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„Tesla ist hier ziemlich ungeordnet gestartet“

Reimann, Annina Welp, Cornelius
·Lesedauer: 9 Min.

Tesla will in Deutschland bis zu 40.000 Menschen einstellen, die IG Metall aber draußen halten. Nun spricht der IG-Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann.

WirtschaftsWoche: Herr Hofmann, mit Tesla kommt ein neuer Autobauer nach Deutschland, der bis zu 40.000 Menschen einstellen will. Die Menschen arbeiten dort teilweise sogar für weniger Geld als bei ihren alten Arbeitgebern Daimler, BMW und Co. Wie sehr regt Sie das auf?
Jörg Hofmann: Wir haben den Anspruch, dass wir Arbeitsbedingungen und Entgelte einigermaßen gleich gestalten. Ich hoffe, dass wir bei Tesla in Grünheide bezüglich Entgelt, Arbeitszeit, Arbeitsbedingungen und Mitbestimmung zu den Standards kommen, die in anderen Unternehmen auch üblich sind. Konkurrenz sollte schließlich vor allem über das Produkt und die Qualität stattfinden. Dass die Gehälter kleiner werden, ist übrigens nicht ausgemacht. Tesla hat schon versucht, Probleme mit Geld zu lösen, das betraf vor allem die Akquise von Personal.

Sie meinen bei der Tesla-Tochter Grohmann Automation?
Ja, genau dort.

Tesla will die IG Metall am liebsten ganz draußen halten. Für Sie wäre das eine Katastrophe, das Beispiel könnte in Deutschland schließlich Schule machen.
Jetzt warten wir erstmal ab. Es freut uns, dass sich Tesla-Chef Elon Musk Deutschland als Standort ausgesucht hat. Ich nehme an, dass er Fachkräfte braucht – und die sind in der IG Metall organisiert. Die Mitbestimmung hat hier eine lange Tradition. Ich weiß, dass das nicht jedem Arbeitgeber gefällt, aber wir wissen, wie man damit umgeht.

Bislang sieht es so aus, als ob Sie bei Tesla mit harten Bandagen arbeiten müssten. Sie haben angeblich einen Brief an das Unternehmen geschrieben – aber nie eine Antwort bekommen.
Ich nehme an, das liegt daran, dass Tesla hier ziemlich ungeordnet gestartet ist. Da haben die Verantwortlichen oft im Monatsrhythmus gewechselt. Herr Musk ist ein hoch innovativer Unternehmer. Wer aber meint, dass die Partizipation der Beschäftigten dafür unnötig sei, ist definitiv von gestern. Die Beschäftigten wollen an Entscheidungen teilhaben, sie wollen mitmachen. Dafür suchen sie sich ein geeignetes Sprachrohr – und das ist in Deutschland die IG Metall.

Was tun Sie konkret, um bei Tesla einen Fuß in die Tür zu bekommen?
Wir haben ein Erschließungsprojekt gestartet. Wir sind vor Ort aktiv und wenn dann die Arbeit aufgenommen wird, werden wir versuchen zusammen mit der Belegschaft, Strukturen zu beeinflussen und aufzubauen.

Mit welchem Aufwand?
Wir haben wie anderswo auch eine Geschäftsstelle vor Ort, die wir je nach Bedarf personell und finanziell unterstützen werden.

Tesla hat die über Jahrzehnte führenden deutschen Hersteller beim Thema Innovation abgehängt. Wie groß sind Ihre Sorgen um die Branche?
Das Thema Software ist eine große Herausforderung, da sind uns die Amerikaner voraus – nicht uneinholbar, aber deutlich. Ein Unternehmen wie Tesla hat hier über Jahre mehr Erfahrungen gemacht und mehr Daten gesammelt als die deutschen Hersteller. Deshalb haben diese bei wichtigen Themen Nachholbedarf, etwa beim automatisierten Fahren oder der Softwareintelligenz im Fahrzeug. Was Themen wie Fahrkomfort, Fahrzeugkonzepte und Prozesseffizienz in der Produktion angeht, sind deutsche Hersteller aber weltweit weiterhin ganz vorne dabei.

Das Thema Software ist auch für Gewerkschaften eine große Herausforderung, weil sich die Arbeitsweisen hier stark von der traditionellen, industriellen Produktion unterscheiden. Für die neue VW-Einheit Car.Software Org haben Sie im Vorstand jüngst einen eigenen Tarifvertrag abgesegnet. Wie wichtig ist dieser?
Er ist wichtig, weil er sicherstellt, dass die Car.Software Org ihre Arbeit mit einer tariflichen Regelung aufnimmt. Damit haben wir die Grundlage dafür gelegt, dass die Idee der Car.Software Org überhaupt Realität geworden ist. Nun werden wir sehen, wie es funktioniert. Wir haben im Vertrag vereinbart, dass wir in 18 Monaten nochmal bewerten, ob die Arbeitsformen, die in einer Softwarebude üblich sind, zum Vertrag passen, ob Arbeitszeiten und -orte zu den Prozessen passen. Wir wollen das zusammen mit der Belegschaft, die sich ja jetzt erst allmählich einfindet, weiterentwickeln. Der jetzt vorliegende Vertrag ist eine Grundlage, auf der wir aufbauen wollen.

Ist er ein Modell für andere Unternehmen?
Er ist hochinteressant. Wir lernen da, zugegebenermaßen, selber noch etwas dazu. Denn gerade in Softwareunternehmen entwickelt sich die Arbeitswelt so schnell fort, dass man da nicht aus dem Lehrbuch diktieren kann. Da muss man experimentieren und zu neuen Konzepten kommen.


Akademischer Hintergrund immer wichtiger

Der Tarifvertrag erfasst auch Beschäftigte, die in der IG Metall bisher unterdurchschnittlich vertreten sind. Ihre Basis sind ganz klar die Arbeiter.
Bei den Neueinstellungen in der Metall- und Elektroindustrie haben mittlerweile bis zu 50 Prozent der Menschen einen akademischen Hintergrund. Insbesondere was den Nachwuchs angeht, wird die Veränderung der Belegschaftsstrukturen also deutlich sichtbar. Wir haben darauf reagiert, indem wir unsere betrieblichen Ansprache-Konzepte überprüft haben. Wir versuchen die Belegschaft selber zu Akteuren zu machen, was betriebspolitische Zielvorstellungen und Lösungen angeht. Das ist ein hochattraktives Politikmodell – auch für Hochqualifizierte. Wo wir damit sehr breit unterwegs waren, war etwa die gute Gestaltung des Homeoffice.

Können Sie die Leute so wirklich bei der Transformation mitnehmen? Viele Jobs werden durch Digitalisierung und den Wandel hin zu autonom und elektrisch fahrenden Autos schlicht überflüssig...
So weitermachen wie bisher ist aber auch keine Alternative. Aus Befragungen wissen wir, dass 50 Prozent der Beschäftigten nicht sehen, dass sich ihr Arbeitgeber strategisch auf die Veränderungen vorbereitet. Wenn wir als IG Metall darauf drängen, findet das Resonanz. Es stellen sich faktisch Fragen wie: Kann der Betrieb diversifizieren und in anderen Bereichen mein Know-how nutzen? Kann er mit anderen kooperieren? Muss er neue Geschäftsfelder erschließen und entsprechend investieren? Die Antworten sind manchmal ungemütlich. Aber es wird noch ungemütlicher, wenn man sich mit diesen Themen gar nicht auseinandersetzt.

Damit mischen Sie sich stark in strategische Fragen ein. Sind Gewerkschafter die besseren Chefs?
Nein, das sind sie nicht. Wir vertreten die Interessen der Beschäftigten – nicht mehr und nicht weniger. Es gibt aber noch viele Chefs, die beim Thema Zukunft ziemlich bräsig unterwegs sind. Wenn sich ein Unternehmer zu wenige Gedanken macht, sorgen wir dafür, dass der Prozess in Gang kommt.

Auch beim Thema Stahl mischt Ihre Gewerkschaft traditionell mit. Aber brauchen wir überhaupt eine europäische Stahlindustrie? Und wie kann man sie retten?
Die Wirtschaft wird immer klimaneutraler. Und gerade da brauchen wir auch einen zuverlässigen Zugang zu Rohstoffen wie grünem Stahl. Keine Stahlindustrie in Europa zu haben heißt, Stahl mit einer miesen Umweltbilanz zu importieren. Und: Was passiert, wenn Abhängigkeiten zu groß werden, erleben wir gerade bei Halbleitern und auch bei Batteriezellen: Sie bremsen den guten Wachstumspfad bei der E-Mobilität in Europa. Das sollten wir beim Stahl vermeiden. Für eine klimaneutrale, europäische Stahlindustrie sind gesellschaftliche Anstrengungen erforderlich. Aber die werden sich lohnen. Wir brauchen resiliente Wertschöpfungsketten in Europa.

Im Jahr 2020 hat die IG Metall Mitglieder verloren – das lag vor allem an Corona und den daraus resultierenden, mangelnden Möglichkeiten zur Akquise. Wie werben Sie in Zeiten von Corona neue Mitglieder an?
Natürlich ist die konkrete, persönliche Ansprache eine wesentliche Voraussetzung. Die ist aktuell durchaus begrenzt, aber keinesfalls unmöglich. Richtig ist aber auch, dass in Deutschland die Beschäftigung zurückging – von November 2019 bis November 2020 waren das drei Prozent. Dabei sind Leiharbeiter nicht erfasst. Das wirkt sich natürlich auch auf uns aus.

Können Sie Beispiele nennen, wie Sie jetzt um Mitglieder werben – sie sollen zum Beispiel eine App entwickeln?
Stimmt, wir lassen gerade eine App für die betriebliche Kommunikation entwickeln. Die ist in der Pilotphase und wird etwa bei BMW und Audi getestet. Social Media ist auch ein Weg, um die fehlenden, direkten Kontaktmöglichkeiten zumindest ansatzweise zu ersetzen. Auch Videokonferenzen spielen eine Rolle. Aber um das klarzustellen: Mehr als die Hälfte der Belegschaften arbeiten weiter in den Betrieben – deswegen ist auch die persönliche Ansprache mit Maske und Abstand weiter möglich.


Corona verschärft den strukturellen Wandel

Können Sie es im Augenblick als Mittel gegen die Krise verkaufen, in die Gewerkschaft einzutreten?
Es ist sinnvoll, solidarische Lösungen zu finden. Das gilt für die Zukunftsthemen, wie: Was sind die Pläne der Betriebe bei Digitalisierung und Klimaschutz und gibt es überhaupt welche? Was bedeutet dies für mich und meinen Arbeitsplatz? Wird investiert, wird qualifiziert? Da sind die Mitarbeiter an unserer Arbeit interessiert, denn der strukturelle Wandel wird durch die Krise verschärft. Und bei der Frage, wie es um den Arbeitsplatz steht, bei Fragen der Gestaltung der Arbeitsbedingungen, gerade jetzt in der Pandemie, suchen die Menschen Beratung, Hilfe und Unterstützung. Da ist die Gewerkschaft sicherlich ein Ansprechpartner, der attraktiv ist.

Ihr Mitgliedsbeitrag hängt ja an dem Entgelt der Beschäftigten. Wie steht es aufgrund der massenhaften Kurzarbeit um die Finanzen der IG Metall?
Zum Glück haben wir vielfach auf betrieblicher und tariflicher Ebene Aufzahlungen erwirken können. Daher haben wir durch Kurzarbeit nicht so starke Beitragsrückgänge, wie zunächst befürchtet.

Corona hat den Wandel in Ihren Branchen beschleunigt, viele Unternehmen müssen sparen und reduzieren Mitarbeiter. Wie passt es da ins Bild, dass Sie 4 Prozent mehr Lohn fordern?
Wir haben ein Volumen von 4 Prozent gefordert – auch, weil 20 bis 30 Prozent unserer Betriebe relativ wenig von der Coronakrise betroffen sind. Aber vor allem: Schauen Sie sich das Sachverständigengutachten an – die bauen darauf, dass wir auch 2021 auf der Nachfrageseite Stabilität haben. Wir haben 2020 die Tariferhöhung ausgesetzt. 2021 brauchen wir eine Stabilität in den Realentgelten. Mit 4 Prozent kommen wir über zwei Jahre gerade auf zwei Prozent im Jahr, das ist die Zielinflationsrate der EZB. Und deswegen halte ich eine Forderung von 4 Prozent für eine an die Situation angepasste Volumenvorstellung. Und das Volumen soll dort, wo es erforderlich ist, auch für Beschäftigungssicherung genutzt werden können. Insofern passt unsere Forderung absolut in diese für viele Betriebe schwierige Zeit.

Sonst hätten Sie acht Prozent gefordert?
Nein, wir fordern das, was Sinn macht. Es wäre auf jeden Fall irrational, jetzt die Entgelte einzufrieren oder gar abzusenken. Wenn sich die Wirtschaftsweisen nicht täuschen, kann der Impuls für Wachstum nicht allein aus der Exportstärke kommen, sondern wir brauchen auch deutsche Binnennachfrage. Dafür brauchen wir stabile Einkommen. Da schlägt die Volkswirtschaft immer wieder die Betriebswirtschaft und den Konflikt werden wir, solange es Gewerkschaft gibt, nicht auflösen.

Was ist dann Ihre Hauptaufgabe in der Pandemie?
Wir haben darauf gedrängt, wirkungsvolle Standards für Arbeits- und Gesundheitsschutz umzusetzen. Wir haben es geschafft, die Beschäftigung zu sichern. Trotz der anfänglichen Produktionsstopps und der vielfach großen Schwierigkeiten und Unsicherheit der Situation konnten weithin Entlassungen vermieden werden. Die Beschäftigten haben stattdessen Arbeitszeitkonten abgebaut, Urlaub genommen oder Schichten reduziert. Durch Kurzarbeit konnten Fachkräfte gehalten werden. Da gab es ein sinnvolles Miteinander von Politik, Arbeitgebern und Gewerkschaften. Umso deutlicher werden wir, wenn jetzt die Krise von einzelnen Arbeitgebern missbraucht wird, Arbeitsbedingungen zu verschlechtern oder gar Standorte zu schließen. Da können wir auch garstig werden.

Mehr zum Thema: Die Umbrüche in ihren Kernbranchen setzen die IG Metall unter Druck. Um ihre Macht zu sichern, wirbt Deutschlands größte Gewerkschaft um Akademiker.