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Warum die türkische Wirtschaft der Lira-Krise trotzt

·Lesedauer: 6 Min.

Obwohl die türkische Währung weiter an Wert verliert, melden die Firmen im Land Rekordgewinne. Für sie ist etwas anderes gefährlicher als die heimische Geldpolitik.

Der ehemalige Chef der türkischen Notenbank hatte die Zinsen im vergangenen Jahr um insgesamt 6,25 Prozentpunkte auf 24 Prozent erhöht, um die schwächelnde Landeswährung zu unterstützen. Foto: dpa
Der ehemalige Chef der türkischen Notenbank hatte die Zinsen im vergangenen Jahr um insgesamt 6,25 Prozentpunkte auf 24 Prozent erhöht, um die schwächelnde Landeswährung zu unterstützen. Foto: dpa

Die türkische Lira verliert täglich an Wert. Doch in der türkischen Realwirtschaft ist von Krise keine Spur. Viele Unternehmen veröffentlichen Rekordzahlen für das Sommerquartal – und relativieren die fragwürdige Geldpolitik aus Ankara.

Die türkische Währung hat in diesem Jahr rund 30 Prozent abgewertet und liegt inzwischen bei 9,83 Lira pro Euro und 8,35 Lira pro US-Dollar. Devisenexperten raten der Zentralbank dringend, die Leitzinsen zu erhöhen, um einen weiteren Verfall der Lira abzuwenden. Zuletzt hatte Notenbank-Gouverneur Murat Uysal den Leitzins bei 10,25 Prozent stabil gehalten. Die Inflation hat inzwischen auf rund zwölf Prozent angezogen.

Doch bisweilen nutzt die expansive Geldpolitik aus Ankara den Unternehmen des Landes. Der Energiekonzern Enerjisa, an dem auch der deutsche Energieversorger Eon beteiligt ist, überraschte Anleger mit einem Quartalsgewinn, der 33 Prozent höher lag als im Vergleichszeitraum 2019. Die Türkei-Tochter von Coca-Cola steigerte ihren Reingewinn im dritten Quartal um 54 Prozent.

Selbst bereinigt um den Lira-Verfall liegt das Plus bei 18 Prozent. Die türkische Discounterkette Sok steigerte den operativen Gewinn um 21 Prozent, der führende türkische Petrochemie-Konzern Petkim um 27 Prozent. Der Zementhersteller Cimsa erhöhte seinen Reingewinn sogar um mehr als 1000 Prozent.

Die Nachfrage scheint nicht abzuebben. Der Rüstungshersteller Aselsan überraschte am Dienstag mit einem Rekordauftrag von den türkischen Sicherheitsbehörden über mehr als 20.000 neue Radio-Einheiten.

Gute Kauflaune hilft der Wirtschaft

Auch die Kauflaune der Türken scheint ungebrochen. Der Mediamarkt-Konkurrent Teknosa hat im dritten Quartal ein Rekordergebnis eingefahren. Auch die schwer von der Pandemie betroffene teilstaatliche Fluggesellschaft Turkish Airlines überraschte mit Zahlen, die zumindest besser waren als prognostiziert.

Im wichtigen Sommerquartal ging das Ergebnis vor Steuern und Abschreibungen (Ebitda) zwar um 56 Prozent zurück, lag aber immer noch neun Prozentpunkte über den Erwartungen von Analysten. Die Umsätze fielen um 51 Prozent, während sie beim Konkurrenten Lufthansa um 74 Prozent einbrachen.

Auch sind in diesem Jahr so viele Autos gekauft worden wie schon lange nicht mehr. Von Januar bis Oktober wurden 588.354 Fahrzeuge verkauft, eine Viertelmillion mehr als im Vorjahr. Und das, obwohl die Regierung zuletzt die Steuern auf Neuwagen erhöht hat. Die Analysten der türkischen Beratungsfirma Oyak Yatirim haben ihre Schätzung für das Gesamtjahr von 715.000 auf 730.000 verkaufte Pkw erhöht.

Laut Baran Celik von der Exportvereinigung der türkischen Automobilindustrie (OIB) zieht auch die Produktion von Automobilen in der Türkei wieder an. Das liegt auch an der gestiegenen internationalen Nachfrage nach der ersten Infektionswelle. „Im Frühjahr haben wir beim Export nach Deutschland einen herben Rückgang verzeichnet, doch seit September haben wir wieder das Normalniveau erreicht“, erklärt Celik auf Anfrage dem Handelsblatt.

Er rechnet im Automotive-Sektor mit Gesamtexporten nach Deutschland in Höhe von bis zu vier Milliarden US-Dollar in diesem Jahr. Im Jahr 2019 lag das Exportvolumen in dem Sektor bei 4,4 Milliarden US-Dollar.

Unerwartet hohe Nachfrage habe es auch aus anderen Ländern gegeben. Während der Anteil der Automobil-Exporte in die EU in diesem Jahr von 78 auf 74 Prozent gesunken sei, habe das Interesse aus Nordafrika und dem Nahen Osten zugenommen. „Insbesondere Ägypten, aber auch Brasilien, Mexiko sowie alternative Märkte wie die Ukraine und die Vereinigten Arabischen Emirate standen im Vordergrund“, erläutert Celik. Auch während der Pandemie habe sein Verband Wert darauf gelegt, über digitale Kanäle den Kontakt in seine Zielmärkte zu pflegen.

Im Oktober hat die türkische Wirtschaft außerdem in Rekordhöhe exportiert. Mit 17,33 Milliarden US-Dollar liegen die Ausfuhren in diesem Monat 5,6 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum und so hoch wie noch nie in der Geschichte des Landes.

Die Importe stiegen auf 19,7 Milliarden US-Dollar – sie übersteigen also die Exporte. Ein Großteil des Defizits ist der türkischen Statistikbehörde Tüik zufolge auf Goldkäufe zurückzuführen. Lässt man die Goldeinfuhren außer Betracht, liegt das Verhältnis bei 95,3 Prozent.

Für den türkischen Aufschwung mitten im globalen Pandemie-Abschwung gibt es rationale Gründe. Die Regierung hatte auf die erste Infektionswelle im Frühjahr mit mehreren Konjunkturprogrammen reagiert. Außerdem wurden Banken mehr oder weniger gezwungen, günstige Kredite anzubieten. Dadurch wurde die Geldmenge erheblich ausgeweitet, was letztlich für den Wertverlust der Lira verantwortlich zeichnet. Auch die Bundesregierung entschied sich während der Finanzkrise vor einem Jahrzehnt für kreditfinanzierte Wachstumsprogramme.

Ein weiterer Grund für das gute Abschneiden vieler türkischer Unternehmen ist der Ölpreis. Seit Jahresbeginn ist er um rund 43 Prozent gesunken und liegt nun bei knapp 38 US-Dollar. Davon profitieren nicht nur die Energieversorger des Landes, sondern auch die Produzenten sowie ein Großteil der Industrie des Landes.

Auch den Konsumenten half der gesunkene Preis für Rohöl: An den türkischen Tankstellen sind Benzin und Diesel in diesem Jahr nur minimal teurer geworden, obwohl die Gesamtinflation in dem Land zuletzt spürbar angezogen hat.

Die schwache Lira hilft außerdem, entgegen der spontanen Annahme, den Unternehmen – zumindest beim Export. Fällt die Lira zum Euro oder Dollar, werden türkische Produkte in diesen Währungsräumen günstiger. Das sieht man bei Lebensmittelprodukten, Autoteilen oder auch beim Tourismus.

Auch die Nachfrage in Europa entscheidet über die türkische Konjunktur

Damit erhöht sich die Wettbewerbsfähigkeit türkischer Produkte auf den Weltmärkten, je stärker die Lira an Wert verliert. Das merken auch europäische Wettbewerber. Die Stahlhersteller Thyssen-Krupp und Arcelor-Mittal haben daher bereits im Frühjahr eine Beschwerde bei der EU-Kommission eingeleitet. Der Anlass: mögliche Dumpingpreise bei Stahl aus der Türkei.

Die guten Zahlen helfen auch der Beschäftigung im Land. Die Arbeitslosigkeit ist nach Angaben von Tüik im Sommer leicht gesunken, auf 13,4 Prozent im Juli. Neuere Zahlen gibt es noch nicht. Das ist ein besserer Wert als die Prognose der Regierung, die bis Jahresende von 13,8 Prozent ausgeht.

Dass die Binnenwirtschaft vergleichsweise gut läuft, zeigt auch ein Blick auf die Börsen des Landes. Der BIST 30 mit den 30 größten gelisteten Konzernen hat seit Jahresbeginn wie der Dax 30 rund zwölf Prozent an Wert verloren. Hier sind vor allem Unternehmen mit einem großen Anteil Auslandsgeschäft zusammengefasst, darunter Turkish Airlines oder das Rohstoffunternehmen Koza.

Doch der breiter gefasste BIST 100 hat im selben Zeitraum nur 2,79 Prozent verloren. Der Sammelindex „BIST Tüm100“, in dem alle türkischen Indizes und einige Fonds zusammengefasst sind, hat seinen Wert seit Jahresbeginn sogar fast verdoppelt.

Wie lange sich der „Aufschwung im Abschwung“ in der Türkei noch hält, hängt nicht nur von der türkischen Konjunktur ab. Im Zuge härterer Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus in einzelnen europäischen Ländern lässt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage auf dem Kontinent nach. So fielen die Automobilverkäufe in Deutschland im Oktober um vier Prozent. In Frankreich lag das Minus im selben Zeitraum bei zehn Prozent, in Spanien sogar bei 21 Prozent.

Die jüngst verordneten Lockdowns in europäischen Ländern sind damit nicht nur eine Gefahr für die europäische Wirtschaft – sondern auch für die türkische.

Im Zuge der Wirtschaftshilfen zur Bewältigung der Coronakrise wurden Banken mehr oder weniger gezwungen, günstige Kredite anzubieten. Dadurch wurde die Geldmenge erneut erheblich erhöht. Foto: dpa
Im Zuge der Wirtschaftshilfen zur Bewältigung der Coronakrise wurden Banken mehr oder weniger gezwungen, günstige Kredite anzubieten. Dadurch wurde die Geldmenge erneut erheblich erhöht. Foto: dpa