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Thyssen-Krupp rutscht tief in die Verlustzone – Anlagenbau steht zum Verkauf

Die Coronakrise reißt den Industriekonzern tief in die roten Zahlen. Das nächste Quartal könnte mit einem Milliardenverlust enden, warnt der Vorstand.

Für Thyssen-Krupps neuen Finanzchef Klaus Keysberg war die Vorlage der Halbjahreszahlen eine Premiere. Doch von Feierlichkeit war nichts zu spüren. „Die Corona-Pandemie stellt uns vor Herausforderungen, die wir alle noch nicht erlebt haben“, erklärte der Manager am Dienstag in einer Telefonkonferenz mit Journalisten. „Der Umsatz bricht weg, die Kosten laufen weiter“, so die Diagnose.

Der wirtschaftliche Einbruch infolge der weltweiten Lockdown-Maßnahmen trifft den Industriekonzern schwer. Vor allem die Schließungen der meisten europäischen Automobilwerke ließen die Nachfrage zum Ende des Quartals dramatisch einbrechen. In vielen seiner Geschäfte ist Thyssen-Krupp von der Entwicklung der Autoindustrie abhängig.

Unterm Strich verlor der Ruhrkonzern so in den ersten sechs Monaten des Geschäftsjahres, das bis zum September läuft, rund 1,2 Milliarden Euro (Periodenverlust). Die Nettofinanzschulden verdoppelten sich im Vergleich zum September auf 7,5 Milliarden Euro. Für den geplanten Umbau bedeutet die Coronakrise damit eine schwere Hypothek.

Denn dass sich die Lage kurzfristig bessert, steht nicht zu erwarten. Im Gegenteil rechnet der Vorstand sogar damit, dass sich die Verluste im zweiten Halbjahr ausweiten werden.

So teilte Thyssen-Krupp in einer Mitteilung mit, dass der Umsatz in den kommenden Quartalen angesichts der Werksschließungen in der Autoindustrie noch einmal „deutlich zurückgehen“ werde.

Ein bereinigter Verlust (Ebit) von bis zu einer Milliarde Euro bereits im nächsten Quartal könne daher nicht ausgeschlossen werden, hieß es weiter.

Um die Liquidität kurzfristig zu stärken, hatte Thyssen-Krupp sich in der vergangenen Woche einen Kredit bei der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in Höhe von einer Milliarde Euro gesichert.

Zudem rechnet der Konzern noch im laufenden Geschäftsjahr mit dem Abschluss des Verkaufs der Aufzugsparte, der rund 17,2 Milliarden Euro in die Kassen spülen soll.

Mit dem Geld will Vorstandschefin Martina Merz Schulden und Pensionsverpflichtungen abtragen und den Konzern restrukturieren. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Stahlsparte, die das vergangene Halbjahr mit einem Verlust (Ebit) von fast einer halben Milliarde Euro abgeschlossen hat und damit zu den großen Verlustbringern zählt – ebenso wie das Autozuliefer-Geschäft, das zwischen Oktober und März gut 200 Millionen Euro verlor.

Aufzugsparte kann Gewinn leicht steigern

Ausgerechnet die Aufzugsparte, die der Ruhrkonzern kürzlich an ein Konsortium um die Finanzinvestoren Advent und Cinven veräußert hatte, konnte hingegen ihren Gewinn im Vergleich zum Vorjahr von 368 Millionen auf 375 Millionen Euro leicht steigern. Das Geschäft gilt als weitgehend krisenfest, da ein großer Teil der Einnahmen aus Service-Verträgen stammt, die auch in konjunkturschwachen Zeiten für stabile Einnahmen sorgen.

Angesichts der hohen Dynamik der Coronakrise wagte Finanzchef Keysberg keine Prognose fürs Gesamtjahr. Klar sei aber, dass der finanzielle Spielraum, den die Elevator-Transaktion bringen sollte, deutlich kleiner sein werde als ursprünglich veranschlagt. Darauf hatte Vorstandschefin Merz die Belegschaft bereits in der vergangenen Woche in einem Mitarbeiterbrief eingestimmt.

Nach den Aufzügen steht nun auch der Anlagenbau, der sein Ergebnis von minus 63 Millionen auf minus 46 Millionen Euro leicht verbessern konnte, zum Verkauf. „Wir haben mehrere Angebote von Interessenten vorliegen“, sagte Keysberg. Der Konzern sei in „guten Gesprächen“.

Dennoch gebe es bei den Käufern einen „Corona-Vorbehalt“, der eine Entscheidung zum jetzigen Zeitpunkt erschwere. „Wir werden das Thema aber mit ziemlich viel Druck voranbringen“, kündigte der Manager an.

In der kommenden Woche will Vorstandschefin Merz dem Aufsichtsrat ein Update ihrer Strategie vorstellen. Bislang sieht die eine größere Eigenständigkeit der einzelnen Geschäfte vor, bei gleichzeitig verstärktem Fokus auf die Profitabilität. 800 Millionen Euro will der Konzern zusätzlich in den kommenden Jahren ins Stahlgeschäft investieren, um die in die Jahre gekommenen Anlagen an die steigenden Anforderungen der Autoindustrie anzupassen.

Rund 2000 Stellen will Thyssen-Krupp kurzfristig, weitere 1000 mittelfristig im Stahlgeschäft einsparen. Weitere 4000 Arbeitsplätze stehen kurzfristig in den anderen Bereichen zur Disposition. Personalvorstand Oliver Burkhard hatte bereits vor der Coronakrise angekündigt, dass die Zahl in Abhängigkeit von der wirtschaftlichen Entwicklung auch höher ausfallen könnte. Bislang bleibt der Konzern allerdings bei den bislang kommunizierten 6000 Stellen bis 2021/22.