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Das türkische Wirtschaftswunder – die Gründe und die Risiken

Demircan, Ozan
·Lesedauer: 7 Min.

Die Türkei gehört zu den wenigen Staaten, deren Wirtschaft im Pandemiejahr 2020 leicht gewachsen ist. Ist der Erfolg nachhaltig?

Es war das Frühjahr 2020, als der erste Lockdown die Welt lahmlegte. Badestrände blieben leer, Fließbänder standen still, die Wirtschaft fuhr global herunter. Nicht so bei Sekib Avdagic. Der Präsident der Istanbuler Handelskammer ITO vertritt 420.000 Mitgliedsunternehmen in der Metropole. Und als die Welt in den Abgrund blickte, sagte der eifrige Lobbyist Avdagic: „Jetzt ist unsere Chance gekommen.“ Wenn die türkischen Unternehmen jetzt durchhielten, könnten sie wichtige Marktanteile erobern.

„Wir können nicht gegen die Pandemie kämpfen, indem wir alles andere aufschieben. Wir müssen weiter produzieren“, forderte der Kammerchef auf. Sein Appell wurde gehört.

Manches türkische Industrieunternehmen habe auf die Pandemie nicht mit Kurzarbeit und Abfindungsprogrammen reagiert, berichtet Nergis Özcan, die für den Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf das Türkeigeschäft leitet. Die Firmen bildeten stattdessen intern neue Exportabteilungen, um die Expansion im Ausland zu stärken. Anfragen aus Ländern wie Italien seien hereingekommen – Länder, die vorher nie Produkte in der Türkei bestellt haben, erzählten türkische Geschäftspartner Özcan damals.

Die Folgen lassen sich heute in Zahlen ablesen: Die türkische Volkswirtschaft dürfte zu den wenigen weltweit gehören, deren Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2020 gewachsen ist, wenn auch nur leicht. Die Weltbank rechnet mit 0,5 Prozent Wachstum für 2020, der Internationale Währungsfonds (IWF) geht sogar von 1,2 Prozent aus. Verglichen mit einem Einbruch der Weltwirtschaftsleistung um 4,3 Prozent, die die Weltbank für 2020 erwartet, eine phänomenal robuste Entwicklung.

Und die Aussichten sind gut: Für das laufende Jahr rechnet die Weltbank mit 4,5 Prozent Wachstum, im Jahr 2022 mit fünf Prozent. Mit dem unberechenbaren Kurs von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, dem Absturz der Lira und der hohen Verschuldung in Fremdwährung bei türkischen Unternehmen sind die langfristigen Risiken in dem Land am Bosporus enorm.

Doch die Wachstumsbilanz in der Corona-Pandemie kann sich sehen lassen.

Schnell viel unternehmerische Freiheit im Lockdown

Ein Grund für den Erfolg der türkischen Wirtschaft ist der Zwang zu Wachstum: In einem Land, in dem ein Drittel aller Beschäftigten den Mindestlohn erhält und die Preise jährlich um bis zu 15 Prozent steigen, kann kaum jemand von Ersparnissen oder Kurzarbeitergeld leben. Viele Familien sind auf ein regelmäßiges Einkommen angewiesen. Eine Debatte über Komplettschließungen wäre in der Türkei nicht finanzierbarer Luxus, auch weil die Fiskalpolitik nicht in dem Maße subventionieren kann wie in vielen EU-Staaten.

So lief der anatolische Wirtschaftsmotor weiter – praktisch das ganze Jahr über. Baustellen hatten von Anfang an eine Sondergenehmigung, weil dafür häufig Arbeiter aus Anatolien für mehrere Wochen in die Großstädte gebracht werden. Es hätte sich sowohl finanziell als auch epidemiologisch nicht gelohnt, sie zurückzuschicken. Mit einem speziellen Hygienekonzept durften auch die Hotels an der Türkischen Riviera Gäste empfangen. Mancher Hotelier investierte für Trennwände, zusätzliches, geschultes Personal und desinfizierte Covid-Zimmer Hunderttausende Euro.

Die Türkei habe früh ein umfangreiches Konzept vorgelegt, um Reisen aus dem Ausland wieder zuzulassen, sagt Deniz Ugur, Mitglied im Ausschuss „Politik und Ausland“ des Deutschen Reiseverbands und Inhaber des Reiseveranstalters Bentour. „Andere Urlaubsländer hinkten damals lange hinterher.“

Restaurants und Cafés durften einen Großteil des Jahres ihre Produkte nur ausliefern. In einem Land, in dem auch ohne Pandemie die meisten ihr Essen online bestellen, war das jedoch für Unternehmer und Kunden keine große Umstellung.

Die Unternehmen investierten in der Krise

Unterstützt wurde der Wirtschaftskurs von der Geldpolitik aus Ankara. Die Leitzinsen blieben bis November 2020 niedrig. So konnten Konsumenten billig auf Pump einkaufen, Unternehmen nutzten die niedrigen Zinsen, um weiter zu investieren. Allein zwischen Januar und April stieg das Volumen der Privatkredite in der Türkei um 60 Prozent an. Bei den Unternehmenskrediten lag das Plus sogar bei 80 Prozent.

Nach Beginn der Pandemie lieh sich Unternehmer Alper Akmaner drei Millionen Lira, damals rund 424.000 US-Dollar, um weiter zu produzieren. Alternativloser Optimismus, und die Strategie ging auf. So dachten viele.

Die niedrigen Zinsen ließen die Lira auf ein Rekordtief sinken. In der Spitze mussten Türkinnen und Türken mehr als zehn Lira pro Euro bezahlen, über 30 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Was für Importeure und Konsumenten schwierig war, ließ türkische Exporte günstiger werden. Sie waren in aller Welt gefragt. Das galt auch für die türkische Landwirtschaft, die das Glück hatte, mit einer Rekordernte aus dem Jahr 2020 zu gehen. Die schwache Lira half dabei, türkisches Obst und Gemüse weltweit zu konkurrenzfähigen Preisen anzubieten. Das spülte Geld in die Kassen und rettete viele Arbeitsplätze auf dem Land.

Türkischer Stahl war wegen der schwachen Lira in Europa derart günstig, dass die Konkurrenten Thyssen-Krupp und Arcelor-Mittal eine Beschwerde bei der EU-Kommission einreichten. Der Vorwurf: Dumping.

Der Effekt zeigt sich in den Unternehmensbilanzen. Viele Firmen melden Rekordgewinne. Der Acrylproduzent Aksa etwa meldete, im vierten Quartal 2020 sowie im Januar 2021 komplett ausgelastet gewesen zu sein. Orge, ein Anbieter für Elektroniksysteme in Gebäuden und Fabriken, meldete einen um 28 Prozent höheren Quartalsgewinn. Der Stahlkonzern Erdemir übertraf die Erwartungen der Analysten der türkischen Halkbank um 17 Prozent. Der Reingewinn des Autoherstellers Ford Otosan war im Schlussquartal 30 Prozent höher als geschätzt.

Kursschwenk im November

Doch dauerhaft hätte die schwache Lira, die die Exporte gestärkt hat, der Volkswirtschaft hohen Schaden zugefügt. Das chronische Handelsbilanzdefizit weitete sich im Pandemiejahr weiter aus auf aktuell 36,7 Milliarden US-Dollar. Hinzu kommen hohe Auslandskredite türkischer Unternehmen im dreistelligen Milliardenbereich.

Deshalb hob die Zentralbank auf Geheiß der politischen Entscheider in Ankara die Leitzinsen seit November unter neuem Finanzminister und Notenbankchef um 675 Basispunkte an. Der Wechselkurs zum Euro ist seitdem von 10,5 Lira auf nur noch 8,50 Lira geklettert.

Gleichzeitig hat die Türkei mit Beginn der zweiten Infektionswelle im November scharfe Lockdowns für die Bevölkerung verhängt. Dazu gehören Ausgangssperren, Maskenpflicht überall außerhalb der Wohnung sowie eine breite Teststrategie und Kontaktverfolgung. Junge und alte Menschen dürfen nicht mit Bus und Bahn fahren und nur zu bestimmten Uhrzeiten vor die Türe. Der Unterricht findet online statt.

Die Wirtschaft kann mit diesen harten Vorsichtsmaßnahmen besser umgehen als mit einer Komplettschließung der Wirtschaft. Nicht nur Supermärkte bleiben trotz der Maßnahmen geöffnet, sondern auch andere Läden sowie Einkaufszentren und Hotels. Die Skiressorts des Landes sind derzeit gut besucht – und alle tragen eine Maske unter dem Helm.

Risikofaktoren Inflation und politische Führung

So liegt das größte Risiko für die türkische Wirtschaft derzeit weniger in der Pandemie als vielmehr in der Politik der Regierung. Die hohen Leitzinsen verteuern Kredite und würgen damit Investitionen ab. In einem Schwellenland wie der Türkei, dessen Wirtschaftsentwicklung stärker als in Deutschland von regelmäßigen hohen Investitionen abhängt, kann dies einen großen Effekt ausmachen.

Wer trotzdem Kredite aufnimmt, etwa um sein Hotel vor dem Sommer zu renovieren oder neue Produktionsmaschinen zu kaufen, gibt die gestiegenen Finanzierungskosten häufig an die Kunden weiter. So entsteht Inflation trotz hoher Leitzinsen. Eine Entwicklung, für dessen Behauptung die Führung in Ankara häufig belächelt worden ist. Zudem treiben regelmäßige Steuererhöhungen, etwa auf Alkohol oder Neufahrzeuge, die Inflation und würgen das Wachstum ab. Fiskalpolitisch ergibt das Sinn, weil der türkische Haushalt Geld braucht. Volkswirtschaftlich ist es kontraproduktiv. Die Inflation steigt seit vier Monaten wieder. Im Januar lag sie bei 15 Prozent.

Gegen die hohe Gefahr einer überbordenden Inflation kann die Regierung aber wenig tun. Sie habe kaum Spielraum für geldpolitische Manöver, warnt Phoenix Kalen von der Großbank Société General. Denn wenn die Lira wegen niedriger Leitzinsen wieder absacken sollte, könnte sich dieser Schuldenberg zur tickenden Zeitbombe entwickeln.

Ein weiterer Risikofaktor ist die Innen- und Außenpolitik. Vorgänge wie das Vorgehen gegen einzelne Oppositionelle im Inland oder Kampfeinsätze in Syrien haben schon Großunternehmen wie Volkswagen davon abgehalten, in der Türkei zu investieren. Und nicht zuletzt hängt die türkische Wirtschaft zu einem guten Teil an der Nachfrage aus Europa – von Kirschen über Autoteilen bis zu Hotelübernachtungen.

Wie sich die türkische Wirtschaft nach dem Kursschwenk im November schlägt, muss sich also erst noch herausstellen. Die strukturellen Risiken sind nicht zu übersehen, aber das Land ist eben immer wieder auch für eine positive Wirtschaftsüberraschung gut.