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Strafanzeige, Razzia, Jahresbilanz – Wirecard steht unter Dauerstress

·Lesedauer: 8 Min.

Die Strafanzeige und die Razzia kurz vor der Jahresbilanz belasten Wirecard sehr. Die Kritik an Vorstandschef Braun wächst. Auch der Abschlussprüfer EY gerät unter Druck.

Die Ermittler gingen diskret vor, als sie am vergangenen Freitag die Zentrale des Zahlungsdienstleisters Wirecard durchsuchten. Kein Blaulicht, kein auffälliges Polizeiaufgebot sorgten in dem Gewerbegebiet in Aschheim bei München für Aufsehen.

Die Staatsanwälte hatten es auf die Daten der Laptops und Smartphones der Vorstandsmitglieder des Dax-Konzerns abgesehen. Auslöser der Durchsuchungsaktion war eine Anzeige der Finanzaufsicht Bafin wegen Marktmanipulation, also der Täuschung der Anleger.

Die zuständige Staatsanwaltschaft München I hatte am späten Freitagnachmittag auf Handelsblatt-Anfrage die Anzeige der Aufseher bestätigt. Da es in Deutschland kein Unternehmensstrafrecht gibt, richten sich derlei Strafanzeigen immer gegen die handelnden Personen einer Gesellschaft – in diesem Fall gegen den vierköpfigen Vorstand, zu dem CEO Markus Braun, Finanzvorstand Alexander von Knoop, Operationsvorstand Jan Marsalek und Produktvorständin Susanne Steidl gehören.

Die Anzeige und die Durchsuchung erhöhen den Druck auf die Wirecard-Manager und speziell auf Konzernchef Braun noch einmal. Am 18. Juni will Wirecard seine dreimal verschobene Jahresbilanz vorlegen. Der Wirtschaftsprüfer EY muss sie testieren, doch unter Investoren wächst die Angst, dass es dabei zu Problemen kommen könnte.

Der Verdacht gegen Wirecard beruhe darauf, dass „die Verantwortlichen durch die Ad-hoc-Mitteilungen vom 12.03.20 und vom 22.04.20 irreführende Signale für den Börsenpreis der Aktien der Wirecard AG gegeben haben könnten“, teilte die Staatsanwaltschaft am Freitag mit.

Immer wieder Negativschlagzeilen

Wirecard bestätigte die Razzia in einer Ad-hoc-Mitteilung. Das Unternehmen kooperiere „vollumfänglich“ mit den Ermittlern. Eine Sprecherin erklärte: „Der Vorstand ist zuversichtlich, dass der Sachverhalt sich aufklären wird und die Vorwürfe sich als unbegründet erweisen werden.“

Dem Konzern wird seit Jahren in Medienberichten Fälschung von Bilanzen, vor allem im Geschäft mit Auslandstöchtern vorgeworfen. Eine vom Aufsichtsrat in Auftrag gegebene Sonderprüfung durch KPMG konnte die Vorwürfe nicht vollständig ausräumen.

Wirecard hatte jedoch vor der Vorlage des KPMG-Abschlussberichts Ende April in den Ad-hoc-Meldungen noch erklärt, die Prüfer hätten keine Auffälligkeiten gefunden. Die Bafin sieht darin offenbar Anhaltspunkte für Marktmanipulation. Die Wirecard-Aktien waren am Freitag im nachbörslichen Handel um mehr als zehn Prozent eingebrochen.

Wachsende Kritik an CEO Braun

Investoren sehen die Verantwortung für die Turbulenzen vor allem bei Vorstandschef Braun, der den Konzern seit zwei Dekaden dominiert und als größter Einzelaktionär mehr als sieben Prozent der Anteile hält. Der Corporate-Governance-Experte Christian Strenger hält das Amtsverständnis des Topmanagers für „zunehmend problematisch“.

„Brauns Problem ist, dass er immer noch mit den für ein Dax-Unternehmen im Kapitalmarkt geltenden Regeln fremdelt. Angesichts der öffentlichen Bedeutung des Konzerns kann ich das Agieren des CEO immer weniger nachvollziehen. Brauns Handeln ist möglicherweise gut gemeint, wirkt jedoch schädlich für den Konzern“, sagt Strenger. „Die Bafin hätte schon deswegen viel schneller reagieren sollen.“

Ähnlich äußert sich Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei der Deka, der Fondsgesellschaft der Sparkassen. Er betont, dass die Unschuldsvermutung auch für die Wirecard-Manager gilt. Aber er mahnt auch Reformen an: „Durch die stark polarisierende Wirkung von Herrn Braun dürfte nun der Druck des Kapitalmarkts auf den Konzern sehr groß werden. Es wäre sehr kritisch, wenn Wirecard trotz des medialen Dauerbeschusses und des verbreiteten Investorenunmuts weitermacht wie bisher.“

Die Forderung der Deka nach einem Rücktritt von Markus Braun bleibe weiterhin bestehen. „Die Situation von Wirecard hat sich in den vergangenen Wochen eher verschlechtert als verbessert. Die negativen Nachrichten überwiegen“, sagte Speich. „Die Governance-Probleme lasten inzwischen so schwer auf dem Aktienkurs – selbst operativ gute Ergebnisse haben es schwer, Wirkung zu entfalten.“

Die Aktionärsvereinigung DSW verlangt eine unabhängige Sonderprüfung. „Das wäre der richtige Schritt, um Vertrauen wiederherzustellen“, sagte Vizepräsident Klaus Nieding der Agentur Reuters.

Sonderprüfung behindert

Die Sonderprüfung durch KPMG hatte Wirecard selbst in Auftrag gegeben. Zwar fanden die Prüfer dabei keine Belege für den gravierenden Vorwurf der Bilanzfälschung. Dafür monierten sie in ihrem 74-seitigen Bericht diverse Unzulänglichkeiten und Schwächen. So konnte beispielsweise die Zusammenarbeit mit Drittpartnern nicht vollständig geklärt werden.

Über diese Partner wickelt der Konzern den Zahlungsverkehr in Ländern ab, in denen er über keine eigene Lizenz verfügt. Für den Gewinn von Wirecard sind die Partner essenziell. Doch statt die KPMG-Prüfer umfassend zu beliefern, enthielten Wirecard und seine Drittpartner ihnen laut dem Bericht über Monate Kontobelege, Verträge und andere Urkunden vor.

Manche Dokumente wurden laut KPMG nur in Kopie oder gar nicht eingereicht. Zudem monierten die Prüfer, dass Interviews mit wichtigen Managern mehrfach verschoben wurden. In der Summe konnte KPMG viele der erhobenen Vorwürfen nicht restlos entkräften.

Am Kapitalmarkt wurde der Prüfreport so negativ aufgefasst, dass die Aktie binnen zweier Tage um ein Drittel abstürzte. Einen Grund für die heftige Kursreaktion sehen Experten darin, dass Wirecard den Kapitalmarkt nicht auf die im Sonderbericht von KPMG monierten Probleme vorbereitet hatte.

In den Wochen und Monaten zuvor hatte der Konzern die Anleger wiederholt mit vergleichsweise positiven Mitteilungen beruhigt – insbesondere rund um die vielen Terminverschiebungen. Zunächst erklärte der Konzern die Verlängerung des Prüfzeitraums vor allem mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie. Später erklärte er wiederholt, die Prüfer hätten keine substanziellen Probleme gefunden.

Auch das Management übte sich in Optimismus. So sagte Braun gegenüber Großinvestoren bereits im Frühjahr: „Machen Sie sich keine Sorgen, alles wird in Ordnung sein.“ Selbst nach Erscheinen des KPMG-Berichts sagte er in einem Analysten-Call, der Abschlussprüfer EY habe „überhaupt keine Probleme“, die Jahresbilanz 2019 freizugeben.

Umstrittene Aktienkäufe

Die Anzeige der Bafin ist nicht das einzige Problem, mit dem Braun derzeit zu kämpfen hat. Kurz vor Pfingsten, weniger als 30 Tage vor der geplanten Vorlage der Jahresbilanz am 18. Juni, kaufte der Vorstandschef Wirecard-Aktien. Auch diesen Vorgang nehmen die Finanzaufseher nun unter die Lupe.

Governance-Experte Strenger stört, dass Braun die Aktien kaufte, während eigentlich vor der Veröffentlichung der verschobenen Jahreszahlen eine Sperrfrist galt: „Als Vorstandschef dürfte Braun über im Markt noch nicht bekannte Informationen verfügen. Aus gutem Grund sieht das Gesetz daher Closed Periods vor, in denen ein Vorstand keine Aktiengeschäfte tätigen darf. Das zu ignorieren sehe ich als schlicht falsch an.“ Der Verweis auf die bereits im März veröffentlichten vorläufigen Zahlen für 2019 überzeuge nicht: Seitdem dürfte „zu viel Kapitalmarktrelevantes“ passiert sein.

Der nächste kritische Punkt für Wirecard und Vorstandschef Braun dürfte die Jahresbilanz am 18. Juni und das Testat von EY sein. Dass darauf auch die Bafin schaut, ließ die Behörde am Freitag durchblicken.

Mit Blick auf ihr weiteres Vorgehen erklärte sie: „Die Untersuchung, ob Wirecard darüber hinaus möglicherweise irreführend kommuniziert und damit Marktmanipulation begangen hat, ist noch nicht abgeschlossen. Hier waren und sind wir auf die Feststellungen anderer Stellen angewiesen – vor allem der Wirtschaftsprüfer (KPMG, EY). Deren Feststellungen zu etwaigen Bilanzierungsverstößen brauchen wir zwingend.“

Mit dem Verweis auf mögliche Bilanzierungsverstöße und die Rolle der Prüfer erhöht die Bafin den Druck auf einen weiteren Akteur: EY. Die Experten des langjährigen Konzernprüfers, die die 2019er-Bilanz freigeben müssen, evaluieren aktuell die Befunde des KPMG-Berichts.

KPMG: Fehlende Kontobelege

„EY ist in einer extrem schwierigen Position“, sagt der Vertreter eines Wirecard-Großinvestors. „EY muss sich sehr genau überlegen, ob und wie sie ihr Testat erteilen. Wenn sie es verweigern, stellen sie die eigene Prüftätigkeit der letzten zehn Jahre infrage. Wenn sie es erteilen, besteht die Gefahr, dass sie von Klagen überzogen werden.“

Ein besonders strittiger Punkt: Laut dem KPMG-Bericht konnte Wirecard den Prüfern keine Kontobelege vorlegen über einen Betrag von einer Milliarde Euro, der Ende 2018 auf Treuhandkonten gelegen haben soll. Zwar will Wirecard den Prüfern inzwischen Bankbelege über vier Treuhandkonten bei zwei Banken präsentiert haben, auf denen ein Milliardenbetrag liegen soll. Diese beziehen sich jedoch auf 2019.

Der Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Schirp, der rund 80 Privatanleger vertritt, will am Montag Klage gegen EY vor dem Landgericht Stuttgart einreichen, dem Deutschlandsitz der Prüfer. „Grundlage ist vor allem, dass EY im Bestätigungsvermerk für den Jahresabschluss 2018 nicht moniert hatte, dass für rund eine Milliarde Euro an angeblichen Treuhandguthaben keine Saldenbestätigungen vorgelegen haben, wie sich nach unserem Dafürhalten aus dem KPMG-Bericht ergibt. Das Testat von EY hätte entweder eingeschränkt oder zumindest um eine Ergänzung erweitert werden müssen.“

Die Zeit läuft ab

Wie viel Zeit bleibt dem Konzern, um die Zweifel auszuräumen? Ingo Speich glaubt, nicht mehr viel: „Wir Investoren haben oft angemahnt, dass das Unternehmen sich ändern muss. Das wurde wiederholt angekündigt, wirkliche Veränderungen wurden aber aufgeschoben.

Ankündigungen zählen bei Wirecard nun nicht mehr, wir brauchen reale Umsetzungen. Wenn es keine dementsprechend harten Signale des Unternehmens gibt, stellt sich akut die Frage, ob der Markt der Wirecard-Führung weiter das Vertrauen ausspricht.“

Viel hängt nun vom Handeln des Aufsichtsrats ab. Krisensitzungen gab es nach der Razzia am Freitag nach Informationen des Handelsblatts nicht. Zentral für die Bewertung von Chefaufseher Thomas Eichelmann wird Finanzkreisen zufolge sein, wie das Bilanztestat von EY ausfällt. Bei den Marktmanipulationsermittlungen will der Aufsichtsratschef demnach abwarten, ob ein Gerichtsverfahren eröffnet wird. Kommt es dazu, könnte Braun für die Dauer des Verfahrens suspendiert werden.

Einige Optionen hat Eichelmann bis zur Hauptversammlung am 26. August noch in der Hinterhand: Keiner der Ende des Jahres auslaufenden Vorstandsverträge wurde bisher verlängert.