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Türkisches Gorillas: Getir vor Expansionsoffensive in Deutschland

·Lesedauer: 5 Min.
Ein Getir-Kurier öffnet die Transportbox seines motorisierten Rollers.
Ein Getir-Kurier öffnet die Transportbox seines motorisierten Rollers.

Der türkische Schnelllieferdienst Getir plant zwei Monate nach seinem Start in Berlin eine rasche Ausweitung des Geschäfts auf dem deutschen Markt. Er gehe davon aus, die Konkurrenten überflügeln zu können, sagte der Gründer und Vorstandschef Nazim Salur im Gespräch mit Welt.

„Wir sind klarer Marktführer in Großbritannien und in der Türkei. In Deutschland haben wir Wettbewerber, die früher in den Markt eingestiegen sind als wir, aber wir kommen nicht zu spät“, so Salur: „Auch hier streben wir definitiv die Marktführung an.“ Die deutschen Konsumenten würden von dem scharfen Wettbewerb profitieren, der nun bevorstehe.

Bisher kann das in Deutschland noch kaum bekannte Unternehmen eine beeindruckende Wachstumskarriere vorweisen. Salur, 59, hatte es 2015 zusammen mit einer Handvoll Freunden in Istanbul gegründet. Im laufenden Jahr sammelte Getir (zu deutsch: „Bring“) bei Investoren in drei Finanzierungsrunden knapp eine Milliarde Dollar zur Finanzierung des internationalen Wachstums ein.

Die Geldgeber veranschlagten den Unternehmenswert dabei auf rund 7,5 Milliarden Dollar (6,8 Milliarden Euro), etwa soviel wie beispielsweise die Commerzbank. Damit ist der Botendienst das wertvollste Start-up der Türkei, wo er nach eigenen Angaben inzwischen 25.000 Mitarbeiter beschäftigt.

Start in sechs Städten in diesem Jahr

In den deutschen Markt war Salurs Firma im Juni mit der Aufnahme von Lebensmittellieferungen in Berlin eingestiegen. Auch in London, Paris und Amsterdam fahren seit wenigen Monaten seine lila-gelben Elektro-Mopeds. Der weitere Geschäftsaufbau in Deutschland werde einen hohen Bedarf an Arbeitskräften auslösen, sagte Salur.

Die Zahl der Mitarbeiter solle bis Jahresende 2021 von derzeit gut 300 auf rund 1000 steigen. „Für die nächsten zwei Jahre gehe ich von 10.000 Arbeitsplätzen in Deutschland aus“, kündigte er an.

Noch im laufenden Jahr sollen sechs weitere Städte bedient werden, zunächst Hamburg, wo der Start für Oktober geplant sei. Anschließend stehe der Rhein-/Ruhr-Raum mit dem Einstieg in Köln, Düsseldorf, Dortmund und Essen auf der Liste. In Süddeutschland kämen Stuttgart, Nürnberg oder München in Betracht. Dort suche man nach Standorten für Verteilcenter.

Trotz des Tempos brauche man schon zum Start in den jeweiligen Regionen eine ausreichende Marktdurchdringung: „Wir wollen von Anfang an mindestens die Hälfte der Bevölkerung in den Städten erreichen, in denen wir antreten“, sagte Salur. Die Erschließung eines Marktes sei insgesamt „ein Marathon, kein Sprint“.

Gorillas, Flink und Delivery Hero sind schon da

In den deutschen Großstädten ist in den vergangenen Monaten ein massiver Wettkampf der Turbolieferdienste wie Gorillas, Uber Eats oder Flink entbrannt. Auch der Dax-Konzern Delivery Hero ist kürzlich mit seiner Marke Foodpanda in den deutschen Zehn-Minuten-Liefermarkt eingestiegen und hegt ehrgeizige Wachstumspläne.

Salur rechnet damit, dass sich das Teilnehmerfeld bald wieder lichten wird: „Wie immer, wenn ein neuer Markt erschlossen wird, gibt es zuerst zahlreiche Wettbewerber. Einige werden Erfolg haben, andere nicht“, gab er sich gelassen und zeigte sich sicher, dass seine Firma auf der Gewinnerseite stehen werde. Die vor sechs Jahren gegründete Getir sieht er als Pionier und Ideengeber der Branche.

Der neue Zweig des E-Commerce formt nach Einschätzung von Erik Maier, Handelsprofessor an der Leipzig Graduate School of Management, vor allem eine Konkurrenz für die stationären Spezialisten des schnellen, kleinen Konsums, wie Bahnhofsläden, Tankstellenshops, Kioske, Trinkhallen oder Spätis. Das Marktvolumen ist beachtlich. Die Handelsforschung Planet Retail bezifferte den Umsatz dieser sogenannten Convenience Stores für 2020 einmal auf weltweit rund 320 Milliarden Euro.

Wachstum hat Vorrang vor Gewinn

Angesichts dieses hohen Volumens wittern Investoren mittelfristig beachtliche Gewinnchancen und stecken Milliarden in das Geschäft. Vorerst dient das viele Geld jedem der Wettbewerber vorrangig dazu, in dem neuen Milliardenmarkt eine möglichst gute Ausgangsposition zu erreichen.

Wachstum hat auf absehbare Zeit Vorrang vor Gewinn, Verluste sind erst einmal programmiert. Auch der klassische Lebensmittelhandel nimmt die Neulinge jedoch ernst, wie etwa der Einstieg von Rewe bei Flink im Juni zeigte.

„Mittelfristig muss das Geschäft natürlich profitabel sein, sonst wäre es nicht nachhaltig“, sagte Salur. Deutschland sei als größte Volkswirtschaft in Europa ein wichtiger Markt: „Wer hier nicht erfolgreich ist, hat seinen Job nicht ordentlich gemacht.“ Das wirtschaftliche Umfeld passe außerdem gut zum Geschäft des Unternehmens.

„Deutschland hat sehr viele Konsumenten mit mittlerem Einkommen“, so der Unternehmer: „Es gibt kaum wirklich Arme, da das Sozialsystem ein Einkommen auch in schwierigen Lagen garantiert.“ Der relative gesellschaftliche Wohlstand führe dazu, dass das arbeitsintensive Geschäftsmodell Schnelllieferdienst auch in einem Hochlohnland funktioniere: „Verglichen mit der Türkei sind die Löhne in Deutschland hoch. Aber die Kundenbestellungen sind es auch.“

Getir setzt auf ein „hybrides Arbeitszeitmodell“

Etliche Schnelllieferdienste sind allerdings wegen der Arbeitsbedingungen der Kuriere in die Kritik geraten. So war es im Sommer bei Gorillas zu Protestaktionen der Fahrer gekommen, die bis in die Bundespolitik hinein für Aufmerksamkeit sorgten.

Salur verspricht den Kurieren Konditionen, die aus seiner Sicht fair sind. Bei einem Anfangsstundenlohn von 10,50 Euro hätten sie die Wahl zwischen unbefristeten festen Vollzeitstellen und temporären oder Teilzeit-Jobs: „Wir glauben an ein hybrides Arbeitszeitmodell.“ Zudem würden an den Verteilstellen Ruheräume und Toiletten zur Verfügung gestellt.

Die körperliche Belastung halte sich durch die Verwendung von E-Mopeds in Grenzen. Zudem werde kein Bote zu übermäßiger Eile gedrängt: „Unsere Kuriere müssen nicht schnell sein, weil unsere Technologie Schnelligkeit ermöglicht.“ Deshalb werde beim Werbespruch „Lebensmittel in Minuten“ keine konkrete Ziffer genannt, obwohl zehn Minuten oder weniger normalerweise erreicht würden.

„Ein bisschen faul zu sein, ist menschlich“

Nur in der erste Phase des Geschäftsaufbaus konzentriere man sich auf 18- bis 35-Jährige als typische Kunden. „Mittelfristig sind es alle“, sagt der Firmengründer: „Meine 83-jährige Schwiegermutter nutzt Getir oft, auch kleine Kinder können schon mit dem System umgehen.“

Als Hauptmotiv der Kundschaft hinter den Bestellungen bei einem Turbolieferanten hat Salur ganz klar eines ausgemacht: Bequemlichkeit. Spekulationen, wonach das Unternehmen vorzugsweise in Städten mit einer großen türkischstämmigen Gemeinschaft einsteige, dementierte er: „Das Bedürfnis nach Bequemlichkeit ist universell, egal, ob Du Türke, Deutscher oder Franzose bist. Ein bisschen faul zu sein, ist menschlich.“

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