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Taiwan trotzt der Coronakrise – doch das Wachstum ist bedroht

·Lesedauer: 5 Min.

Kaum ein Land hat die Pandemie so gut im Griff wie Taiwan. Doch die zunehmenden Spannungen zwischen den USA und China gefährden die Erfolgsgeschichte.

Manchmal sind Investitionen auch ein politisches Statement: Der US-Softwarekonzern Microsoft stärkte diese Woche Taiwan den Rücken. Gemeinsam mit Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen kündigte Microsoft den Bau eines Datenzentrums auf der Hightech-Insel vor der Küste Chinas an. Präsidentin Tsai brachte die Bedeutung des Deals auf den Punkt: „Unsere Zusammenarbeit ist ein weiterer Schritt vorwärts in der Partnerschaft zwischen Taiwan und den USA“, sagte die progressive Politikerin.

Tatsächlich verdeutlicht die Investition Microsofts Taiwans prekäre Sonderstellung: Auf der einen Seite hat kaum ein Land die Coronakrise so gut im Griff wie Taiwan - das gilt sowohl für die Pandemie an sich als auch für deren ökonomische Folgen. Andererseits ist die erstaunliche Erfolgsgeschichte des Landes, das einen Großteil der Computerchips für Technikkonzerne in aller Welt liefert, bedroht – durch die wachsenden Spannungen im Konflikt zwischen den USA und China.

„Taiwans Wirtschaft lässt souverän die Covid-19-Schwäche hinter sich“, sagt Sean Darby, der Chefstratege des Investmenthauses Jefferies. Denn während die meisten Industrieländer tief in Wirtschaftskrisen versinken, kassiert Taiwan derzeit eine pandemische und geopolitische Dividende ein.

Taiwan ist eines der wenigen Länder, für die der Internationale Währungsfonds keine Schrumpfung der Wirtschaftsleistung erwartet. Das taiwanische Institut für Wirtschaftsforschung rechnet sogar mit einem Wachstum von 1,8 Prozent.

Obwohl die Wirtschaft eng mit Chinas verflochten ist und das Land generell viele Besucher hat, konnte es mit demokratischen Mitteln ohne Ausgangssperren die Infektionszahlen auf nahe null reduzieren. Denn die Gesundheitsbehörde hatte bereits Ende Dezember 2019 die etablierten Pandemieprotokolle aktiviert und Infektionen mit dem Einsatz von Technik verfolgt. Dadurch hat schon die Binnenkonjunktur weniger gelitten als im Rest der Welt.

Gleichzeitig profitiert das Land kurzfristig von dem globalen Trend zu Telearbeit und auch dem Technikkrieg davon, mit seinen starken Chip- und Elektronikunternehmen das Glied in der globalen Lieferkette zu sein, das China und den Rest der Welt verbindet. Taiwanische Auftragsfertiger wie Foxconn stellten bislang Smartphones und andere Elektronikprodukte für Apple und den Rest der Elektronikwelt in Fabriken wie China her. Fabriken in Taiwan lieferten die Bauteile hinzu.

Mehr als 40 Prozent der taiwanischen Exporte gehen daher nach China. Doch auch in anderen Ländern funktioniert Hightech nicht ohne taiwanische Produkte. So war die Insel, die auf der Größe der Schweiz 23 Millionen Menschen eine Heimat bietet, im Jahr 2019 mit einem Weltmarktanteil von 17 Prozent nach den USA der zweitgrößte Halbleiterproduzent.

Eine Erfolgsgeschichte also – wäre da nicht die Sorge, dass Taiwan wirtschaftlich und militärisch im eskalierenden Konflikt zwischen den USA und China zerrieben werden könnte. China sieht die kleine Republik China als integralen Teil der Nation und droht seit Jahrzehnten, sie notfalls mit Gewalt heim ins Reich der Mitte zu holen.

Nach der Ankündigung mehrerer Waffenverkäufe der USA an Taiwan warnte Hu Xijin, der Chefredakteur der „Global Times“, eines Sprachrohrs der kommunistischen Partei Chinas, kürzlich: „Die Gefahr, dass die jüngsten Spannungen in einen Krieg münden, wächst.“

Und so könnte Taiwan gerade die Rolle als Bindeglied zwischen China und der Welt zum Verhängnis werden. Noch braucht China die Technik aus Taiwan, um seine eigene Industrie aufzurüsten. Aber nicht zuletzt der Druck aus den USA sorgt dafür, dass China sich zunehmend unabhängig von taiwanischen Lieferungen macht. Das wiederum gefährdet den langfristigen ökonomischen Erfolg der Insel.

Gleichzeitig stärken Chinas massive Aufrüstung und das massive Durchgreifen Pekings in Hongkong die demokratische Fortschrittspartei von Präsidentin Tsai. Und die glauben nicht mehr an die frühere Ein-China-Politik, die China weiterhin verfolgt, sondern sehen Taiwan nun als unabhängigen Staat.

Seit ihrem ersten Wahlsieg versucht Tsai daher einen Drahtseilakt. Sie vermeidet eine offizielle Unabhängigkeitserklärung, um China nicht zu einem Militärschlag zu provozieren. Gleichzeitig versucht sie, das Land wirtschaftlich und politisch aus der Abhängigkeit Chinas zu befreien. Seit Jahren predigt sie, dass Taiwans Wirtschaft sich mehr im Rest Asiens engagieren soll.

Und sie wirbt seit Längerem dafür, dass westliche Technologiekonzerne in Taiwan und nicht in China Forschungs- und Datenzentren errichten. Doch erst die harte Haltung Washingtons gegenüber China verhilft dieser Strategie zum Durchbruch. Und so trennen sich taiwanische Auftragsfertiger von ihren Fabriken in China und bauen neue in Südostasien und Indien auf, um von dort die nicht chinesische Lieferkette zu beliefern.

Und mit Microsoft konnte Tsai nach Google nun einen weiteren Internetkonzern auf die Insel holen. 30.000 neue Jobs will Microsoft dort schaffen. Trotz solcher Erfolge muss sich erst noch zeigen, ob die westlichen Märkte die möglichen Verluste in China wettmachen können. Dazu kommt das geopolitische Risiko. Noch schrecken die USA zwar davor zurück, Taiwan diplomatisch anzuerkennen. Aber sie werten das Land mit historischen Besuchen von Regierungsvertretern auf – und sie liefern Rüstungsgüter.

Vorige Woche kündigten die USA erstmals den Verkauf eines offensiven Raketensystems an. Diese Woche folgte ein 2,4 Milliarden Dollar schwerer Deal für mehr als hundert mobile Harpoon-Abschusssysteme für Schiffabwehrraketen.
Taiwan setzt damit auf eine „asymmetrische Kriegsführung“.

Das bedeutet, dass die Regierung von Präsidentin Tsai Ing-wen den Preis einer Invasion des übermächtigen Gegners durch Aufrüstung mit relativ preiswerten Waffensystemen derart in die Höhe treiben will, dass Chinas Führung von militärischen Abenteuern absieht. Eine riskante Strategie.

Noch hält der Frieden an der Taiwan-Straße zwar, die China von Taiwan trennt. Aber China reagiert immer schärfer. Diese Woche verhängte Peking Sanktionen gegen die vier US-Rüstungskonzerne, die Waffen liefern werden. Der Ton auf beiden Seiten der Taiwan-Straße wird rauer – und damit die politischen Risiken für das taiwanische Erfolgsmodell.