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Tönnies baut eigenes Corona-Testlabor auf

Deutschlands größter Schlachtkonzern reagiert auf die vielen Corona-Fälle in der Branche. Beschäftigte sollen laufend getestet und besser untergebracht werden.

Das Land Nordrhein-Westfalen hatte nach einer Häufung von Coronainfektionen bei einem Schlachtbetrieb in Coesfeld angeordnet, dass sämtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Schlachtbetriebe in NRW zu testen seien. Foto: dpa

Die Tönnies-Gruppe will die Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus in seinen Schlachtbetrieben und den Wohnheimen seiner Beschäftigten reduzieren. Das Familienunternehmen aus dem westfälischen Rheda-Wiedenbrück will deshalb ein eigenes Testlabor aufbauen. Dort sollen Mitarbeiter regelmäßig untersucht werden. Zudem will Tönnies auf Sammelunterkünfte verzichten. Beschäftigte aus dem Ausland sollen in Wohneinheiten mit maximal zehn Personen untergebracht werden.

„Unsere Arbeit seit Beginn der Pandemie ist auf zwei Dinge ausgerichtet: den Schutz der Mitarbeiter und die Versorgungssicherheit mit Fleisch und Wurst,“ sagte Clemens Tönnies, geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens, am Dienstag. Zugleich verwahrte er sich gegen Kritik. „Die politischen Äußerungen der vergangenen Tage sind für mich verwunderlich, schließlich halten wir uns an Recht und Gesetz, sind Vorreiter in Sachen Wohnen und schaffen übergesetzliche Standards“, meint Tönnies.

Die Fleischwirtschaft war zuletzt zum Corona-Hotspot geworden. Die Landesregierung Nordrhein-Westfalen hatte angeordnet, alle etwa 20.000 Beschäftigten in der Branche auf das Coronavirus zu testen. Auslöser war die Schließung von Westfleisch. In der Fleischfabrik in Coesfeld wurden bis Dienstagmittag 260 der rund 1200 Arbeiter positiv getestet.

In einem Schlachtbetrieb von Müller bei Pforzheim wurde das Virus bereits bei etwa 400 der rund 1100 Mitarbeiter nachgewiesen. Auch auf dem Vion-Schlachthof in Bad Bramstedt hatten sich mehr mehr als 100 Mitarbeiter angesteckt. Der Betrieb wurde vorerst stillgelegt.

Tönnies erwartet für Mittwoch die ersten Testergebnisse für den Stammsitz Rheda. Dort hat das Unternehmen mehr als 6500 Mitarbeiter, die Hälfte davon sind Beschäftigte aus Süd- und Osteuropa, die über Subunternehmen angestellt sind. Gesundheitsbehörden rechneten mit positiven Tests auch ohne klinische Symptome. Am Standort in Kellinghusen wurden alle 170 Tönnies-Mitarbeiter negativ getestet.

Keine Sammelunterkünfte mehr

„Mit den nun begonnenen, sehr umfangreichen behördlichen Tests erhalten wir einen aktuellen Status. Darauf können wir aufbauen und unsere Strategie der Infektionsketten-Unterbrechung noch besser umsetzen“, sagte Gereon Schulze Althoff, Leiter des Pandemie-Krisenstabs von Tönnies.

Für die kommenden Monate will das Unternehmen mit zuletzt mehr als sieben Milliarden Euro Umsatz Covid-19-Tests im eigenen Labor fortsetzen. Die Frage ist, ob diese privaten Tests auch vom Gesundheitsamt offiziell anerkannt werden. Jedenfalls kann Tönnies so Einzelfälle schnell erkennen und unter Quarantäne stellen. Dafür wurden bereits Plätze für rund 100 Personen vorsorglich bereitgestellt.

Mitte April hatte Tönnies sein Labor, in dem sonst Schweineblut untersucht wird, bereits für Corona-Schnelltests in der Fußballbundesliga angeboten. In seinem Labor seien 180.000 bis 200.000 Tests pro Monat umsetzbar, versicherte Tönnies damals.

Nun sollen alle Beschäftigten des Schlachtkonzerns getestet werden, die bisher in Wohneinheiten mit mehr als zehn Personen lebten. Auch Mitarbeiter, die mehr als 96 Stunden nicht im Betrieb waren und solche, die mit erhöhter Temperatur beim Fiebermessen am Betriebseingang auffallen. Alle neuen Mitarbeiter sollen in Quarantäne gehen, bis ein Negativ-Test vorliegt.

Um die Dunkelziffer zu ermitteln, sollen wöchentlich in Stichproben Antikörper von Mitarbeitern ermittelt werden. Erkranken zu viele Mitarbeiter, droht Betrieben die Zwangsstilllegung. Das wäre nicht nur für Tönnies eine wirtschaftliche Katastrophe.

Die Ansteckungsgefahr in der Fleischbranche ist wie in Pflegeheimen und auf Kreuzfahrtschiffen besonders hoch, weil viele Menschen auf engem Raum zusammenleben. Schlachtfirmen sind auf Beschäftigte aus Osteuropa angewiesen. „Die halten die Branche hierzulande am Laufen. Denn die Arbeit ist hart und schlecht bezahlt“, sagt Armin Wiese von der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) Detmold-Paderborn.

Nach Schätzung der Gewerkschaft NGG sind in der Fleischwirtschaft rund 30.000 Menschen über Werkverträge beschäftigt, darunter 5000 aus anderen EU-Ländern entsandte Arbeitnehmer mit ausländischem Arbeitsvertrag. Die Werkverträgler aus dem Ausland leben oft in Sammelunterkünften von Subunternehmen. Die Familie bleibt in der Heimat. Die Verhältnisse sind sehr beengt, was eine breite Ansteckung oft unvermeidbar macht, wenn Fälle unerkannt bleiben.

Nach den Plänen von Tönnies sollen künftig höchstens zehn Personen in einer Wohneinheit leben. Statt in Kleinbussen sollen die Beschäftigten mit Mundschutz in Pkw mit maximal fünf Insassen zum Betrieb gefahren werden. Tönnies ist dabei, etwa in seinem bald kernsanierten Werk in Badbergen selbst Wohnraum für mehrere 100 Beschäftigte aus dem Ausland zu schaffen. Das soll nicht mehr den Subunternehmern überlassen werden.

Tönnies fordert von der Politik bundeseinheitliche Regelungen und Auditierungen von Wohnungen. Der Unternehmer gibt die Verantwortung zugleich an andere Branchen mit einem hohen Anteil an Werkverträglern weiter: „Das gilt branchenübergreifend für die Fleischbranche, genauso wie für das Bauwesen, den Maschinenbau, Dienstleistungssektor oder Online-Versandhandel.“