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Thyssen-Krupp-Stahlvorstand spricht von „existenzbedrohender“ Lage

Die Lage bei Thyssen-Krupp spitzt sich zu: Der Stahl-Absatz liegt wegen Corona zwei Millionen Tonnen unter Plan. Das kostet den Konzern Milliarden.

Die Stahlsparte des Ruhrkonzerns wird in diesem Jahr wohl knapp zwei Millionen Tonnen weniger Stahl verkaufen als vor Corona geplant. Foto: dpa

Für Carsten Evers war es eine Premiere: Schon vor einigen Monaten war der Manager als Finanzvorstand vom Komponentengeschäft in die Stahlsparte von Thyssen-Krupp gewechselt. Doch erst jetzt konnte er sich im Rahmen einer Betriebsversammlung am Dienstag den rund 27.000 Stahlkochern des Konzerns persönlich vorstellen.

Und er hatte für die Beschäftigten gleich eine Schocknachricht im Gepäck. „Wir hatten schon schwierige Zeiten, bevor die Krise startete“, leitete der Finanzchef seine Erwartungen für das laufende Geschäftsjahr ein. „Doch das jetzt laufende Quartal wird das schwerste sein, das wir in diesem Jahr erleben werden.“

Die Zahlen, die der Vorstand der Belegschaft präsentierte, waren alles andere als erbaulich. Wegen der Coronakrise hatte der Betriebsrat zu einer digitalen Versammlung geladen, nachdem bereits zwei vorherige Termine wegen der anhaltenden Corona-Pandemie ausfallen mussten.

Im Fokus standen dabei der massive Auftragseinbruch und das laufende Stellenabbauprogramm. Als Finanzchef Evers eine Folie zum erwarteten Cashflow präsentierte, pausierte er mit seinem Vortrag kurz: „Das Bild muss man sich einmal bewusst vergegenwärtigen, um die Dramatik der Situation zu erfassen.“

Es war eine geradezu desaströse Prognose, die Evers in der Folge anhand des Balkendiagramms darlegte. „Wir werden in diesem Jahr einen negativen Cashflow von mehr als einer Milliarde Euro erleiden“, so der Manager. Von „erwirtschaften“ wolle er da kaum sprechen. „Wir müssen jeden Euro zweimal umdrehen, bevor er die Hütte verlässt.“ Bei den negativen Erwartungen gehe es um Größenordnungen, „die existenzgefährdend sind“.

Konkret rechnet der Vorstand um Chef Bernhard Osburg für das im September ablaufende Geschäftsjahr 2019/20 mit einem Rückgang des Absatzes im Vergleich zum Vorjahr um 16 Prozent. Statt mit wie vor der Coronakrise prognostiziert 10,7 Millionen Tonnen rechnet der Konzern nunmehr mit einer Versandmenge von 8,8 Millionen Tonnen. „Wir gehen also von einem Versandverlust von knapp zwei Millionen Tonnen aus. Das zeigt die ganze Dramatik“, sagte Osburg.

Für den Mutterkonzern in Essen sind die schlechten Aussichten der Sparte eine schwere Hypothek. Nach dem Verkauf des Aufzugsgeschäfts, das in den vergangenen Jahren zuverlässig Gewinne in die Konzernkasse spülte, hat sich die Stahlproduktion zum wichtigsten Standbein von Thyssen-Krupp entwickelt. Doch schon vor Corona steckte das Geschäft, dessen Gewinne zu mehr als 90 Prozent von der Automobilindustrie abhängig sind, tief in der Krise.

Die durch die Pandemie ausgelöste Rezession hat die Probleme der Stahlkocher nun weiter verschärft. Bereits seit April befindet sich ein großer Teil der Belegschaft in Kurzarbeit, nachdem zahlreiche Kunden ihrerseits die Produktion infolge eines drastischen Nachfrageeinbruchs und aufgrund von Problemen in den internationalen Lieferketten vorübergehend eingestellt hatten.

Dieser Zustand werde sich voraussichtlich noch bis zum Ende des Jahres verlängern, erklärte nun Arbeitsdirektor Markus Grolms. Auch für ihn war die Betriebsversammlung eine Premiere, nachdem der frühere Gewerkschaftssekretär der IG Metall Anfang des Jahres von seinem Posten als stellvertretender Aufsichtsratschef des Ruhrkonzerns in den Vorstand der Stahlsparte gewechselt war.

Neuorganisation des Produktionsnetzwerks

Ihm kommt nun die Aufgabe zu, den geplanten Abbau von rund 3000 Stellen im Stahlgeschäft bis 2026 zu koordinieren. Der ist Bestandteil der neuen Stahlstrategie, die neben Investitionen von rund vier Milliarden Euro auch eine Neuorganisation des Produktionsnetzwerks vorsieht. Betriebsbedingte Kündigungen sind ausgeschlossen.

Vor der Schließung steht bei dem Umbau unter anderem die Produktion von Grobblech am Standort in Duisburg-Hüttenheim. Einzelne Anlagen in Bochum sollen an den Hauptstandort in Duisburg verlegt werden, zudem baut der Konzern derzeit eine neue Feuerbeschichtungsanlage in Dortmund.

Insgesamt sollten sich die Maßnahmen langfristig in einer Ergebnisverbesserung von rund 600 Millionen Euro niederschlagen, erklärte Osburg. Dabei bediene sich der Vorstand einer anderen Arbeitsweise als früher und sei nun stärker auf die Nachprüfbarkeit und Erreichbarkeit der Ziele ausgerichtet.

„Wenn man in die Vergangenheit schaut, dann findet man alle vier bis fünf Jahre eine neue Strategie aus unserem Haus“, so der Vorstandschef. „Schaut man auf die Ziele und darauf, inwieweit sie erreicht wurden, müssen wir nüchtern feststellen, dass es uns diesmal besser gelingen muss.“

Unklar ist allerdings derzeit, inwieweit die nun gefasste Strategie bis 2030 tatsächlich umgesetzt werden kann. Denn vor einigen Wochen hatte Konzernchefin Martina Merz überraschend angekündigt, verschiedene Optionen für die Zukunft des Stahlgeschäfts zu prüfen. „Es gibt keine Denkverbote mehr“, hatte die Thyssen-Krupp-Chefin vor einigen Wochen gesagt.

Neben einer Weiterentwicklung im Konzern steht seither auch ein Verkauf der Sparte zur Debatte. Als potenzielle Käufer oder Joint-Venture-Partner gelten dabei der schwedische Konkurrent SSAB, dem ein Interesse an einer Mehrheitsübernahme nachgesagt wird, sowie der chinesische Stahlhersteller Baosteel und die europäische Tochter des indischen Konkurrenten Tata Steel.

Zu den verschiedenen Szenarien bezogen weder der Vorstand noch der Betriebsrat im Detail Stellung. Stahlbetriebsratschef Tekin Nasikkol erklärte auf die Frage eines Mitarbeiters, ob die Übernahmegerüchte durch die Schweden zutreffen, lediglich, er sei über solche Gespräche nicht informiert worden. Konkret bezog sich Nasikkol auf einen Artikel in der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“, wonach sich Thyssen-Krupp in fortgeschrittenen Gesprächen über eine Zusammenlegung mit SSAB befinde.

„Ich habe gestern mit dem Konzernvorstand bezüglich dieses Presseartikels gesprochen“, so Nasikkol. Ihm sei dabei ganz klar mitgeteilt worden, an diesem Thema sei nichts dran. „Aber wie immer im Leben ist an allen Gerüchten ein Stückchen Wahrheit dran. Es bleibt abzuwarten, was dabei herauskommt“, sagte der Gewerkschafter.

Doch so oder so sind für die Stahlkocher von Thyssen-Krupp mit Merz’ Ankündigung erneut unruhige Zeiten angebrochen. Schon ihre Vorgänger Heinrich Hiesinger und Guido Kerkhoff hatten versucht, das stark von der Konjunktur abhängige Stahlgeschäft auszulagern und den Konzern auf die Technologiegeschäfte zu konzentrieren. Doch eine geplante Fusion mit Tata Steel Europe war Anfang 2019 am Veto der EU-Kommission gescheitert.

Der Betriebsratsvorsitzende sagt: „An allen Gerüchten ist ein Stückchen Wahrheit dran.“ Foto: dpa