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Talanx-Finanzchef fordert Ende der Sonderregeln bei Insolvenzen

Herz, Carsten
·Lesedauer: 7 Min.

Jan Wicke sieht einzelne Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung kritisch. Den eigenen Aktionären stellt der Versicherungsmanager eine Dividende auf Vorjahresniveau in Aussicht.

Die drittgrößte deutsche Versicherungsgruppe Talanx hat sich klar gegen eine mögliche nochmalige Aussetzung von Insolvenzregeln in Deutschland ausgesprochen. „Denn – so leid es mir für die betroffenen Firmen tut – das Problem wird so nicht gelöst, sondern nur verschoben und vergrößert“, sagte Talanx-Finanzchef Jan Wicke dem Handelsblatt in seinem ersten Interview in dieser Position.

In der Anfangsphase der Coronakrise sei die Entscheidung richtig gewesen für Firmen, die ohne Corona kerngesund sind und auf staatliche Unterstützung hoffen können. „Ich halte jedoch nichts davon, die Aussetzung der Insolvenzanmeldung wieder und wieder zu verlängern und damit bereits vor Corona kränkelnde Unternehmen zu retten.“

Um eine Insolvenzwelle bei Unternehmen zu vermeiden, wurde die Pflicht zur Insolvenzanmeldung bei Pandemie-bedingter Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung ausgesetzt und mehrfach verlängert - mittlerweile nur noch bei Überschuldung. Hessen will per Bundesratsinitiative eine Verlängerung erzwingen - zunächst bis Ende März.

Auch auf andere Pandemie-Maßnahmen blickt der Topmanager kritisch. So lehnt er staatliche Vorgaben für das Home Office ab. „Ich halte es für einen Fehler, das von oben herab für alle amtlich vorzuschreiben“, kritisiert der Talanx-Finanzchef. Aus seiner Sicht reiche ein Appell an die Firmen aus. So würden die meisten Firmen seiner Wahrnehmung nach bereits alles tun, um möglichst viele Mitarbeiter zu Hause zu beschäftigen.

Wicke hatte den Posten als Finanzchef bei der Talanx-Gruppe, zu der auch Hannover Rück und HDI Global zählen, im September des vergangenen Jahres angetreten. Trotz der Widrigkeiten der Pandemie erneuerte der Finanzchef jetzt seine Prognose, dass der Versicherer im laufenden Jahr ein Ergebnis von 800 bis 900 Millionen Euro anpeilt.

Auch die Aktionäre sollen davon mit einer Dividendenzahlung profitieren. Die Diskussionen mit der Finanzaufsicht Bafin liefen bereits, sagte Wicke. „Wir können uns, so wie im Vorjahr, die Ausschüttung einer Dividende von 1,50 Euro je Aktie leisten, wenn die Hauptversammlung das so beschließen sollte und die Bafin keine Einwendungen erhebt.“

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Wicke, Deutschland steckt in den entscheidenden Wochen der Pandemie. Die Bundesregierung hat den Lockdown noch einmal verschärft. Wie gefährlich wird das für die deutsche Wirtschaft?
Ich vertraue der Bundesregierung bei ihren Entscheidungen. Man muss aber klar sagen, dass die weitere Verschärfung des Lockdowns natürlich auch wirtschaftliche Konsequenzen haben wird. Insofern hatte die Politik eine schwierige Abwägung zu treffen. Wir können nur hoffen, dass die Wirtschaft über die Resilienz verfügt, einen noch härteren Lockdown durchzustehen. Bei vielen Firmen dürften jedoch durch die ersten Lockdowns bereits Rücklagen aufgezehrt worden sein. Viele Firmen werden kämpfen müssen.

Die Regierung macht stärker Druck auf die Firmen, mehr Homeoffice zuzulassen. Der BDI lehnt eine Vorschrift für das Arbeiten von zu Hause jedoch ab. Sind Sie auch gegen eine klare Vorschrift?
Ich halte es für einen Fehler, das von oben herab für alle amtlich vorzuschreiben. Ich verstehe zwar, dass man angesichts der Virus-Mutation jetzt erweiterte Gegenmaßnahmen überlegt. Aber aus meiner Sicht reicht ein Appell an die Firmen aus.

Gerade kleinere Gewerbetreibende, Gastwirte und Einzelhändler kämpfen um die Existenz. Ist es richtig, dass die Regierung die Frist für Insolvenzanmeldungen bei Überschuldung vorerst ausgesetzt hat?
In der Anfangsphase war die Entscheidung richtig für Firmen, die ohne Corona kerngesund sind und auf staatliche Unterstützung hoffen können. Ich halte jedoch nichts davon, die Aussetzung der Insolvenzanmeldung wieder und wieder zu verlängern und damit bereits vor Corona kränkelnde Unternehmen zu retten. Denn – so leid es mir für die betroffenen Firmen tut – das Problem wird so nicht gelöst, sondern nur verschoben und vergrößert. Generell ist es so – und das sage ich mit voller Überzeugung –, dass, wenn jemand finanziell im Notstand ist, die Probleme so früh wie möglich auf den Tisch kommen sollten. Dann haben alle Beteiligten viel mehr Möglichkeiten, die Schwierigkeiten zu lösen. So droht letztlich nach Ablauf der Frist eine neue Insolvenzwelle.

Ist es nicht verständlich, dass Berlin den in Not geratenen Firmen mehr Zeit verschaffen will?
Doch, aber dahinter steckt ein Irrgedanke. Dass Kreditgeber jetzt nicht mitberücksichtigen, dass vielleicht noch eine Corona-Hilfe aussteht, ist eine falsche Annahme. Wer sich professionell mit Kreditnehmern beschäftigt, wird das in die Betrachtung einbeziehen. Meine Empfehlung wäre eindeutig, die Berichtspflichten im Zusammenhang mit der Insolvenz wieder voll einzusetzen. Wir verstärken sonst die Probleme.

Viele Manager sind über eine D & O-Police, also eine Manager-Haftpflicht, abgesichert. Rechnen Sie 2021 mit einer Prozesslawine wegen Unklarheiten bei Insolvenzfällen?
Auf jeden Fall wird es zu wesentlich mehr Klagen kommen. Allerdings sind die am meisten betroffenen Bereiche – kleine und mittelständische Unternehmen – tendenziell seltener mit einer D & O-Police abgesichert. Im Ergebnis werden somit die Belastungen für die Versicherer steigen, aber eben nicht so stark wie der Anstieg der strittigen Insolvenzfälle.

Die Politik besorgt vor allem, dass die Mutationen des Cornavirus deutlich ansteckender sind. Muss Talanx vor diesem Hintergrund seine Prognosen neu überdenken? Der Konzern peilt bisher für 2020 ein Ergebnis von rund 600 Millionen Euro an …
Die Talanx ist nach wie vor sehr resilient und ich bin weiter sehr zuversichtlich, dass wir unser Ziel von über 600 Millionen Euro im Konzernergebnis erreichen werden. Der zweite Lockdown vor Weihnachten wird zwar für etwas mehr finanziellen Schaden sorgen als ursprünglich gedacht. Aber die Gesamtvorhersage wird davon nicht beeinflusst werden. Ich mache mir keine Sorge um unsere Prognose. Auch für 2021 bleibt es dabei, dass wir ein Ergebnis von 800 bis 900 Millionen Euro anpeilen.

Trotz Corona wollen Sie nicht die Dividende kappen. Rechnen Sie mit längeren Diskussionen mit der Finanzaufsicht Bafin?
Die Diskussionen laufen bereits. Alle börsennotierten Versicherer haben von der Bafin ein Schreiben bekommen, in dem die Finanzaufsicht kritisch hinterfragt, ob die Dividende gezahlt werden kann. Wir haben dafür Verständnis, dass die Unternehmen in der Krise mit dem Geld sorgsam haushalten sollten. Doch wir sind sehr zuversichtlich, was die Diskussion angeht. Die Talanx steht gut da und wir sind sehr resilient – wir können uns, so wie im Vorjahr, die Ausschüttung einer Dividende von 1,50 Euro je Aktie leisten, wenn die Hauptversammlung das so beschließen sollte und die Bafin keine Einwendungen erhebt.

Dennoch hat Corona die Talanx allein in den ersten neun Monaten 2020 rund eine Milliarde Euro gekostet. Müssen sich viele Kunden nun auf steigende Preise einstellen?
Ja und Nein. Die größte Auswirkung auf das Geschäftsmodell der Versicherer kommt durch die niedrigen Zinsen. Die führen im Kern dazu, dass wir inzwischen höhere Prämien brauchen, um den gleichen Puffer wie bisher zu erwirtschaften, mit dem wir Schäden und unsere Kosten decken. Deshalb gibt es in einigen Sparten erheblichen Druck auf die Preise und die Versicherungstechnik. In Sparten wie der Kfz-Versicherung sind die Preise dagegen sogar günstiger geworden. Das Bild ist also differenziert.

Ihre Tochter Hannover Rück könnte im September in den Dax aufrücken. Welche Bedeutung hätte das für die Talanx?
Das würde uns für die Hannover Rück selbstverständlich freuen. Ein Aufstieg in den Dax würde ihr bessere Refinanzierungsmöglichkeiten eröffnen, weil sie so eine noch breitere Investorenschaft ansprechen könnte. Das finden wir natürlich gut, wenn es so kommen sollte. Zugleich könnte die Talanx ja auch in den MDAX aufsteigen. Aber es ist nicht so, als ob wir jeden Tag auf den Kurschart schielen würden. Bis September ist noch viel Zeit. Viel wichtiger für uns ist, dass wir unsere Strategie, unsere Finanzziele erreichen. Das Gedeihen unserer Gruppe hängt nicht davon ab, ob und in welchem Index wir sind.

Blicken wir noch mal nach vorne: Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn die Corona-Lockdown-Maßnahmen einmal alle aufgehoben sein werden?
Was mir sehr fehlt, ist der unkomplizierte Austausch mit anderen Menschen. Ich sehne den Moment herbei, wo wir wieder gemeinsam lachen können, ohne an die Aerosole in der Luft zu denken.

Herr Wicke, vielen Dank für das Interview.