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„Mit einem Tempolimit auf Autobahnen schaffen wir in Deutschland unseren Wohlstand ab“

·Lesedauer: 5 Min.

Die Geschichte Deutschlands ist eng verbunden mit der Mobilität und dem Automobil. Das Auto bedeutet über Generationen hinweg, Freiheit und Sicherheit – und ganz besonders, Selbstbestimmung.

Die technischen Errungenschaften der deutschen Automobilindustrie sind noch heute das Fundament für unseren Wohlstand. Rund 40 Milliarden Euro Gewinn erwirtschaftet die deutsche Automobilindustrie Jahr für Jahr. Selbst Bandarbeiter in der hiesigen Automobilindustrie sind Spitzensteuerzahler und tragen so überproportional zum Wohlstand dieses Landes bei. 94 Milliarden Euro Steuerabgaben generierte die Automobilindustrie 2019 in Deutschland. Das sind immerhin 13 Prozent des gesamten deutschen Steueraufkommens.

Dabei werden von den 15 Millionen produzierten Fahrzeugen der deutschen Hersteller weltweit, fünf Millionen Stück hierzulande gefertigt und nur rund zwei Millionen in Deutschland verkauft. Somit hängt unserer Wohlstand weitgehend von der Begehrlichkeit deutscher Automobile bei ausländischen Käufern ab. Wir sind halt eine hoch vernetzte Exportnation, die auf globalen Wertschöpfungsketten und freien Märkten aufbaut.

Dass deutsche Automobile begehrt sind, hängt mit der Eitelkeit von Menschen zusammen. Es sind Premiumprodukte, in denen der Kunden sich gefällt und gesehen werden möchte – ob physisch auf der Straße oder virtuell in einschlägigen Social Media Kanälen. Premium und dessen emotionaler Mehrwert entsteht nur in Premiumkulturen. Diese müssen gelernt haben, auf welche Kaufattribute es ankommt, damit ein Kunde bereit ist einen Premiumpreis zu bezahlen. Eine solche Premiumkultur haben wir in Deutschland. Die deutsche Automobilindustrie hat das verstanden und Automobile zu „Objekten der Begierde“ gemacht.

Zu Premiumprodukten gehört jedoch nicht nur das Produkt selbst. Es muss auch ein entsprechendes Öko-System dafür vorhanden sein. Bei uns sind es unter anderem die Autobahnen ohne Höchstgeschwindigkeit. Jeder in der Welt weiß, dass es die Deutschen waren, die die Autobahn erfunden haben. So war die erste Autobahn die AVUS in Berlin, eröffnet 1921. Dass man in Deutschland keine Höchstgeschwindigkeit ausweist, ist ein wichtiger Erfolgsfaktor der deutschen Automobilbaukunst. Die theoretische Fähigkeit mit einem Automobil schnell fahren zu können, hat einzigartige Antriebs-, Fahrwerks und Sicherheitstechnologien hervorgebracht. Dass jenseits von 200 km/h ein Fahrzeug sicher auf der Straße liegt, strömungsoptimiert wie auf einem Teppich dahin gleitet und kaum wahrnehmbare Geräusche von sich gibt, ist deutsche Ingenieurskunst. Diese Fähigkeit lässt sich auch im Zeitalter der Digitalisierung und des elektrischen Antriebs nicht so einfach durch andere Länder kopieren. Das zeigen selbst die aktuellen Fahrzeugmodell des Wettbewerbs.

Digitale Funktionalitäten werden die Premiumattribute deutscher Automobile auch nicht ersetzen. Digitale Funktionen werden zur selbstverständlichen Ausstattung in jedem Fahrzeug gehören. Haben sie die Schwelle der Markteinführung überschritten, sind sie leicht und vor allem preiswert skalierbar. Sie stellen in keiner Industrie für Produkte ein Alleinstellungsmerkmal da. Die Hoffnung der Tech-Industrie, dass sie die Automobilwelt eines Tages beherrschen werde, wird sich nicht erfüllen. Jedenfalls nicht im Premium-Segment, wo der höchste Gewinn der Autohersteller gemacht wird. Für das Volumen- und Low-Cost-Segment mag das anders sein. Nur dort verdienen die Deutschen Automobilhersteller schon heute kein Geld.

Regulierungen bedrohen Wohlstand

Allerdings ist das deutsche Premiumprodukt Auto von ganz anderer Seite unter Beschuss – und das sollte uns allen Sorge machen: Es sind die politischen Parteien und Politiker, deren Imperativ nach immer mehr Regulierung das Geschäftsmodell der Automobilindustrie und damit unseren Wohlstand bedrohen. Dabei geht es nicht um das Erreichen immer anspruchsvoller Emissions- und Nachhaltigkeitsziele, die Elektromobilität, das autonome Fahren oder die Digitalisierung des Autos selbst. Das bekommen die deutschen Automobilhersteller immer besser umgesetzt. Es geht um den Entzug eines ganz wichtigen Ökosystemfaktors für Premiumautomobile: der Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen.

Etliche Parteien, allen voran die Grünen und die SPD postulieren in ihren Parteiprogrammen als auch durch Ihre Spitzenpolitiker, dass aus Gesichtspunkten des Umweltschutzes sowie der Sicherheit auf Autobahnen eine Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h eingeführt werden soll. Was ist da dran? Zum einen haben jene Länder, die eine vergleichsweise niedrige Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen besitzen, eine wenig innovative Automobilindustrie. Bestes Beispiel ist die USA, wo Fahrwerke mit einer Technologie aus den 1950er-Jahren Jahren noch immer zum Standard gehören. Dass amerikanische Autos nach europäischem Maßstab auch nicht gerade Premiumprodukte sind, ist bekannt. Zumal spätestens mit der Veräußerung der Marke Opel durch GM, alle Bemühungen amerikanischer Marken in das europäische Premiumsegment einzudringen, gescheitert sind.

Auch das Argument, dass die Sicherheit, womit meistens die Anzahl der Unfälle beziehungsweise verletzten und/oder getöteten Menschen gemeint ist, zieht nicht. Zum einen sind hiesige Autobahnen die sichersten Straßen überhaupt. Bei einer Milliarde gefahrenen Kilometern, werden auf Autobahnen 1,4, auf anderen Straßen 5,4 Menschen getötet (2019). Zudem zeigt die Statistik, dass es im langjährigen Mittel auf Abschnitten mit Tempolimit nicht zu weniger Getöteten oder Verletzten kommt, als dort, wo keine Höchstgeschwindigkeit gilt. Zusätzlich zeigt der Vergleich mit Ländern, in denen schon lange eine Höchstgeschwindigkeit existiert, dass es die deutschen Autobahnen sind, die am sichersten sind. So gibt es auf den Autobahnen in Österreich auf eine Milliarde gefahrener Kilometer 30, in Frankreich 65 und in und in Italien 250 Prozent mehr getötete Menschen als hierzulande.

Auch das Umweltschutzargument zieht nur bedingt. Die Berechnungen des Umweltbundesamt zeigen, dass je nach Höchstgeschwindigkeit rund 0,5 bis 1,0 Prozent der 165 Tonnen CO2 des Verkehrssektors eingespart werden.

Kommen wir zurück zum Hauptargument gegen ein Tempolimit: nämlich, dass wir unsere Kernfähigkeit Premiumprodukte zu generieren, kaputt machen. Wir haben bei Kearney im Mai 2020 2500 Kunden deutscher Premiumfahrzeuge in China, Italien, Frankreich, UK, USA befragt, welche nationalen Identitätsbegriffe sie mit Autos von deutschen Herstellern verbinden. Die höchste Korrelation zum Begriff „Auto aus Deutschland“ haben die Begriffe „Höchstgeschwindigkeit“ gefolgt von „Autobahn“. Der Tenor in den Tiefen-Interviews ist deutlich: „Ein Land, wo man so schnell fahren kann wie man möchte, muss die besten Autos bauen.“

Die Befragung zeigt deutlich, wie wichtig das Thema „Kein Tempolimit auf deutschen Autobahnen“ als Kulturelement für die hiesige Automobilindustrie mit ihren Premiumprodukten und damit für den Wohlstand von uns allen ist. Nur, wer erklärt diese Zusammenhänge den Politikern? Die Hoffnung bleibt, dass die Breite der Bevölkerung ahnt, dass ein Tempolimit einzuführen keine gute Idee ist. Denn, warum sollten wir unseren Wohlstand abschaffen?

Unser Insider Dr. Christian Malorny ist Chef des weltweiten Automobilbereichs der renommierten Unternehmensberatung KEARNEY. Malorny beschäftigt sich mit den unternehmerischen Herausforderungen der Automobilindustrie und seiner Lösungen zur Zukunft der Mobilität. Privat ist er begeisterter Fan deutscher Kleinwagen der Nachkriegszeit und fährt im Alltag das seltene 1-Liter-Fahrzeug von VW.