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„Theoretisch kann man alles immer nachhaltiger und besser machen“

Sebastian Stricker verkauft Schokoriegel, Wasserflaschen und Seifen. So will er die Welt verbessern: Sein Start-up Share unterstützt mit den Einnahmen Entwicklungsprojekte. Klingt gut. Doch ist gut auch gut genug?

Die Österreichischen Bundesbahnen betreiben bis heute Nachtzüge - und suchen weitere Partner. Foto: dpa

Geht es nach Sebastian Stricker, kann Konsum die Welt besser machen. Als Beispiel dafür liegt ein Schokoriegel vor ihm auf dem Tisch. Er ist nach allen Marketingriegeln verpackt und bedruckt, durch die durchsichtige Folie sind Nüsse und Schokolade gut erkennbar. Daneben liegt eine Packung Kekse, ganz ohne Markennamen. „High Energy Biscuits“ steht schlicht auf der Verpackung. Hilfsorganisationen verteilen solche Kekse an Menschen, die hungern. Früher arbeitete Stricker selbst für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen. Nun verkauft er mit seinem Unternehmen Share Nussriegel bei Rewe oder dm, um damit die Energie-Kekse zu finanzieren. Auch Wasserflaschen und Hygieneartikel hat die Firma im Sortiment.

Soziale Unternehmen wie Share wollen Wirtschaftlichkeit und Ethik miteinander vereinbaren. Doch was, wenn sich wirtschaftliche Grundsätze und Moral widersprechen? Wann siegt der Kostendruck über den Nachhaltigkeitsanspruch? Zeit für ein paar Fragen an den Start-up-Gründer.

Sebastian, der Slogan von Share ist „Teilen für eine bessere Welt“. Wieso sollte die Welt besser werden, wenn ich einen Nussriegel oder eine Wasserflasche von euch kaufe?
Das Konzept von Share ist, dass wir für jedes gekaufte Produkt ein soziales Projekt mit einer Spende unterstützen. Für jede verkaufte Wasserflasche können wir zum Beispiel einem Menschen mindestens für einen Tag sauberes Trinkwasser bereitstellen, indem wir den Bau oder die Reparatur von Brunnen unterstützen. Für den Nussriegel finanzieren wir eine Mahlzeit.

Also verteilt ihr in Afrika nicht dieselben Nussriegel oder Seifenstücke, die bei Rewe und dm im Regal stehen?
Zunächst: Wir unterstützen Projekte in Deutschland und Österreich sowie international in Afrika und Asien. Und, nein, wir verteilen natürlich keine identischen Produkte, sondern ein vom Nutzen her äquivalentes Produkt. Alles andere wäre nicht sinnvoll. Wenn wir für jede Wasserflasche eine zweite Wasserflasche bereitstellen würden, würden die Kosten durch die Decke gehen. Und in ärmeren Regionen haben die Menschen auch mehr von einem Brunnen als von einer Wasserflasche.


Wir wollen darüber sprechen, wie weit Anspruch und Wirklichkeit bei sozialen oder ethischen Unternehmen auseinander liegen. Ihr schreibt auf eurer Homepage: „Heute sind wir noch nicht ganz so nachhaltig, wie wir es gerne wären“. Wie ist das gemeint?
Viele sehen Nachhaltigkeit als Status, den man erreichen kann. Entweder man ist nachhaltig oder eben nicht. Wir sehen Nachhaltigkeit als Prozess, in dem man sich stetig verbessert, aber vielleicht nie endgültige Perfektion erreichen kann. Theoretisch kann man alles immer nachhaltiger und besser machen. Und folglich muss ich mir überlegen, wo ich meine Prioritäten setze. Dazu muss ich mir meine Wertschöpfungskette regelmäßig angucken und nachvollziehen, was die Wirtschaft und Technik an Nachhaltigkeit zulässt.

Dann schauen wir doch mal auf die Wertschöpfungskette von diesem Nussriegel. Die Nüsse pflanzt ihr nicht selbst, den Riegel produziert ihr nicht selbst…
Genau, wir arbeiten mit Lieferanten zusammen.
Was sind eure Ansprüche an eure Lieferanten, zum Beispiel für Kakao und Nüsse?
Unsere Ansprüche sind sehr hoch, die Riegel sollen beispielsweise Bio und FairTrade sein. Bestimmte Nüsse haben wir aber noch nicht mit FairTrade-Zertifikat bekommen. Deshalb haben wir bei einigen Produkten vielleicht auch Lieferanten, die nicht zertifiziert sind, aber wo wir doch ein gutes Gefühl haben.


Ihr hättet also nicht die Rezeptur geändert, weil ihr eine Nuss nicht mit dem FairTrade-Siegel erhalten könnt?
Nein, bisher nicht. Bei bestimmten Inhaltsstoffen gibt es einfach nicht genügend zertifizierte Ware – was nicht automatisch bedeutet, dass sie nicht vertretbar wäre. Wir hatten intern eine große Diskussion, ob es überhaupt moralisch vertretbar ist, dass wir nicht immer das Maximum anbieten können. Und die Konklusion war: Solange wir nachhaltiger als die Alternativprodukte im Markt sind und der Kunde es auch nachfragt, hat unser Produkt einen Sinn. Dann können wir für die Kunden ein besseres Angebot schaffen, das ihm vorher gar nicht zur Auswahl stand.


„Ich mache dann Gewinn, wenn es notwendig ist“

Ist das nicht letztendlich eine Preisfrage? Hat Share ausgerechnet, was das moralische Ultimo kosten würde?
Das ist so wie mit der Nachhaltigkeit. Die Ansprüche zu hundert Prozent zu erfüllen, ist schwierig. Man kann fast immer etwas besser machen. Was nicht bedeutet, dass man es nicht anstreben muss.

Auf eurer Homepage gebt ihr an, wie viel ihr spendet. Pro Wasserflasche sind es zum Beispiel 2,1 Cent…
Das unterscheidet sich von Projekt zu Projekt. Bei anderen sind es 2 Cent, bei anderen 4 Cent oder noch mehr. Für uns ist es wichtig, dass wir die vollen Kosten des jeweiligen Projekts tragen.

Für ein Stück Seife sind es 10,7 Cent. Geht da nicht noch mehr?
Um es abzukürzen: Wir haben eine interne Leitlinie, nach der wir bis zu 20 Prozent unseres Umsatzes spenden. Das heißt aber nicht, dass es immer genau die 20 Prozent sein müssen. Das ist von dem Projekt abhängig. Wir versprechen aber, dass die Spende auf jeden Fall gleichwertig zu einer Mahlzeit oder einem Tag sauberen Trinkwasser oder einer Seife ist. Es kann ja sein, dass Bereitstellung von Seife in Nepal mehr kostet als in Indien.

Wie teilt sich der Rest der Kosten auf? Wie viel investiert ihr in Produktion oder Werbung?
Fragt die WirtschaftsWoche das alle Interviewpartner?

Wir fragen gerne, viele antworten nicht. Aber soziale Unternehmen haben ja einen höheren Transparenzanspruch …
Ich sage mal so: Ein klassisches Konsumgüterunternehmen hat vielleicht eine Marge von 5 bis 20 Prozent, das wäre schon sehr profitabel. Und dann gibt das Unternehmen vielleicht noch mal ähnlich viel für Marketing aus. Bei Produktion und Logistik können wir kaum sparen. Aber wir haben Spielraum bei Marge und Marketing. Und wir müssen es schaffen, mit diesem Spielraum die sozialen Projekte zu finanzieren.

Dann macht ihr mit euren Produkten keinen Gewinn?
Aktuell nicht. Eher Verlust.
Share ist kein gemeinnütziges Unternehmen, also müsst ihr irgendwann Gewinn machen…

Ich mache dann Gewinn, wenn es notwendig ist. Amazon hat jahrzehntelang keinen Gewinn gemacht und hat trotzdem einen großen gesellschaftlichen Einfluss. Wozu soll ich Gewinne machen, wenn ich etwas bauen kann, das gesellschaftliche Relevanz entwickelt und die Welt besser macht. Share soll der Versuch sein, die gesellschaftlich verantwortlichste Konsumgütermarke zu bauen, die es gibt. Dazu muss das Geschäft stabil sein, aber nicht hochprofitabel.

Zu euren Investoren gehört zum Beispiel die Brauerei Bitburger oder Gerolsteiner. Sehen die das genauso?
Ja.

Lehnt ihr Investoren ab, die nicht zu eurer Philosophie passen?
Ja. Wir haben ein Vielfaches an Investorengeldern abgelehnt im Verhältnis zu dem, was wir angenommen haben. Uns war wichtig, dass wir als Managementteam auch weiterhin am Hebel sitzen und die Mehrheit haben.


„Ein Produktportfolio, das Kunden mögen und kaufen“

Eure Spenden gebt ihr an internationale Organisationen wie der Welthungerhilfe oder der Aktion gegen Hunger. Wie viel Einfluss habt ihr auf deren Arbeit?
Uns war sehr schnell klar, dass wir nicht selbst Entwicklungsprojekte aufbauen können. Wir haben da zwar Erfahrung, aber das können andere einfach besser. Und dann müssen es Partner sein, die nachhaltige und sinnvolle Maßnahmen umsetzen können. Dazu brauchen sie eine gewisse Größe, Erfahrung, müssen lokal vor Ort sein. Die müssen auch eine starke Marke haben.

Wozu braucht eine Entwicklungshilfeorganisation eine starke Marke?
Es kann durchaus sein, dass einige Projekte ausgezeichnete soziale Arbeit leisten und als Marke nicht bekannt sind. Aber als Kunde vertraue ich einer bekannten Marke mehr und bin deshalb eher bereit, mehr zu zahlen. Kunden können sich ja nicht mit jeder Entwicklungsorganisation auskennen. Uns ist wichtig, dass es transparent ist, wohin das Geld geht. Deshalb haben wir auf jedem Produkt einen Code. Wir überlegen, ob wir auch die Logos auf die Verpackung drucken.

Die Verpackungen sind aus Plastik. Auch da sind viele Konsumenten kritisch. Wollt ihr das ändern?
Daran arbeiten wir. Aber für Lebensmittel gibt es oft wenig Alternativen für Plastik. Wir haben dafür gesorgt, dass unsere Verpackungen dünner sind und weniger Material verbrauchen. Und bei Wasserflaschen waren wir die ersten, die eine Flasche aus hundert Prozent recyceltem Plastik in Deutschland in den Markt gebracht haben.

Warum nutzt ihr nicht gleich Mehrwegflaschen?
Tatsächlich starten wir im Februar mit Mehrwegflaschen. Wir können einfach nicht alles gleichzeitig machen. Da sind wir wieder beim Thema Nachhaltigkeit und dass das aus unserer Sicht ein Prozess ist, an dem wir konstant arbeiten. Und spezifisch bei den Mehrwegflaschen: Viele Vertriebskanäle nehmen die gar nicht an.

Aber ihr pflanzt nicht für jede Verpackung einen Baum?
Bäume noch nicht. Wir haben uns aber vorgenommen, klimaneutral zu werden. Natürlich wollen wir ökologisch nachhaltig sein, aber der soziale Nutzen steht für uns im Fokus. Wir wollen beweisen, dass soziales Wirtschaften möglich ist und dass es von den Kunden angenommen wird. Und bestenfalls folgen uns die anderen Marktteilnehmer. Bei Recycling-Flaschen haben wir das schon mal geschafft. Da waren wir die Ersten, aber nicht mehr die Einzigen.

Und was folgt im nächsten Jahr?
Aktuell geht es darum, ein Produktportfolio zu bauen, das Kunden mögen und kaufen. Wir haben jetzt Wasser, unsere Nussriegel und Schokolade und Seife und Duschgel. Da arbeiten wir an mehr Sorten. Aber nicht jedes Produkt funktioniert auf jeder Verkaufsfläche gleich gut. Wir sind jetzt auch bei Eurowings und Aral, da funktioniert das Geschäft noch mal ganz anders als im Super- oder Drogeriemarkt. Hier sammeln wir noch Erfahrungen.

Also gibt es erstmal keine neuen Produkte?
Wir haben viele Ideen. Ich würde gerne was im Bereich Bildung oder ethische Mode machen. Mal sehen, ob wir dazu im nächsten Jahr kommen.