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Thyssen-Krupp hält an seiner Stahlsparte fest – nun droht ein harter Umbau

Knitterscheidt, Kevin Murphy, Martin
·Lesedauer: 7 Min.

Nach der Absage an den britischen Kaufinteressenten Liberty will der Ruhrkonzern sein Stahlgeschäft in Eigenregie sanieren. Die Arbeitnehmer stehen vor schmerzhaften Zeiten.

Die Gespräche mit Liberty Steel über einen möglichen Erwerb von Thyssen-Krupp Steel Europe sind beendet. Foto: dpa
Die Gespräche mit Liberty Steel über einen möglichen Erwerb von Thyssen-Krupp Steel Europe sind beendet. Foto: dpa

Von der Mitteilung am Mittwochabend wurde Sanjeev Gupta kalt erwischt. Erst am Montag hatte der Eigentümer des britischen Stahlherstellers Liberty Steel sein Verkaufsangebot für die Stahlsparte von Thyssen-Krupp aktualisiert, um den Vorstellungen des Ruhrkonzerns näherzukommen.

Auch zu weiteren Verhandlungen wäre der britisch-indische Unternehmer bereit gewesen. „Wir glauben, wir hätten die Bedenken im weiteren Verlauf ausräumen können“, sagte Gupta dem Handelsblatt.

Doch der Vorstand von Thyssen-Krupp brach die Gespräche vorher einseitig ab. Die Vorstellungen über den Kaufpreis und die Struktur des Deals lägen zu weit auseinander, ließ Finanzchef Klaus Keysberg die Öffentlichkeit in einer Mitteilung wissen. „Jetzt kommt es für uns darauf an, die Zukunftsfähigkeit unseres Stahlgeschäfts aus eigener Kraft sicherzustellen“, sagte der Manager.

Die Entscheidung markiert das Ende der ergebnisoffenen Strategie für den Stahl, die Vorstandschefin Martina Merz im vergangenen Jahr ausgerufen hatte. Sie ließ parallel die Sanierung in Eigenregie, den Verkauf und einen Spin-off prüfen. Merz hoffte auf einen ähnlichen Verkaufserfolg wie bei der Aufzugsparte, bei dem Thyssen-Krupp durch eine kluge Verhandlungsführung rund 17 Milliarden Euro erlösen konnte.

Dass ein ähnlicher Coup bei der schwer angeschlagenen Stahlsparte gelingen würde, galt von vornherein als unwahrscheinlich. Reihenweise sagten dann auch potenzielle Interessenten ab, bis nur noch Liberty Steel übrig blieb. Offiziell prüft der Vorstand auch noch einen Spin-off, also eine Ausgliederung der Sparte. Doch aus Sicht vieler Beobachter sind die Hürden dafür sehr hoch.

Denn die Herausforderungen, vor denen Thyssen-Krupp Steel steht, bergen für Investoren ein großes Risiko. Zwar hat es die Stahlsparte dank der anziehenden Konjunktur zum Ende des Jahres wieder in die schwarzen Zahlen geschafft. Doch die Belastungen durch die Überkapazitäten in Europa sowie die regulatorischen Anforderungen an den Klimaschutz sind immens.

Entsprechend groß ist der Spardruck, der nun auf der Sparte lastet. Während Liberty-Chef Gupta den Arbeitnehmern sowohl eine Jobgarantie als auch hohe Investitionen in Aussicht stellte, muss Stahlvorstand Bernhard Osburg die Mitarbeiter nun auf harte Einschnitte einstimmen. Laut Konzernkreisen könnten jetzt zusätzlich zu den bereits beschlossenen 3000 Stellen bis zu 2000 weitere gestrichen werden. Die Zahl geht zurück auf ein Gutachten von McKinsey, das der Stahlvorstand in Auftrag gegeben hat. Dazu soll es demnächst Gespräche mit dem Betriebsrat geben.

Trotz der düsteren Aussichten für die Belegschaft äußerte sich die IG Metall grundsätzlich positiv über das Ende der Gespräche. „Es ist gut, dass an diesem Punkt jetzt Klarheit herrscht“, sagte Jürgen Kerner, Vorstandsmitglied bei der IG Metall und Vize-Aufsichtratschef bei Thyssen-Krupp. Jetzt müssten alle Ressourcen darauf verwandt werden, den Stahlbereich zukunftsfähig aufzustellen, so der Gewerkschafter.

Zudem bekräftigte Kerner die Forderung gegenüber der Bundes- und der NRW-Landesregierung, den Konzern finanziell zu stützen. „Wir sind nach wie vor davon überzeugt, dass es angesichts des immensen Investitionsbedarfs ohne ein substanzielles Engagement des Staates im Sinne einer Brückenfinanzierung nicht gehen wird.“

Unsicherheit in der Belegschaft

In einem internen Mitarbeiterschreiben bereitete Finanzchef Keysberg die Belegschaft schon einmal auf die Pläne vor. Der Vorstand habe immer davon gesprochen, „dass es Kostensenkungen und Maßnahmen braucht, die deutlich über das hinausgehen, was in der Stahlstrategie 20–30 vereinbart wurde“, so der Manager.

Die Strategie war zu Beginn der Coronakrise beschlossen worden und sah neben einem Stellenabbau auch millionenschwere Investitionen in den Anlagenpark sowie eine Jobgarantie bis 2026 vor. Bislang hat sich der Konzern daran gehalten. Erst in der vergangenen Woche gab der Vorstand in Essen das größte Investitionspaket seit knapp 20 Jahren frei, in dessen Rahmen ein dreistelliger Millionenbetrag an den Standorten in Duisburg und Bochum investiert werden soll.

Bei der Bekanntgabe sprach Stahlchef Osburg von einem „starken Signal“, die Investitionen seien ein „großer Vertrauensbeweis in schwierigen Zeiten“. Doch bei den Mitarbeitern sorgt der geplatzte Deal mit Liberty nun erneut für Unsicherheit, nachdem 2018 erst die Fusion mit Tata Steel Europe und später auch die geplante Aufspaltung in einen Werkstoff- und einen Technologiekonzern völlig überraschend geplatzt waren.

Auch die Offerte von Liberty war im Arbeitnehmerlager zunächst mit Skepsis aufgenommen worden. Für anhaltende Fragen sorgte neben der Durchführbarkeit des industriellen Konzepts auch die Finanzierung des Deals – vor allem mit Blick auf die milliardenschweren Pensionsverpflichtungen, die auf der Stahlsparte lasten. Die Unternehmensstruktur von Liberty sei undurchsichtig, hieß es dazu in Gewerkschaftskreisen.
Empörung über geplanten Stellenabbau

Dass die Beschäftigungssicherung bis 2026 wackelt, sorgt im Betriebsrat der Stahlsparte für Empörung. In der Ankündigung, über die vereinbarten 3000 Stellen hinaus weitere Jobs zu streichen, sieht der Arbeitnehmervertreter Klaus Wittig eine „Provokation“. Die Belegschaft habe „die Schnauze voll, immer wieder die Rechnung zu zahlen“, so der Betriebsrat. „Wir fordern: Keinen weiteren Stellenabbau! Investitionen nicht nur in die Anlagen, sondern auch in die Belegschaft!“

Bis mindestens zum 12. März wird die Unsicherheit noch anhalten. Erst dann will der Aufsichtsrat über die Zukunft der Stahlsparte beraten. Als besonders gewichtig gilt dabei das Votum der Vertreter der beiden Großaktionäre, der gemeinnützigen Krupp-Stiftung und des schwedischen Finanzinvestors Cevian, die zu 21 beziehungsweise 18 Prozent an Thyssen-Krupp beteiligt sind.

Nach der Absage des Verkaufs an Liberty stärkte die Krupp-Stiftung dem Management den Rücken. „Der Vorstand hat mit seiner Entscheidung das richtige Maß an Verantwortungsbewusstsein gezeigt“, teilte die Stiftung mit. Dem Abbruch der Gespräche sei eine umfassende und umsichtige Prüfung vorangegangen. Als Ankeraktionärin gehe die Stiftung Seite an Seite mit Management und Beschäftigten. „Wir glauben an das Potenzial des Unternehmens, wieder wettbewerbs- und dividendenfähig zu werden.“

An der Börse hingegen wurde das Platzen der Gespräche zunächst mit einem Kursrutsch quittiert. Nachbörslich lag die Aktie zeitweise knapp 13 Prozent im Minus. Im Tagesverlauf wurde der Rückstand aber wieder aufgeholt. Christian Obst, Analyst der Baader Bank, schrieb in einer Studie, die Absage komme nicht überraschend. Strategisch hätte die Kombination von Thyssen-Krupp Steel und Liberty nicht allzu viel Sinn ergeben.

Liberty-Chef Gupta sieht das anders – und verweist auf den eigenen Bedarf an warmgewalztem Stahl, den er bislang zukaufen muss und mit dem er die Anlagen von Thyssen-Krupp hätte auslasten können. Seinen Plan, die Stahlsparte des Ruhrkonzerns zu übernehmen, will er nicht aufgeben.

„Unsere Tür bleibt weit offen“, sagte der Unternehmer, der sich parallel auch weitere Übernahmeziele ansehen will. „Die Konsolidierung wird weitergehen und wir werden eine entscheidende Rolle dabei spielen.“

Stahlbranche bleibt in Bewegung

Dabei ist der Deal zwischen Thyssen-Krupp und Liberty der zweite in der Stahlbranche innerhalb kurzer Zeit, der maßgeblich auch an den Belastungen durch die Dekarbonisierung scheiterte. So hatte es im Vorfeld zwischen den beiden Konzernen große Unstimmigkeiten darüber gegeben, wie die steigenden Kosten für CO2-Zertifikate in der Zukunft zu bewerten sind.

Laut Finanzkreisen hatte Thyssen-Krupp bei den Verhandlungen mit Liberty diese Kosten nur für die kommenden vier Jahre in die Bewertung einbezogen – obwohl schon heute klar ist, dass die Belastungen danach nicht wegfallen, sondern im Gegenteil deutlich steigen werden.

Auch bei den Verhandlungen zwischen Tata Steel Europe und dem schwedischen Konkurrenten SSAB über einen Verkauf der niederländischen Tata-Werke hatte das Thema CO2 am Ende dafür gesorgt, dass die Gespräche platzten. Zu hoch schien den SSAB-Großinvestoren das Risiko, das Werk in Ijmuiden nahe Amsterdam mit milliardenschweren Investitionen zu dekarbonisieren. Stattdessen wollen sich die Schweden nun auf die eigene Strategie konzentrieren.

Anders als Thyssen-Krupp will SSAB bereits 2026 in die Produktion von grünem Stahl mittels Wasserstoff einsteigen. Der Ruhrkonzern hingegen will seine Emissionen zunächst schrittweise senken, bevor er seine Werke bis 2050 komplett auf die Nutzung von Wasserstoff umstellt.

Die Landesregierung in NRW will Thyssen-Krupp dabei unterstützen. Eine Beteiligung hatte Düsseldorf aber ausgeschlossen. Am Donnerstag sagte Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) bloß:„Die Landesregierung wird sich nach Kräften weiter für beste Rahmenbedingungen einsetzen, damit die Transformation der Stahlindustrie am Standort Nordrhein-Westfalen gelingt.“