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Streit um den richtigen Weg

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Immer mehr Anleger stoßen Aktien und Anleihen von Unternehmen aus klimaschädlichen Branchen ab. Die Idee findet immer mehr Zuspruch. Doch es gibt auch viele Kritiker.

Die Liste der Bewegung wird immer länger – und namhafter. Ob der Versicherungskonzern Allianz, die katholische Kirche oder der Pensionsfonds des norwegischen Staates: Sie alle haben in den vergangenen Jahren und Monaten angekündigt, nicht länger in Kohle-, Gas- und Ölunternehmen zu investieren. Fossile Brennstoffe gelten schließlich als Hauptverursacher der Klimakrise.

„Divestment“ lautet das Schlagwort dazu, also das Gegenteil einer Investition. Es bedeutet, dass man sich von Aktien, Anleihen oder Investmentfonds trennt, die „unökologisch oder unter ethischen Gesichtspunkten fragwürdig sind“, wie es in einer Definition der weltweiten Bewegung „Fossil Free“ heißt.

„Noch sind viele Verbraucher und Unternehmen auf fossile Brennstoffe angewiesen. Trotzdem stehen Investments in Öl und Gas auf lange Sicht einer nachhaltigen Entwicklung entgegen“, begründet Samuel Drempetic, Nachhaltigkeitsexperte bei der Steyler Ethik Bank, den Anfang 2020 beschlossenen Ausschluss von Unternehmen, die Öl und Gas produzieren oder weiterverarbeiten. Es sei vielmehr wichtig, dass nachhaltig orientierte Investoren ihre Gelder in andere Segmente lenken würden.

„Divestment ist zwar ein Finanzthema, aber als Idee oder Bewegung kommt es nicht aus der Finanzbranche, sondern stammt von Organisationen und Institutionen, denen es insbesondere um den Klimaschutz geht“, sagt Jörg Weber, Chefredakteur des Branchenmagazins ECOreporter. Er hat beobachtet: „Da prallen Systeme aufeinander: Das Finanzsystem, in dem Aktien nur verkauft werden, wenn die finanziellen Aussichten sinken. Und Wissenschaft beziehungsweise Umweltschutz, die zum Verkauf von Aktien klimaschädigender Unternehmen raten, obwohl genau diese Aktien teilweise sehr schöne Dividenden abwerfen.“

Während aber zunehmend viele finanzielle Schwergewichte auf Divestment setzen, halten andere Asset-Manager den kompletten Ausschluss ganzer Branchen für einen völlig falschen Weg. Ihr Argument lautet: Wer nicht investiert ist, hat keine Möglichkeit, die Strategie des Konzerns als Aktionär zu beeinflussen.

„Folgendes ist wichtig zu beachten: In dem Moment, in dem Investoren ihre Anteile an einem Unternehmen verkaufen, verlieren sie ein wichtiges Druckmittel, um die Unternehmenspolitik zu beeinflussen, beispielsweise im Sinne besserer ESG-Politik“, argumentiert etwa Bettina Bosch, Head of Fund Buyer Business Germany bei Fidelity International.

Es hat sich gezeigt, dass pauschale Ausschlüsse ganzer Sektoren oft willkürlich sind und wichtige Aspekte von Nachhaltigkeitsrisiken außer Acht lassen, sagt auch Petra Pflaum, CIO für Responsible Investments der DWS. „Da sie zudem auf Daten der Vergangenheit beruhen, sind sie rückwärtsgerichtet und vergeben die Chance zur Zusammenarbeit mit den Emittenten.“ Die DWS entscheide sich somit bewusst gegen einen Ansatz, bei dem sektorbasierte Ausschlüsse automatisch erfolgen.

Einen anderen Ansatz verfolgt die Triodos Bank: „Divestment ist bei uns insofern kein Thema, weil wir von vornherein gar nicht in Unternehmen zum Beispiel aus den Sektoren Kohle, Öl oder auch Atomkraft investieren“, erläutert Sprecher Florian Koss. Nach dem Verständnis der Triodos Bank geht wirklich nachhaltige Geldanlage ohnehin weit über vereinzelte Anwendung von ESG-Kriterien, Best-in-Class-Ansätze oder den Ausschluss von einigen Unternehmen hinaus.

„Unserer Ansicht nach geht es um eine nachweisbare positive Wirkung bei einem möglichst kleinen, noch verbleibenden negativen ökologischen Fußabdruck, und das ohne auf Rendite zu verzichten“, so Koss. Alle Triodos-Fonds würden deshalb auf ihren ökologischen Fußabdruck hin mit anderen Benchmark-Fonds verglichen.

Im Fokus stehen also die Folgen einer Investition. „Dies ist ein großer Unterschied zu anderen Ansätzen, wie ESG-Screening oder Best in Class, bei denen teils einfach nur die schlimmsten Unternehmen aussortiert werden oder selbst aus Sektoren wie Atomkraft, Rüstung und fossile Energien noch die am wenigsten schädlichen Unternehmen ausgewählt werden“, so der Triodos-Sprecher. Investoren würden diesen strengeren Ansatz gutheißen, die Nachfrage nach den Strategien sei entsprechend positiv.

Branchenkenner Weber nimmt indes aus der Diskussion die Schärfe: „Letztlich glaube ich, dass es gar keine gegensätzlichen Positionen geben wird, auf lange Sicht zumindest nicht: Je mehr der Klimawandel fortschreitet, desto schlechter werden die Aussichten für Unternehmen mit klimaschädigenden Geschäftsmodellen, vom Öl- über den Kohlekonzern bis zur Luftfahrtbranche und vielen anderen“, sagt der ECOreporter-Chefredakteur. Das Thema erledigt sich also quasi von selbst.

Tatsächlich erkennen immer mehr Unternehmen, dass der Klimawandel ein Geschäftsrisiko ist – mit Folgen für das Unternehmen, aber auch für die Aktionäre. „Die Finanzwelt handelt irrational, wenn sie dieses Risiko bei Aktien nicht einpreist“, so Weber, der beobachtet hat, dass ein großer Teil der Asset-Manager, Berater und Investoren das Klimarisiko bisher verdrängt oder verharmlost hat.

Die große Herausforderung dürfte künftig mehr denn je bei Beratern und Anlegern darin bestehen, zu erkennen, wer das Thema Divestment aus Überzeugung oder es eher aus Marketing-Gesichtspunkten verfolgt. „Ich finde es nicht ehrenrührig, wenn man als Finanzkonzern das Thema Divestment offensiv vermarktet – solange man ehrlich und offen kommuniziert. Da muss man als Verbraucher genau hinschauen“, sagt Weber.

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