Deutsche Märkte geschlossen
  • Nikkei 225

    28.242,21
    -276,97 (-0,97%)
     
  • Dow Jones 30

    30.814,26
    -177,24 (-0,57%)
     
  • BTC-EUR

    30.144,79
    +526,58 (+1,78%)
     
  • CMC Crypto 200

    707,59
    -27,56 (-3,75%)
     
  • Nasdaq Compositive

    12.998,50
    -114,10 (-0,87%)
     
  • S&P 500

    3.768,25
    -27,29 (-0,72%)
     

„Täuschen war lange Teil einer Arbeitskultur“ – Ex-Audi-Chef Stadler sagt erstmals vor Gericht aus

Bender, René
·Lesedauer: 6 Min.

Der Ex-Audi-Chef soll nur das Nötigste getan haben, um den Dieselskandal bei dem Autobauer aufzuklären. Dem widerspricht er und berichtet von Zeitnot und Stress.

Der langjährige Vorstandsvorsitzende von Audi ist der ehemals Ranghöchste des Manager-Quartetts, dem der Prozess gemacht wird. Foto: dpa
Der langjährige Vorstandsvorsitzende von Audi ist der ehemals Ranghöchste des Manager-Quartetts, dem der Prozess gemacht wird. Foto: dpa

Mehr als drei Monate lang war von Rupert Stadler in diesem Strafprozess so gut wie nichts zu hören – mal abgesehen von der Angabe seiner Personalien gleich am ersten Prozesstag. Ansonsten saß der frühere Audi-Vorstandsvorsitzende meist still auf der Anklagebank. Rupert Stadler, 57 Jahre alt, geboren am 17. März 1963, verheiratet, deutscher Staatsangehöriger, wohnhaft in Ingolstadt.

Andere spielten die Hauptrollen an den bisher 18 Verhandlungstagen in diesem ersten deutschen Strafprozess um den Dieselskandal. Vor allem die drei hochrangigen Ingenieure, die maßgeblich dafür verantwortlich sein sollen, dass Audi mehr als 400.000 Dieselfahrzeuge verkaufte, in die eine Software eingebaut war, die Abgaswerte manipulierte.

Am 19. Verhandlungstag schilderte Stadler nun als letzter der vier Angeklagten erstmals seine Sicht der Dinge im Gerichtssaal. Mehr als drei Stunden lang trug er aus einem 45-seitigen Manuskript vor.

Er widersprach den Betrugsvorwürfen der Staatsanwälte gegen ihn deutlich und warf ihnen eine einseitige Darstellung der Vorgänge und teils auch Ermittlungsfehler vor. „Es hat mich persönlich bestürzt, zu erleben, in welcher Form die Staatsanwaltschaft München II und die Generalstaatsanwaltschaft München mit mir im Rahmen dieses Verfahrens umgegangen ist und noch umgeht“, kommentierte Stadler.

Daneben attackierte er insbesondere den ebenfalls angeklagten Entwickler Giovanni Pamio. Der Ingenieur hatte schwere Vorwürfe gegen Stadler erhoben, unter anderem ausgesagt, Stadler habe vor einem Treffen mit den US-Behördenvertretern im November 2015 veranlasst, Teile einer Präsentation zu löschen. Außerdem habe er aus Furcht vor belastenden Aussagen Pamios dafür gesorgt, dass dieser an dem Behördengespräch nicht teilnimmt. Dies alles ist laut Stadler falsch.

Von den Manipulationen will der Manager lange nichts gewusst haben. Die Ankläger machten sich offenbar falsche Vorstellungen über die Entscheidungs- und Abstimmungsprozesse in einem großen Industriekonzern.

Der 5. Großen Wirtschaftskammer des Landgerichts München II gab er dazu einen detaillierten Einblick in seine einstige alltägliche Arbeit, den übervollen Kalender und die Zeitnot eines Vorstandschefs. Er habe keine Erinnerung, dass am Schadentisch, wo Probleme besprochen wurden, auch er selbst mit dem Problem der Abgasreinigung befasst gewesen sei.

Es sei immer sein Bestreben gewesen, eine offene und ehrliche Unternehmenskultur zu leben, erklärte Stadler. Dass dies vor allem im Rahmen der Dieselkrise nicht gelungen ist, seit mit dem nachträglichen Wissen für ihn um so schmerzlicher festzustellen. „Tarnen und Täuschen war über einen langen Zeitraum hinweg Teil einer Arbeits-, und vielleicht auch Angstkultur“, blickte Stadler zurück.

Ex-Audi-Chef berichtet über Stress und Zeitnot

Als langjähriger Vorstandvorsitzender von Audi ist Stadler der ehemals Ranghöchste des Manager-Quartetts, dem der Prozess gemacht wird. Und derjenige, der am tiefsten fiel. Stadler, der von 2007 bis 2018 an der Audi-Spitze stand, erlebte einen in der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte selten da gewesenen Absturz.

Fast vier Monate lang saß der damalige Audi-Boss im Sommer 2018 in Untersuchungshaft, verlor anschließend seinen Posten bei dem Autobauer. Heute arbeitet er nach eigenen Angaben als Berater und lebt finanziell „in geordneten Verhältnissen“.

Anders als den drei anderen Angeklagten werfen die Staatsanwälte Stadler nicht vor, für die Manipulationen mitverantwortlich zu sein, die dafür sorgten, dass Audi-Fahrzeuge auf dem Prüfstand Abgasgrenzwerte einhielten, im Realbetrieb auf der Straße aber nicht. Ihm halten sie „nur“ vor, den Verkauf manipulierter Autos nach Auffliegen des Skandals im Herbst 2015 nicht gestoppt zu haben.

Deshalb hat er sich in den Augen der Staatsanwälte des Betrugs und der mittelbaren Falschbeurkundung strafbar gemacht. Stadler weist das zurück. Eigentlich sollte und wollte er sich schon kurz vor Weihnachten erklären. Doch bedingt durch die Corona-Pandemie wurde der Termin kurzfristig abgesetzt.

Stadler, im Vergleich zu Audi-Zeiten mit längeren und deutlich ergrauten Haaren, trug der Kammer vor, was er als Audi-Vorstandschef und VW-Vorstandsmitglied alles um die Ohren hatte. Bis zu 200 E-Mails täglich seien bei seinem Sekretariat eingegangen, einen großen Teil davon habe er nie gesehen.

Wesentliche Entscheidungen seien im Zehnminutentakt gefallen, Termine ständig verschoben, gekürzt oder abgesagt worden, in seinem Büro in Ingolstadt sei er bestenfalls ein paar Stunden pro Woche gewesen. Im Jahr hätten ihn höchstens zehn „blaue Meldungen“ über Probleme persönlich erreicht.

Lange U-Haft wegen Verdunklungsgefahr

Der Dieselskandal schien Stadler lange nichts anhaben zu können. Während bei Volkswagen Martin Winterkorn bereits im Herbst 2015 seinen Hut nehmen musste, blieb Stadler geschützt von den mächtigen Händen der Familien Porsche und Piëch. Sogar als es Hinweise gab, dass der Audi-Boss im Dieselskandal mehr wusste als viele andere, schien sein Posten wie festgemauert. Vom Teflon-Stadler war die Rede oder von der Konzernkatze mit den sieben Leben.

Es war ein Telefonat, das Stadler letztlich zum Verhängnis wurde. Am 8. Juni 2018 sprach er mit einem Porsche-Manager über die Razzien bei der Audi-Konzernschwester. Vor allem ein Mitarbeiter des Stuttgarter Sportwagenherstellers machte Stadler Sorgen.

Der gab offenbar sein Wissen über manipulierte Motoren, die Audi an Porsche geliefert hatte, an die Ermittler weiter. Das gefiel Stadler nicht. Wenn „Gefahr in Verzug“ sei, sagte Stadler, solle sein Gesprächspartner bitte kurz „durchklingeln“. Dann würde man was entscheiden.

Die Ermittler, die das Gespräch mitschnitten, erkannten in dem Telefonat den Versuch, den Zeugen mundtot zu machen. Am 18. Juni kam Stadler wegen Verdunkelungsgefahr in Untersuchungshaft. In Vernehmungen der Staatsanwaltschaft verneinte Stadler eine unlautere Absicht. Er habe das Telefonat geführt, um sich arbeitsrechtlich zu informieren.

Die Ermittler glaubten ihm nicht, er blieb in Haft. Und Stadler, der zunächst in mehreren Vernehmungen ausgesagt hatte, schwieg fortan, auch nach seiner Entlassung aus der Haft im Oktober 2018. Es half ihm nicht. Im Juli 2019 wurde der Mann, der einst als möglicher Nachfolger an der Spitze von Volkswagen gehandelt wurde, angeklagt. Ab dem 24. September 2015 soll er Kenntnis davon gehabt haben, dass Audi-Dieselmotoren von den Manipulationen betroffen waren oder sein könnten, so die Sicht der Ermittler.

Dem widersprach Stadler vor Gericht. Einen belastenden E-Mail-Verkehr von diesem Tag habe er damals, anders als es die Staatsanwaltschaft ihm unterstellt habe, nicht gekannt, erklärte er. Techniker und Entwickler bei Audi und VW hätten ihm weiter bestätigt, dass es keine automatischen Abschalteinrichtungen an den Motoren gegeben habe, die den CO2-Ausstoß auf der Straße deutlich erhöhten.

Er wolle festhalten, dass ein Vorstandsvorsitzender selbstverständlich die politische Verantwortung für das Geschehen trage. „Zu einer solchen Verantwortung bekenne ich mich“, so Stadler. Ein strafrechtlich relevantes Fehlverhalten weise er aber in aller Deutlichkeit zurück.

Für Audi-Prozess sind 181 Verhandlungstage anberaumt

Die Staatsanwaltschaft dagegen wirft Stadler vor, kein großes Interesse an der Aufklärung der Manipulationsvorwürfe gehabt zu haben. Einen niedrigen Stellenwert habe er der Bewältigung der Dieselkrise eingeräumt, resümiert sie. Sie sei anfangs nur oberflächlich, später punktuell erfolgt – und bis Mitte 2017 immer nur dann, wenn Audi von außen dazu gedrängt wurde.

Noch bis Dezember 2022 wird sich Stadler deshalb dem Prozess stellen müssen, insgesamt sind bis dahin 181 Verhandlungstage anberaumt. Vorerst wird von Stadler nun wohl wieder wenig zu hören sein.

Denn in den kommenden Monaten wird es zunächst vor allem darum gehen, wie es zu den Manipulationen kam und welche Rolle die drei Entwickler dabei spielten oder auch nicht. Erst wenn es um ihm konkret zur Last gelegte Details geht, will Stadler sich wieder äußern.