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Stimmungsbarometer trüben Ausblick – auch nach dem Lockdown keine schnelle Besserung in Sicht

Eine Fülle von Konjunkturzahlen und Firmenberichten hält die Börsianer auf Trab. Eine mögliche Rekapitalisierungswelle besorgt Experten besonders.

In den vergangenen Wochen gab es immer wieder Anläufe für Kurserholungen, an manchen Tagen konnte man glauben, die Corona-Pandemie sei schon überwunden. Doch am Freitag kehrte Ernüchterung ein – der abgestürzte ifo-Geschäftsklimaindex führte das ganze Dilemma vor Augen.

Der Verlauf des Stimmungsbarometers sehe aus wie ein „Highway to Hell“, lautete die Analyse der VP Bank. Der Index liege nun deutlich unter den Werten des Krisenjahres 2009. Die einfache Botschaft für die Zukunft laute: „Massive Einkommensverluste stehen bevor. Wir alle werden ärmer werden. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern für sämtliche Volkswirtschaften.“ Manchmal sei es besser, die ungeschminkte Wahrheit zu hören.

Auch bei anderen Analysten und Experten überwiegen für den Wochenausblick die skeptischen Töne. Vorsichtssparen von Verbrauchern und Unternehmen sorge für ein völlig anderes Wirtschafts- und Inflationsumfeld, als man es aus der Nachkriegszeit kenne, meinen die Analysten bei MFS Investment Management.

Sie rechnen mit einer schwächeren Gewinnerholung als der Markt und verweisen auf die mögliche Verwässerung der Gewinne durch Kapitalerhöhungen. Sie heben dabei als Vergleich das Jahr 2008 besonders hervor.

„Als das Extremrisiko der internationalen Finanzkrise nachließ, ging es den Unternehmen nicht mehr so sehr um Ausschüttungen, sondern um Rekapitalisierung. Dazu wurden neue Aktien begeben – zulasten der Altaktionäre, deren Kapital stark verwässert wurde“, so die Einschätzung der Anlageprofis. Die neue Rekapitalisierungswelle habe wahrscheinlich gerade erst begonnen. In den letzten Wochen hätten bereits Freizeitfirmen und Dienstleister in den USA und Europa neue Aktien angeboten.

Warnung an Schnäppchenjäger

Auch bei der BLI – Banque de Luxembourg Investments ist man vorsichtig gestimmt. „Die Finanzmärkte erwecken derzeit den Eindruck, dass sie das Ausmaß des wirtschaftlichen Schadens unterschätzen und auf eine rasche Erholung setzen, sobald die Eindämmungsmaßnahmen rückgängig gemacht werden“, lautet die Einschätzung der BLI.

Viele Anleger seien darauf konditioniert, jeden Rückgang als Kaufgelegenheit zu betrachten. Die Analysten rufen aber in Erinnerung, dass der Rückgang der Aktienkurse im Februar/März zwar dramatisch war, aber die Bewertungen auch sehr hoch gewesen seien. Infolgedessen seien die Märkte heute alles andere als billig, insbesondere nach der jüngsten Erholung der Kurse.

Qualitätsunternehmen, die über eine sehr solide Bilanz, einen oder mehrere nachhaltige Wettbewerbsvorteile und die Fähigkeit zur Selbstfinanzierung verfügten, seien zu bevorzugen. Der Hauptfaktor, der weiterhin für Aktien sprechen werde, bleibe das niedrige Zinsniveau und damit der Mangel an Alternativen. Gleichzeitig werde wegen der Inflationsgefahren Gold zu einem „unverzichtbaren Bestandteil eines ausgewogenen Portfolios.“

Nach der deutlichen Erholungsbewegung seit Mitte März sei dem europäischen Aktienmarkt zuletzt etwas Momentum verloren gegangen, meinen die Experten der Weberbank. Zusätzlich zeige die bereits laufende Bilanzsaison deutliche Einschläge in den Unternehmensbilanzen aufgrund der globalen „Lockdowns“.

Dementsprechend hätten auch die Analysten ihre Gewinnerwartungen für Industrieunternehmen, aber auch für den Banken- und Energiesektor deutlich nach unten korrigiert. Den Banken drohten wegen des wirtschaftlichen Einbruchs erhöhte Abschreibungen auf ihre Kreditbücher, und die massiven Renditerückgänge trüben den Zinsertrag. Zuletzt belasteten sie auch negative Einschätzungen der Ratingagentur Standard & Poors’s (S & P).

Die Deutsche Bank und die Commerzbank standen deshalb am Freitag besonders unter Druck „Wir nehmen weiterhin Abstand von diesen Sektoren und bevorzugen bonitätsstarke Pharmatitel oder Unternehmen aus dem nichtzyklischen Konsum. Ergänzend sind Titel aus dem Technologiebereich in unseren Augen aussichtsreich“, so die Fachleute der Weberbank.

Notenbanken tagen weltweit

Wenn es weiterhin schlechte Konjunkturzahlen geben sollte, dann werden die Staaten und die Notenbanken weitere Stützungsmaßnahmen ergreifen müssen. Robert Greil, der Chefstratege von Merck Finck Privatbankiers, sieht dazu schon in der kommenden Woche eine Gelegenheit, weil die Europäische Zentralbank, die US-Notenbank Fed und die Bank of Japan tagen.

„Alle Notenbanken werden infolge des beispiellosen Konjunktureinbruchs durch die Covid-19-Folgen ihre Unterstützungsbereitschaft bekräftigen“, sagt Greil. Die Konjunktureinbrüche ließen weder den Regierungen noch den Notenbanken eine andere Wahl, als weitere Maßnahmen zur Stützung und Erholung der Konjunktur zu ergreifen.

In der Eurozone wird am Donnerstag das Bruttoinlandsprodukt für das erste Quartal 2020 publiziert, in den USA kommen neue Wachstumszahlen am Mittwoch. Weitere wichtige Konjunkturdaten sind in Deutschland die vorläufigen Inflationszahlen und der Arbeitsmarktbericht für April.

Das nächste Quartal sollte laut der DZ Bank eine Besserung der Konjunktur bringen, aber es muss keine „V“- oder „I“-Erholung geben. Am Aktienmarkt werde dies nicht ignoriert, viele Aktien notieren bis zu 80 Prozent im Minus.

Hauptsächlich in den USA halte eine Vielzahl von „Mega-Caps“ dagegen. Amazon, Google, Microsoft, Netflix und Facebook, aber auch Adobe oder Comcast, seien stabil unterwegs. Auch für die großen Werte der „Old Economy“ laufe es gut, darunter Pepsico, Johnson & Johnson, Procter & Gamble, Home Depot und Pfizer. Den deutschen Leitindex Dax sehen die Strategen von der DZ Bank bis Ende des Jahres bei 11.200 Punkten, den S & P-500 für US-Aktien bei 2800. Damit wäre mittelfristig zumindest eine Stabilisierung in Sicht.