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Die Taliban bereichern sich an 800 Millionen US-Dollar Hilfsgeldern, das Bankensystem steht vor einem Kollaps – ein Insider-Bericht aus Afghanistan

Ein Geldwechsler hält mehrere Bündel Geldscheine auf einem Markt in Afghanistans Hauptstadt Kabul (Foto aus dem Januar).
Ein Geldwechsler hält mehrere Bündel Geldscheine auf einem Markt in Afghanistans Hauptstadt Kabul (Foto aus dem Januar).

Neun Monate sind vergangen, seit die Taliban die Macht in Afghanistan übernommen haben. Ihre Regierung schafft seither nicht nur sicherheitspolitische Unruhen und Beschränkungen für Frauen, sondern ist auch von einem wirtschaftlichen Zusammenbruch bedroht, insbesondere im Bankensystem.

Dennoch schickt die Welt über die Vereinten Nationen zuletzt 32 Millionen US-Dollar in Form von Bargeldpaketen nach Afghanistan, die für soziale Zwecke, Frauen und Kinder sowie für die Gehälter der Büros internationaler Institutionen – einschließlich der Gehälter der Mitarbeiter der Vereinten Nationen – bestimmt sind. Insgesamt haben diese Gelder mittlerweile eine Summe von mehr als 800 Millionen US-Dollar erreicht, erklärte ein Taliban-Vertreter in afghanischen Medien vor etwa zehn Tagen.

Aber helfen die Hilfsgelder wirklich, die Armut in Afghanistan zu bekämpfen? Und sind nicht die afghanische Wirtschaft und die Banken trotzdem vom Zusammenbruch bedroht? Mit diesen Fragen haben wir uns an Mohammad Sabir Momand, den Sprecher der afghanischen Zentralbank, gewandt. Zunächst erklärte er sich bereit, unsere Fragen zu beantworten, doch als wir ihm die Fragen zusandten, weigerte er sich, zu antworten.

Also gingen wir zu einem hochrangigen Mitarbeiter der afghanischen Zentralbank, Ahmad (ein Pseudonym). Er sagte uns, dass die humanitäre Hilfe der internationalen Gemeinschaft mit UN-Flügen nach Kabul gebracht und dann an die International Bank of Afghanistan (AIB) weitergeleitet werde. Ahmad sagt uns jedoch, dass es keine Informationen darüber gebe, wann das Geld die AIB verlässt und wie es verbraucht wird.

Er sagte weiter, dass das Geld zwar von der internationalen Gemeinschaft für humanitäre Hilfe für das afghanische Volk gespendet werde, es aber schlicht nicht klar sei, wo und für welchen Zweck es in Afghanistan ausgegeben wird. "Die Armut breitet sich von Tag zu Tag aus", sagte Ahmad, "und dieses Geld hat nicht dazu beigetragen, das Leben des einfachen afghanischen Volkes zu verbessern."

Eine Taliban-Quelle berichtet, was die Islamisten mit den Hilfsgeldern machen

Eine Taliban-Quelle, die nicht namentlich genannt werden wollte, sagte uns jedoch, dass manchmal ein Teil des Geldes als Zeichen des guten Willens an die Bevölkerung gespendet werde. Der Rest werde aber undurchsichtig für verschiedene Zwecke verwendet – unter anderem für die Versorgung von Taliban-Kämpfern in verschiedenen Konfliktgebieten Afghanistans, darunter im Norden des Landes. Ein UN-Mitarbeiter bestritt diese Vorwürfe auf Anfrage: "Das Geld kommt nicht bei den Taliban an." Der UN-Mitarbeiter ging jedoch nicht näher darauf ein, wie die Bargeld-Hilfen verwendet und von der internationalen Gemeinschaft dem afghanischen Volk übergeben werden.

Mit der Flucht der Investoren, dem Einfrieren der afghanischen Auslandsreserven in den USA und der Einstellung der weltweiten Hilfe für Afghanistan haben Arbeitslosigkeit und Armut in dem Land ihren Höhepunkt erreicht. 97 Prozent der afghanischen Bevölkerung könnten laut Angaben der Vereinten Nationen bis Mitte dieses Jahres in Armut leben.

Auch die Situation der privaten Banken Afghanistans sieht nicht gut aus. Ahmad, der hochrangige Beamte der Zentralbank, glaubt, dass es unmöglich sei, den Zusammenbruch der Banken zu verhindern. Nach dem Sturz der Regierung von Ashraf Ghani wurde das Handelssystem Afghanistans ausgesetzt oder gestoppt und das investierte oder geliehene Geld der Banken festgesetzt. Nun sei kein Geld mehr da, um die Einlagen der Menschen zurückzuzahlen, sagt Ahmad. Ihm zufolge wird das Geld in Raten an die afghanischen Bürger ausgezahlt: umgerechnet 200 US-Dollar in einer Woche.

"Es ist nicht möglich, die Bank vor dem Konkurs zu retten"

Um die Situation der Privatbanken zu verstehen, sprachen wir mit mehreren leitenden Angestellten dieser Banken. Jawed (ein Pseudonym), ein leitender Angestellter der International Bank of Afghanistan (AIB), sagte: "Das größte Kapital einer Bank ist das Vertrauen der Bevölkerung, das unter der Taliban-Herrschaft aber nicht mehr vorhanden ist."

Behzad (ein Pseudonym), ein leitender Angestellter der Azizi Private Bank, erzählt uns, dass 30 bis 40 Prozent der Gehälter der Angestellten gekürzt worden seien Nur noch 20 der 72 aktiven Filialen der Bank in ganz Afghanistan seien geöffnet und 60 Prozent der Angestellten der Bank seien entlassen worden. "Diese Situation betrifft nicht nur die Azizi Bank, auch andere Banken haben das gleiche Schicksal erlitten", sagte Behzad.

Sameer (ein Pseudonym), ein leitender Angestellter der Islamic Bank, erzählte uns ebenfalls, dass die Gehälter bei seiner Bank um bis zu 50 Prozent gekürzt worden seien. "In einer Abteilung, in der 20 Leute arbeiten sollten, arbeiten jetzt zwei Mitarbeiter", sagte Sameer. "Es ist nicht möglich, die Bank vor dem Konkurs zu retten."

Rawush (ein Pseudonym), ein leitender Angestellter der Maiwand Private Bank, sagte uns, dass die Bank in Konkurs gegangen sei und nun unter dem Dach der Zentralbank von Afghanistan stehe. "Es ist ganz klar, dass die meisten afghanischen Banken mit Liquiditätsproblemen zu kämpfen haben und ihr Zusammenbruch unvermeidlich ist."

Nicht alle wollen das eingestehen. Die Taliban behaupten, alles sei in Ordnung und es gäbe keine Probleme mit der wirtschaftlichen Situation des Landes. Doch die Wirtschaftskrise auf den Straßen der Hauptstadt und die Liquiditätskrise hinter den Toren der afghanischen Privatbanken sind Katastrophen, die sich nicht verstecken lassen. Erst vor Kurzem traf Tomas Niklasson, der EU-Sonderbeauftragte für Afghanistan, mit von den Taliban ernannten Vertretern der Zentralbank zusammen, um die Liquiditätskrise zu besprechen. Bisher ohne Ergebnis.

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