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„Ein systemisches Risiko“ – Allianz Re fordert gemeinsame Initiativen gegen den Klimawandel

·Lesedauer: 5 Min.

Der Rückversicherer der Allianz plädiert für mehr Zusammenarbeit im Kampf gegen den Klimawandel. Branchenintern stößt diese Forderung auf offene Ohren.

Um mit unerwarteten Naturkatastrophen besser umgehen zu können, spricht sich die Allianz Re für mehr Koordination aus. Foto: dpa
Um mit unerwarteten Naturkatastrophen besser umgehen zu können, spricht sich die Allianz Re für mehr Koordination aus. Foto: dpa

Die Coronakrise ist auch im Versicherungssektor das derzeit dominierende Thema. Die Pandemie sorgt für Milliardenschäden: Die Berechnungen großer Banken wie Barclays, Bank of America, Goldman Sachs oder Berenberg ergaben zuletzt Belastungen zwischen 30 und 107 Milliarden Dollar allein für die Sachversicherung.

Bei der Allianz Re, der Rückversicherungstochter der Allianz, warnt Vorstandschef Amer Ahmed allerdings davor, in diesem Umfeld die Gefahren des Klimawandels aus den Augen zu verlieren. Er sagt: „Wir sehen hierbei einen ansteigenden Effekt, der uns viele Jahre beschäftigen wird.“ Die Pandemie sei dagegen im Moment sehr präsent, da sich die Lage weltweit erneut zuspitzt.

Seit fast neun Jahren steht der 52-Jähige an der Spitze der Allianz Re. Die kleine Rückversicherungseinheit von Europas größtem Versicherer hat seither kontinuierlich Gewinne für den Konzern erzielt. Im vergangenen Jahr flossen 461 Millionen Euro in den Konzerngewinn von 11,9 Milliarden Euro ein.

Rund 80 Prozent des Geschäfts von Allianz Re kommen von Einheiten aus dem eigenen Haus. Die Schaden-Kosten-Quote, mit der die Versicherer die Rentabilität ihres Geschäftes berechnen, lag auch im schadenreichen Jahr 2019 bei auskömmlichen 94,5 Prozent. In ereignisärmeren Jahren waren es schon mal weniger als 90 Prozent.

Um den Gefahren durch den Klimawandel entgegenzuwirken, spricht sich Ahmed für die Zusammenarbeit einer Vielzahl von Partnern aus. „Wir brauchen einen Werkzeugkoffer an Instrumenten“, fordert er im Gespräch mit dem Handelsblatt. Nur wenn unterschiedliche Gruppen dabei seien, könne das Problem umfassend angegangen werden. „Der Klimawandel ist ein systemisches Risiko, das nicht allein von den Versicherern übernommen werden kann.“

Beispiele einer übergreifenden Zusammenarbeit im kleinen Stil gibt es dazu bereits bei Allianz Re. Mit der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) arbeitet der Rückversicherer an Projekten zum Hochwasserschutz in Ghana und Marokko. „Insgesamt ist das ein langsam wachsender Trend“, erkennt Sibylle Steimen, die bei der Allianz Re ebenfalls zum Führungsteam gehört. Speziell für Projekte in sehr armen Ländern hat der Rückversicherer mittlerweile ein eigenes Team aufgestellt.

Der Grund dafür ist naheliegend: Im vergangenen Jahr hat sich das sogenannte „Insurance Gap“ erstmals wieder vergrößert. Damit bezeichnet die Branche den Anteil der Schäden, die versichert sind. Diese Kennzahl lag in den 1980er-Jahren bei rund 25 Prozent. Später stieg der Anteil in Richtung 50 Prozent: Dann aber kam die erneute Trendwende. Im vergangenen Jahr war nur noch ein Drittel der weltweiten Schäden versichert.

Klimawandel minimieren – das „wäre ein Ziel“

Einen großen Anteil daran hatte der Zykon Idai, der im Frühjahr 2019 einen Großteil von Mosambik verwüstete und Schäden in Höhe von etwa 2,3 Milliarden Euro anrichtete. Versichert war so gut wie nichts. Amer Ahmad bringt es auf den Punkt: „Wer Sorge um seine nächste Mahlzeit hat, der denkt an Versicherungen zuletzt.“

Mit seiner Forderung nach mehr Zusammenarbeit bei unerwarteten und mit Wucht auftretenden Risiken steht Ahmad nicht allein da. Branchenintern ist von einem Kumulrisiko die Rede, also ein Schaden, der aus mehreren oder vielen Einzelschäden besteht, die alle durch dasselbe Schadenereignis verursacht werden. Dieses Kumulrisiko kann die eigenen finanziellen Möglichkeiten übersteigen und eine weltweite Krise auslösen.

In den vergangenen Wochen hatten sich Topmanager bereits für eine Fondslösung mit staatlicher Unterstützung für die Absicherung künftiger Pandemien ausgesprochen. Dazu zählten etwa Axa-Chef Thomas Buberl, Swiss-Re-CEO Christian Mumenthaler oder Hannover-Rück-Boss Jean-Jaques Henchoz.

Die Swiss Re hatte zudem erst Ende Oktober den Beitritt zur Trinity Challenge angekündigt, einem Zusammenschluss von Universitäten, Stiftungen und führenden Technologie- und Gesundheitsunternehmen. Deren Ziel ist es, die Welt mithilfe von Daten und Analysen besser vor Gesundheitsnotständen zu schützen. Die Schweizer stellen dem Verbund dazu ihre Gesundheits-, Wirtschafts- und Sozialdaten zur Verfügung, die sie in Zusammenhang mit Covid-19 auf ihrer Plattform Risk Resilience Center gesammelt haben.

Auch Ahmad glaubt: Keine Branche kann die Kosten disruptiver Veränderungen besser darstellen als die Rückversicherer. Dafür hat auch sein Haus in den vergangenen beiden Jahren massiv in den Ausbau digitaler Risiko- und Prognosemodelle investiert. Dieses Know-how teilt die Allianz Re auch mit dem hauseigenen Portfolio-Management, das mit einem verwalteten Vermögen von rund 2250 Milliarden Euro zu den größten Geldverwaltern der Welt gehört.

Bis ins Jahr 2050 soll das Portfolio an eigenen Anlagen klimaneutral ausgerichtet sein, so das Ziel des Konzerns. „Den Klimawandel kann man nicht stoppen. Ihn zu minimieren wäre aber ein Ziel“, sagt Ahmed. Auch die großen Namen aus der Branche wie Munich Re, Swiss Re oder Hannover Re haben sich bereits in diese Richtung geäußert.

Im Allgemeinen kämpfen die Rückversicherer damit, dass selbst bei ähnlich starken Wirbelstürmen wie vor Jahrzehnten die Schadensummen heute sehr viel höher ausfallen. Der menschengemachte Trend zur Urbanisierung, die steigende Bevölkerungszahl in den Ballungsgebieten, in Küstengebieten und in den Randbereichen von Wäldern sind Gründe dafür, aber auch die gestiegenen Werte von Immobilien und deren höhere Ausstattung. Die Branche bezeichnet dies als „Wertkonzentration“.

Es gehe deshalb um beides, mahnte Munich-Re-CEO Joachim Wenning vor wenigen Wochen im Handelsblatt-Interview: „Reduzierung des klimaschädlichen Verhaltens und gleichzeitig Vorbeugung, etwa in Flussnähe, Überschwemmungsgebieten oder extremen Sturmgebieten.“

Selbst bei einem Temperaturanstieg um 1,5 bis zwei Grad werde es künftig heftigere Wetterphänomene geben. Daran ändert auch nichts, dass die Branche gut zwei Monate vor Ablauf des Jahres diesmal nur mit durchschnittlichen Schäden bei Naturkatastrophen rechnet.

Rückversicherer kämpfen damit, dass selbst bei ähnlich starken Wirbelstürmen wie vor Jahrzehnten die Schadensummen heute sehr viel höher ausfallen. Foto: dpa
Rückversicherer kämpfen damit, dass selbst bei ähnlich starken Wirbelstürmen wie vor Jahrzehnten die Schadensummen heute sehr viel höher ausfallen. Foto: dpa