Deutsche Märkte öffnen in 1 Stunde 13 Minute

Strategen rechnen weltweit mit stärkeren Kursausschlägen

·Lesedauer: 5 Min.

Zu Beginn des neuen Jahres dürfte Rückendeckung für stabil weiter steigende Kurse auf sich warten lassen. Was in der ersten Börsenwoche des Jahres ansteht.

Bis die Konjunktur für dauerhaften Auftrieb an den Märkten sorgt, dürfte es noch einige Monate dauern. Foto: dpa
Bis die Konjunktur für dauerhaften Auftrieb an den Märkten sorgt, dürfte es noch einige Monate dauern. Foto: dpa

Das neue Börsenjahr könnte so beginnen, wie das alte endete: zwischen Hoffen und Bangen. Die Euphorie über immer mehr verfügbaren Impfstoff gegen das Coronavirus und die Erwartung weiterer Unterstützung von Notenbanken und Staaten lassen die Strategen grundsätzlich positiv gestimmt auf die Märkte blicken.

Vor allem die angelaufenen Massen-Impfungen gegen das Virus in verschiedenen Ländern geben Hoffnung. Doch ein nachhaltiger Kursanstieg bei Aktien über das aktuelle hohe Niveau hinaus scheint in weiterer Ferne. Denn die Konjunktur wird noch länger brauchen, bis sie sich erholt – ein echtes Fundament für weiter steigende Kurse sollte es somit erst im Sommer geben. Die bisher gesehenen starken Schwankungen dürften weiter zum Börsenalltag gehören.

„Zu 75 Prozent bullish“ für Aktien zeigt sich Christopher Lees, Fondsmanager bei der britischen Fondsgesellschaft Jo Hambro Capital Management. Sein Argument: Die Weltwirtschaft verändere sich positiv, von einer Depression zu einer Rezession. Allerdings wisse bisher niemand, „ob eine nachhaltige Erholung in Sicht ist“, schränkt er ein, was die 25-prozentige Wahrscheinlichkeit für sinkende Aktienkurse erklärt.

Karen Ward, Chef-Marktstrategin für Europa beim US-Fondsanbieter JP Morgan Asset Management, rechnet denn auch damit, dass die Wirtschaftsaktivität in den Industrieländern im ersten Quartal des Jahres und möglicherweise auch im zweiten Jahresviertel gedämpft bleiben wird. Danach „könnten wir jedoch eine deutliche Zunahme der Aktivität sehen, wenn die Impfkampagnen laufen, die aufgestaute Nachfrage freigesetzt wird und das Leben allmählich zur Normalität zurückkehrt“, sagt sie.

Die große Frage scheint daher nun, wann Investoren konkret darauf wetten. Nachdem nicht nur die US-Aktienindizes, sondern auch der deutsche Dax ein neues Allzeithoch erreicht hat, scheinen die derzeit absehbaren positiven Markteinflüsse weitgehend eingepreist zu sein, meint Carsten Mumm, Chef-Anlagestratege der Bank Donner & Reuschel: „Das erhöht jedoch die Gefahr eines Jahresstarts mit größeren Schwankungen.“

Corona-Profiteure gewinnen auch an den Börsen

In der verkürzten letzten Börsenwoche des Jahres 2020 bis zum 30.12. legte der Dax ein Prozent zu. Dabei kletterte der deutsche Leitindex zeitweise auf ein Rekordhoch von 13.903 Punkten – und schloss das bewegte Jahr 2020 mit einem leichten Plus von 3,5 Prozent auf 13.718 Zähler. Boden gut gemacht hat der Index dabei im Dezember, der angesichts zunehmender Zuversicht mit gut drei Prozent das größte Dezember-Plus seit vier Jahren schrieb.

Mit großem Abstand bester Dax-Wert war ein Krisengewinner: Essenslieferant Delivery Hero profitierte mit einem Plus von 80 Prozent davon, dass sich viele Essen Menschen aus Restaurants bringen ließen. Es folgten der Halbleiterhersteller und Tech-Wert Infineon mit gut 50 Prozent Plus und der zu den klassischen Qualitätswerten zählende Pharmakonzern Merck mit einem Kursplus von einem Drittel.

Schlusslicht mit Minus einem Drittel bildete dagegen mit Bayer ein anderer Dax-Klassiker: Der Pharmariese steckt in weiter in einer Vertrauenskrise unter dem Rechtsstreit mit Anlegern wegen des umstrittenen Kaufs des US-Agrarkonzerns Monsanto und seiner auslaufenden Pharma-Pipeline.

Deutsche Nebenwerte legten 2020 stärker zu als der Dax: Der MDax für mittelgroße deutsche Werte gut sechs Prozent, der TecDax sogar 18 Prozent. In ganz Europa haben sich die Aktienkurse dagegen noch nicht so stark erholt: Der führende Euro-Zonen-Index EuroStoxx50 verlor 4,5 Prozent, der europäische Stoxx 50 sogar gut acht Prozent.

Die US-Börsen haben das Krisen-Jahr 2020 indes mit Rekorden beendet: Der Dow-Jones- und S & P-500-Index schlossen am Donnerstag jeweils auf Höchstständen bei 30.606 Punkten und 3756 Zählern. Der Dow legte damit um gut sieben Prozent zu, der breitere S & P 500 sogar gut 16 Prozent. Der Tech-Index Nasdaq verbuchte mit 43,6 Prozent sein größtes Plus seit 2009.

Allgegenwärtige Pandemie und Brexit-Nachwirkungen

Die Pandemie bleibt allerdings allgegenwärtig: Kurz vor Handelsschluss an den US-Börsen am Silvestertag hatte die Seuchenbehörde CDC einen neuen Rekord bei der Zahl der Todesfälle in den USA bekanntgegeben. Ferner beschäftigt Investoren das zweite Dauerbrenner-Thema Brexit, auch wenn sich Großbritannien und die EU kurz vor Weihnachten auf ein Freihandelsabkommen geeinigt hatten.

Allerdings tritt der Vertag nur vorläufig in Kraft, weil die Zeit für eine Ratifizierung durch das EU-Parlament bis zum Ende der Übergangsfrist am 31. Dezember 2020 nicht ausreichte. Außerdem muss in den kommenden Jahren mit langwierigen Verhandlungen zu Detailfragen der wirtschaftlichen Beziehungen gerechnet werden.

Unterm Strich sehen die Strategen aber keine Alternative zu Aktien, auch weil die zweite klassische Anlageklasse, die Anleihen, wegen der anhaltend rekordtiefen Zinsen kaum noch Rendite bringt. So empfiehlt Ward von JP Morgan AM Aktien überzugewichten und sieht in Asien aktuell „Outperformance“ angesichts der dort besseren Wachstumschancen. Bei Anleihen beschränkten sich „Chancen auf Investment Grade-Anleihen und ausgewählte hochwertige Hochzins- und Schwellenmarktanleihen“, sagt die Strategin.

Konjunkturdaten, Opec-Konferenz und Entscheidung über US-Senat

In der ersten Woche des Jahres werden nur wenige Konjunkturdaten veröffentlicht, die Investoren beschäftigen dürften. Interessieren dürften die Stimmungsbarometer für die deutschen und europäischen Einkaufsmanager. Die Industrie bleibe optimistisch, erwarten die Commerzbank-Volkswirte. Dieser Trend dürfte durch die Zahlen zur deutschen Industrieproduktion am Freitag untermauert werden.

Für die USA rechnen die Commerzbanker im Arbeitsmarktbericht am kommenden Freitag für Dezember mit 200.000 neuen Jobs, damit „nur etwas weniger als im November.“ Einen Vorgeschmack auf diese Zahlen liefern die Daten der privaten Arbeitsagentur ADP zwei Tage zuvor. Wegen der steigenden Infektionszahlen komme der US-Konjunkturmotor zwar ins Stottern, meinen die Commerzbank-Analysten. Eine Rezession sei aber nicht zu befürchten.

Beim Opec-Treffen am Montag erwarten Strategen, dass die Rohöl-Exportländer eine Ausweitung der Produktion um 500.000 Barrel pro Tag beschließen werden.

Am Tag darauf wird die Welt in die USA blicken: Die Wähler in Georgia entscheiden über die Mehrheitsverhältnisse im US-Senat und damit über die Möglichkeit für den künftigen US-Präsidenten Joe Biden, seine politischen Ziele durchzusetzen. Sollten bei der Nachwahl beide Senatoren-Posten an die Demokraten fallen, gäbe es ein Patt, bei dem der künftigen Vize-Präsidentin Kamala Harris die entscheidende Stimme zufällt. Im US-Repräsentantenhaus stellen Bidens Demokraten die Mehrheit.

Mit Agenturmaterial.