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Türkische Wirtschaft in Bedrängnis: Entweder steigt die Inflation oder es drohen Insolvenzen

·Lesedauer: 4 Min.

Die türkische Lira steuert auf einen Tiefststand zu. Seit Jahresbeginn hat die Währung rund ein Drittel an Wert verloren. Unternehmen im Land geraten in Not.

In türkischen Medien und auf Twitter macht derzeit ein Video die Runde. Es zeigt einen jungen Amerikaner, der zehn US-Dollar in die Kamera hält. Im Hintergrund sieht man einen Obstverkäufer und eine Moschee. „Ich zeige euch, was man in der Türkei für zehn Dollar oder 75 Lira alles bekommt“, sagt der junge Mann.

Und das ist derzeit eine Menge: ein Kebab-Menü mit mehreren Gängen, ein Glas türkischen Raki-Anisschnaps, eine Nachspeise mit Pistazien, einen großen Milkshake, eine Türkeiflagge, eine Schmucktruhe aus Walnussholz vom Basar und eine große Flasche Desinfektionsmittel für die Hände. Alles für insgesamt zehn US-Dollar. Das Video ist innerhalb von sechs Tagen mehr als 300.000-mal angesehen worden.

Was den jungen Touristen freut, ist für die Hersteller dieser Produkte ein Graus – und entwickelt sich zur echten Gefahr für die Wirtschaft.

Hohe Kosten, geringe Einnahmen

Die türkische Lira steuert auf einen neuen Tiefststand zu. Inzwischen sind zehn US-Dollar sogar 79 Lira wert, ein Euro kostete umgerechnet 9,32 Lira. Seit Jahresbeginn hat die türkische Währung rund ein Drittel an Wert verloren, nachdem die Lira schon in den Jahren zuvor abgesackt war.

Doch die Inflation steigt nur gering an. Im September lag sie bei 11,57 Prozent, ein minimaler Rückgang im Vergleich zum Vormonat. Die Preissteigerung bei Produzenten betrug analog 13 Prozent. Das heißt: Die Unternehmen müssen immer höhere Kosten allein schultern. Sie können die höheren Ausgaben jedoch nicht in Form höherer Preise an die Kunden weitergeben.

Geht es nach Finanzminister Albayrak, muss das auch gar nicht sein. „Für mich ist der Wechselkurs nicht wichtig“, sagte er Ende September auf einer Pressekonferenz. Schon einen Monat zuvor hatte er mit ähnlichen Aussagen für Unmut gesorgt.

Selbst regierungsnahe Medien wie der Fernsehsender Akit TV reagierten darauf mit erzürnten Kommentaren. „Wie kaufen Sie ein?“, fragte ein Moderator des Senders nach Albayraks Aussagen. „Sie kaufen alles von der Nadel bis zum Faden mit Dollar.“

Investoren entdecken die Türkei

Es gibt zwar auch gute Nachrichten. So haben ausländische Investoren zum ersten Mal seit Monaten wieder mehr in der Türkei investiert, als andere ausländische Anleger abgezogen hatten. Für die ersten Tage im Oktober steht ein Netto-Plus von 610 Millionen US-Dollar in den Büchern. Doch das reicht nicht.

Allein im August lag das Defizit zwischen Importen und Exporten bei 4,6 Milliarden US-Dollar. Solange die türkische Wirtschaft mehr importiert, als sie exportiert, steigt auch der Druck auf die Lira.

Das spürt jetzt auch der Konzern Demirören. Das Unternehmen hatte 2018 einen Kredit in Höhe von 700 Millionen US-Dollar von einer staatlichen türkischen Bank bekommen, um die türkische Dogan Holding aufzukaufen. Zum Zeitpunkt der Kreditaufnahme hatte der Kredit einen Umrechnungswert in Höhe von knapp vier Milliarden Lira.

Jetzt steht allmählich die Rückzahlung an. Doch derselbe Kredit kostet nun umgerechnet rund 5,5 Milliarden Lira. Demirören musste daher bereits Tochterunternehmen wie den Rohstoffkonzern Likidgaz verkaufen.

Experten rechnen mit Insolvenzen

Experten wie der türkische Ökonom Alaattin Aktas sehen die türkische Wirtschaft daher am Scheideweg. „Normalerweise resultieren Wechselkursverluste in einer höheren Inflation bei Produzenten, weil sie international gehandelte Rohstoffe wie etwa Öl an den Weltmärkten teurer einkaufen müssen“, erklärt er.

Für ihn heißt das: „Entweder werden wir erst in den nächsten Monaten starke Preisanstiege erleben.“ Oder die Unternehmen tragen die gesamte Last höherer Ausgaben. Das können aber nur diejenigen, die noch genügend Puffer haben. „In dem Fall müssen wir uns auf eine Serie von Insolvenzen bei Unternehmen jeder Größenordnung einstellen.“

Zwar sind nicht alle Branchen betroffen. Die türkische Regierung hat in den vergangenen Jahren versucht, viele Importe zu substituieren. Dazu gehören auch sehr spezielle Stoffe wie Aluminiumpaste, die zur Herstellung von Porenbeton nötig ist.

„Wir müssen fast nichts mehr importieren“, erklärt Nükhet Demiren, Türkeichefin des Gasbeton-Herstellers Ytong, im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Deshalb sind wir weniger von der schwachen Lira betroffen als Unternehmen aus anderen Branchen.“ Das dämpft dann auch die Preissteigerungen in den Sektoren, die weniger von der Lira abhängen.

Der Kreditversicherer Coface rechnet dennoch bereits für dieses und das kommende Jahr mit einem Anstieg der Unternehmensinsolvenzen in der Türkei von 48 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland rechnen die Coface-Experten mit einem Anstieg der Firmenpleiten in Höhe von elf Prozent.

Die fünf Konsequenzen der taumelnden türkischen Lira.