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Türkische Notenbank erhöht Zinsen deutlich – Wieso einige Experten dennoch skeptisch bleiben

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Der neue Notenbankchef hebt den Schlüsselsatz von 10,25 auf 15,0 Prozent an. Doch es ist fraglich, ob die Zentralbank den neuen Kurs auch langfristig verfolgt.

Knapp zwei Wochen nach seiner Ernennung zum neuen türkischen Notenbankchef hat Naci Agbal als eine seiner ersten Amtshandlungen die Zinsen kräftig erhöht. Er und seine Kollegen hoben den Schlüsselsatz am Donnerstag auf 15,0 von bislang 10,25 Prozent an.

Investoren hatten diesen Schritt erwartet. Dies hatte bereits im Vorfeld der Sitzung zu einer deutlichen Aufwertung der Lira geführt. Die türkische Notenbank steht wegen der starken Abwertung der Landeswährung und einer Inflationsrate von zuletzt fast 12 Prozent stark unter Druck. Seit Jahresbeginn hat die Lira etwa ein Drittel ihres Wertes gegenüber dem US-Dollar verloren. Nach der Entscheidung legte sie zu. Ein US-Dollar kostete am Nachmittag 7,53 Lira.

Für ausländische Investoren könnte die Lira durch die höheren Zinsen wieder attraktiver werden. Denn für sie lohnt es sich nun eher, türkische Zinspapiere zu halten. Zudem verteuern höhere Zinsen die Kreditvergabe und dämpfen so die Inflation.

Ökonomen werten die Entscheidung positiv. Zum Teil bezweifeln sie aber, dass die türkische Zentralbank den nun eingeschlagenen Kurs länger durchhält. „Die Notenbank verdient Respekt für ihre Entscheidung“, urteilt Robin Brooks, Chefvolkswirt des internationalen Bankenverbands IIF. Er verweist darauf, dass die Aufwertung der Lira in den vergangenen Tagen de facto zu einer Lockerung der Finanzierungsbedingungen in der Türkei geführt hat und daher der Wirtschaft des Landes nutze.

Viele türkische Unternehmen haben sich stark in Dollar verschuldet. Wertet die Lira ab, steigt die Last ihrer Schulden. Umgekehrt sorgt eine stärkere Lira dafür, dass sich die Finanzierungsbedingungen verbessern. Seit dem Amtsantritt Agbals am 7. November hat die Währung gegenüber dem US-Dollar fast zehn Prozent gewonnen.

Neben der Zinserhöhung beschloss die türkische Notenbank, die Liquiditätsversorgung der Banken wieder fast ausschließlich zum Leitzins abzuwickeln. In den vergangenen Monaten wollte sie Kredite unattraktiver machen, ohne den Leitzins anzuheben. Daher hatte sie versucht, die Banken in andere Kreditfazilitäten zu drängen, deren Sätze sie angehoben hat. Das Problem bei diesen versteckten Zinserhöhungen war aus Sicht von Experten jedoch, dass sie keinen starken Signaleffekt für die Devisenmärkte hatten. Das schränkte die Wirkung ein.

Commerzbank-Devisenexperte Tatha Ghose ist dennoch skeptisch über den weiteren Kurs. Er verweist auf ablehnende Äußerungen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in Bezug auf höhere Zinsen. Noch am Vortag hatte Erdogan vor führenden Wirtschaftsvertretern gesagt, Investoren dürften durch höhere Zinsen nicht „erdrückt“ werden. Damit liege auf der Hand, dass Erdogan „höhere Zinsen nicht ewig hinnehmen wird, sondern nur vorübergehend“, sagt Ghose.

Ihrem Statement am Donnerstag zufolge will die türkische Notenbank die straffere Geldpolitik so lange aufrechterhalten, bis ein dauerhafter Rückgang der Inflationsrate erreicht ist.

Auch DZ-Bank-Analyst Sören Hettler traut diesen Aussagen noch nicht. Er verweist auf die Entwicklungen der vergangenen Jahre. „Solange Zweifel an einer erneuten Kehrtwende des Staatspräsidenten und seiner Zentralbank nicht restlos ausgeräumt sind, dürften internationale Investoren vorsichtig agieren“, erwartet er. „Vertrauen lässt sich zwar ohne Probleme über Nacht verspielen, es zurückzugewinnen dürfte jedoch einige Monate dauern.“ Aus seiner Sicht ist daher das weitere Aufwertungspotenzial der Lira „vorerst begrenzt“.

Ökonomen zweifeln, ob sich Erdogan zurückhält

Die entscheidende Frage ist, wie stark sich Erdogan künftig in die Geldpolitik der Notenbank einmischt. Ihren neuen Kurs hatte er kürzlich selbst durch Stühlerücken auf entscheidenden Posten eingeleitet: Anfang November setzte er zunächst den bisherigen Notenbankchef Murat Uysal ab. Einen Tag später erklärte Finanzminister Berat Albayrak seinen Rücktritt. An seine Stelle rückte inzwischen Lutfi Elvan, der ehemalige Transport- und Entwicklungsminister des Landes.

Offen ist, ob die Türkei nun tatsächlich ein neues Kapitel in ihrer Wirtschaftspolitik aufschlägt. Der neue Finanzminister Elvan kündigte in dieser Woche Strukturreformen an, um das Umfeld für internationale und heimische Unternehmer zu verbessern. Bis Ende des Jahres rechnet er mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 0,3 Prozent.

Bislang schlägt sich die türkische Wirtschaft überraschend gut im Pandemie-Jahr. Türkische Unternehmen veröffentlichten für das abgelaufene dritte Quartal mehrheitlich Zahlen, die über den Erwartungen der Analysten lagen. Einige Konzerne wie Turk Telekom oder Coca-Cola Türkiye waren sogar in der Lage, langjährige Schulden zurückzuzahlen.

Negativ bemerkbar gemacht hat sich die Corona-Pandemie allerdings in der türkischen Leistungsbilanz, die in diesem Jahr nach allen Prognosen deutlich ins Minus rutschen wird. Das bedeutet: Die Türkei gibt unter dem Strich mehr Kapital für Waren und Dienstleistungen aus dem Ausland aus, als sie durch Exporte dorthin einnimmt. Um dieses Defizit zu decken, ist das Land auf Kapitalzuflüsse aus dem Ausland angewiesen – was die Lira unter Druck setzt.

Mit der Zinserhöhung hat die türkische Notenbank nun vorerst Druck von der Lira genommen und für Entlastung gesorgt. Dafür haben Investoren ihr einen Vertrauensvorschuss gegeben. Allerdings muss sie in den kommenden Monaten zeigen, ob sie den Kurs einer restriktiveren Geldpolitik beibehält.