dem Aufsichtsratspräsidium, in dem die wichtigsten Kontrolleure vertreten sind, zur Zustimmung vorgestellt. Das ist beachtlich, weil der Aufsichtsrat Kerkhoff vorgeworfen hatte, die Neuaufstellung zu zögerlich betrieben zu haben.

Merz will nun im Einklang mit Kerkhoffs ursprünglichen Plänen die jährlichen Kosten der Zentralverwaltung laut Konzernkreisen auf rund 200 Millionen Euro drücken, während im laufenden Geschäftsjahr noch etwa das Anderthalbfache dessen erwartet wird.

Kerkhoff und sein Vorgänger Heinrich Hiesinger hatten hier in den vergangenen Jahren bereits erhebliche Vorarbeit geleistet: Im Geschäftsjahr 2014/15 lag der Wert noch bei annähernd 650 Millionen Euro.

Um eine weitere Reduktion der Kosten zu erreichen, müssten einige Hundert der gut 4000 Beschäftigten der Holding gehen, hieß es. Auch in der Stahlsparte will der Konzern das Personal reduzieren: Hier stehen 2000 Jobs auf der Streichliste, seit das ursprünglich geplante Joint Venture mit Tata Steel Europe vor einigen Monaten geplatzt war.

Die Mitarbeiter in der zentralen Verwaltung müssen sich auf Stellenstreichungen gefasst machen. Foto: dpa