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Tönnies-Streit eskaliert – Vorwurf des „Größenwahns“

Robert Tönnies fühlt sich erneut von seinem Onkel Clemens getäuscht. Es geht um eine Mega-Investition in China. Er sorgt sich, ob dieser an Größenwahn leide.

Zwischen Maximilian, Clemens und Robert Tönnies (v.l.) tobt ein Streit. Foto: dpa

Die familiäre Schlacht in Deutschlands größtem Fleischkonzern Tönnies geht in eine neue Runde. Donnerstagabend erst hatte Geschäftsführer und Mitgesellschafter Clemens Tönnies über die „Lebensmittelzeitung“ einen „Meilenstein in der Firmengeschichte“ angekündigt: der erste Produktionsstandort außerhalb Europas in der chinesischen Provinz Sichuan.

Im Joint Venture mit der dortigen Dekon-Gruppe sollen insgesamt 500 Millionen Euro investiert werden. Zunächst werde ein Schlacht- und Zerlegezentrum in China für zwei Millionen Schweine gebaut, das auf sechs Millionen ausgebaut werden solle. Der Betrieb wäre damit fast so groß wie der Stammsitz im westfälischen Rheda-Wiedenbrück.

Die Mega-Investition rief nun Neffe Robert Tönnies auf den Plan. Er hält 50 Prozent am Unternehmen, das sein 1994 verstorbener Vater gründete. Der 41-Jährige fühlt sich übergangen und findet harte Worte: „Es gibt bezüglich des Investitionsvorhabens in China nur zwei Schlussfolgerungen: Entweder wurden der Beirat und ich getäuscht, da die geplante Investition eine Größenordnung hat, die der Zustimmung bedarf.“ Die Geschäftsführung hätte in dem Fall ihre Kompetenzen weit überschritten, teilte er auf Anfrage des Handelsblatts von Donnerstag am Freitag mit.

Robert Tönnies geht noch weiter: „Oder mein Mitgesellschafter hat wie seinerzeit beim angeblichen Bau eines Schlacht- und Zerlegebetriebs in Russland der Öffentlichkeit einen Bären aufgebunden. Jedenfalls mache ich mir mittlerweile Sorgen, dass Clemens Tönnies an Größenwahn erkrankt sein könnte.“ Er werde diese Themen in der nächsten Beiratssitzung klären. Die soll offenbar Anfang Dezember stattfinden.

„Das geplante Engagement ist natürlich in allen Gremien im Unternehmen bekannt und abgestimmt“, versichert indes ein Sprecher der Tönnies-Gruppe dem Handelsblatt. Der größte Anteil werde durch den chinesischen Partner geleistet. Tönnies habe neben eigenen Investitionen vor allem das große technische Know-how und das Produktions-Know-how einzubringen.

Ab einer außerplanmäßigen Investitionssumme von zehn Millionen Euro ist laut Statuten der zerstrittenen Stämme eine Zustimmung des Beirats erforderlich. In dem siebenköpfigen Gremium sitzen auch Onkel und Neffe. In der Tischvorlage zur Beiratssitzung im September soll nur von einer Investition von circa vier Millionen Euro die Rede gewesen sein. Robert Tönnies sei von der Ankündigung einer dreistelligen Millionen-Investition in China, von der er aus der Zeitung erfahren habe, völlig überrascht worden.

Die Familie des Onkels und der Neffe sind seit Jahren tief zerstritten. 2017 wurde ein „Westfälischer Friede“ mit großer Versöhnung geschlossen. Doch der hielt nicht lange. Robert Tönnies drängt deshalb auf einen Verkauf des Unternehmens, da das Verhältnis zerrüttet sei.

Vor einem Schiedsgericht hat er gegen seinen Onkel Clemens, 63, und dessen Sohn Max geklagt, die zusammen 50 Prozent des Familienunternehmens halten. Der Streitwert beläuft sich auf 600 Millionen Euro.

Schon beim Kauf der deutschen Zimbo-Werke von der Schweizer Bell-Gruppe hatte sich Robert Tönnies übergangen gefühlt. Er hatte deshalb im Juli das Landgericht Bielefeld eingeschaltet. Der Beirat tagte daraufhin in einer Krisensitzung. Der habe mehrheitlich den Erwerb positiv gewertet und keine Zustimmungspflicht gesehen, hieß es Anfang August.

Da der Schlachtmarkt in Deutschland schrumpft, ist das Unternehmen Tönnies immer mehr auf Geschäfte im Ausland angewiesen. Auf der Homepage der Tönnies-Gruppe heißt es: „In Deutschland, Dänemark, Großbritannien, Frankreich und Polen verfügt Tönnies über wichtige Produktionsstandorte, von denen aus Qualitätsfleisch weltweit vertrieben wird.“

Von Russland ist dabei keine Rede. Dabei hatte das Unternehmen Tönnies im August 2008 einen Schlacht- und Verarbeitungsbetrieb im Oblast Belgorod mit dem russischen Partner Prioskolje AG angekündigt, berichtete damals die „Lebensmittelzeitung“.

Der sollte demnach ebenfalls ein Gesamtinvestitionsvolumen von rund 500 Millionen Euro haben – so wie jetzt das China-Projekt.

Die Tönnies-Gruppe mit weltweit rund 16.000 Mitarbeitern hat 2018 mit dem Schlachten von Schweinen und Rindern einen Umsatz von 6,65 Milliarden Euro erzielt – das waren 3,5 Prozent weniger als im Vorjahr.