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Tech-Konzerne kämpfen gegen Vertrauenskrise

Noch nie war der Widerstand gegen Internetkonzerne wie Google und Facebook so stark wie heute. Diese fordern jetzt aktiv ein stärkere Regulierung ein.


Während des Weltwirtschaftsforums hat sich der Schweizer Skiort Davos in eine Ausstellungsfläche für globale Technologiekonzerne gewandelt. Facebook hat in prominenter Lage eine mehrstöckige Ausstellungsfläche in Holz aufgebaut, in der der Konzern seine Offenheit preist. Google, Microsoft und Amazon haben eigene Flächen angemietet. In der Einkaufsstraße von Davos sind viele Geschäfte in Werbezentren für Digitalkonzerne umfunktioniert worden.

Der Druck auf die Firmen wächst. Noch vor wenigen Jahren wurden sie beim Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos als Hoffnungsträger hofiert. Heute werden sie verantwortlich gemacht für einen Missbrauch von Technologie, schädliche Marktmacht und unfaire Steuervermeidungstricks. Die Firmen reagieren mit einer gewaltigen Charmeoffensive. Doch das Vertrauen in die Branche schwindet. Viele zweifeln, wie ernst es den Konzernen mit ihren Ankündigungen ist.

Nichts fasst das so gut zusammen, wie der Auftritt von Google-Chef Sundar Pichai am Mittwoch. Auf der runden Bühne hat er auf einem Stuhl neben WEF-Gründer Klaus Schwab Platz genommen. Pichai lacht freundlich, bedankt sich mehrfach für die Möglichkeit, in Davos sprechen zu dürfen.

Dann sagt er Sätze wie: „Wir müssen Künstliche Intelligenz regulieren.“ Oder: „Die Datenschutzgrundverordnung ist eine großartige Vorlage.“ In anderen Ländern verweise Google sogar auf die Datenschutzregeln in der Europäischen Union als Vorbild.

Der CEO eines der mächtigsten Technologiekonzerne der Welt macht sich klein. Und er fordert die Staaten der Welt auf, seinem Unternehmen strengere Vorgaben zu machen. „Natürlich führt unsere Größe zu einer genaueren Überprüfung.“

Daten auf dem Smartphone des Nutzers speichern

Erst vergangene Woche ist Google in den exklusiven Club der Firmen aufgestiegen, die mit mehr als einer Billion Dollar bewertet sind. Zudem erlesenen Kreis gehören bereits die Digitalkonzerne Apple und Microsoft.

Ja, Google sei mächtig geworden, räumt Pichai ein. Der Konzern greife auf Details aus dem Leben vieler Menschen zu. Der daraus resultierenden Verantwortung sei sich der Konzern bewusst, beteuert Pichai. „Wir müssen Vertrauen gewinnen.“ Ein Weg dahin bestehe in einer Abkehr von einem klassischen Google-Ansatz. Nicht alle Daten müssten zentral ausgewertet werden. Vieles ließe sich auch lokal auf den Geräten der Nutzer erledigen, damit diese die Hoheit über ihre Informationen behielten.

Mit diesen Aussagen steht Pichai nicht alleine. Auch der CEO von Microsoft, Satya Nadella, forderte eine strengere Regulierung der Technologiebranche. „Das ist die Aufgabe der Regierungen“, sagte Nadella: „Sie müssen ihren Job machen.“ Teile des Technologiemarktes müssten verändert werden.

Ähnliche Aussagen platzierte auch die Delegation von Facebook, die mit einer Reihe hochkarätiger Manager nach Davos gereist war, darunter Geschäftsführerin Sheryl Sandberg und Chef-Lobbyist Nick Clegg.

Große Teile der Bevölkerung verlieren das Vertrauen in Digitalkonzerne und Technologien. Das Internet war mit dem Versprechen gestartet, Menschen und Informationen auf der Welt zusammenzubringen. Heute werden viele Entwicklungen des Cyberspace als Bedrohung statt als Verbesserung angesehen.

Die PR-Agentur Edelman weist in ihrem jährlichen Trust Barometer das schwindende Vertrauen nach. Eine Mehrheit der Bevölkerung (61 Prozent) in 28 Industrie- und Schwellenländern sieht die technologischen Entwicklungen als zu schnell an. Gleichzeitig ist eine Mehrheit (61 Prozent) überzeugt, dass Regierungen nicht in der Lage sind, die Technologien ausreichend zu verstehen, um sie effektiv regulieren zu können.

Selbst die CEOs der weltweit führenden Unternehmen gehen mehrheitlich davon aus, dass eine härtere Regulierung oder sogar eine Zerschlagung der Internetkonzerne bevorsteht. Mehr als zwei Drittel der Firmenchefs erwarteten ein härteres Vorgehen der Behörden, steht im jährlichen CEO Survey der Unternehmensberatung PwC, für den mehr als 1.500 Konzernlenker befragt werden.

Zudem ging eine Mehrheit der Befragten davon aus, dass die Firmen künftig gedrängt würden, die Inhalte auf ihren Plattformen strenger zu kontrollieren. Eine knappe Mehrheit von 51 Prozent erwartete sogar, dass die Internetkonzerne künftig ihre Nutzer dafür bezahlen müssen, ihre Daten zu verwenden.

Ausgerechnet in den USA zeigten sich die meisten CEO überzeugt, dass Regulierung zu einer Fragmentierung des Internets führen wird. Mit 66 Prozent war der Anteil der Firmenchefs, die unterschiedliche Regulierungen zu ganz anderen Entwicklungen von Anwendungen und Inhalten in unterschiedlichen Ländern führen wird, höher als in jeder anderen Weltregion.

Neue Form von Clouddiensten

Europäische Firmen wittern seit langem ihre Chance, das Misstrauen gegen die US-Konzerne für sich zu nutzen. Bislang ist das nur begrenzt gelungen. Eine Reihe von Firmen unternimmt nun neue Anläufe.

Dazu zählt zum Beispiel die deutsche Firma Nextcloud. Sie bietet ihren Kunden an, alle Clouddienste auf Basis ihrer eigenen Server zu nutzen. Damit behalten sie die Hoheit über ihre Daten. Die Bundesregierung setzt auf die Lösung, aber auch Behörden in Frankreich, Schweden und den Niederlanden.

Nun weitet Gründer Frank Karlitschek den Fokus der Software aus. Unter dem Namen Nextcloud Hub erweitert Karlitschek um die gleichen Angebote wie Microsoft mit Office 365 oder Google Docs anzubieten für eine gemeinsame Zusammenarbeit – allerdings mit dem Unterscheid, dass alle Daten auf lokalen Servern verarbeitet werden können.

Der Staat könne sich als Leitanwender in Stellung bringen, um Skepsis vonseiten der Nutzer zu begegnen, argumentiert Accenture-Deutschlandchef Frank Riemensperger. Aber es fehle an großen Tech-Konzernen. „Welche großen Tech-Konzerne mit globaler Bedeutung haben wir denn in Europa?

In der IT existiert kein relevanter Hardware-Anbieter, und im Software-Umfeld hält lediglich SAP als wirklich großer und weltweit agierender Konzern die Fahne hoch“, sagte Riemensperger dem Handelsblatt. „Wir brauchen eigene europäische Innovationen und Lösungen, die die Investitionen der Hyperscaler in den USA und China hebeln. Für einen Nachbau ist es zu spät.“