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Da stimmt was nicht: Signale vom Ölpreis und Zinsmarkt

Ralf Anders, Motley Fool beitragender Investmentanalyst
·Lesedauer: 4 Min.
Energie, Konjunktur und Ölpreis
Energie, Konjunktur und Ölpreis

Am Aktienmarkt geht in letzter Zeit die Post ab. Doch auch wenn die verrückten Kursbewegungen spannend zu beobachten sind, könnte es sich lohnen, gelegentlich den Blick zu weiten. Im Hintergrund sind nämlich aufschlussreiche Entwicklungen zu erkennen. Lies hier, was es beim Ölpreis und am Zinsmarkt zu beachten gibt.

Ölpreise ziehen an, vor allem kurzfristig

Spotpreise auf 12-Monats-Hoch

Die aktuell gehandelten Ölpreise („Spotmarkt“) für Sorten wie Brent und WTI sind zuletzt wieder in den längerfristigen Normalbereich geklettert. Faktoren wie Lagerbestände, OPEC-Verhandlungen und der besonders kalte Winter spielen dabei eine Rolle. Auch die Dollarschwäche half dabei, die Notierungen auf Jahreshochs steigen zu lassen (in Euro gerechnet fehlt hingegen noch ein Stück bis zum Vorkrisenniveau).

Aus alldem lässt sich jedoch nur wenig für die Börse ableiten. Spannender ist meines Erachtens der Terminmarkt.

Terminkontrakte hängen hinterher

Zur sofortigen Lieferung wird WTI-Öl am 3. Februar zu 56 US-Dollar gehandelt. Auf Termin zum Februar 2022 werden hingegen lediglich etwa 51 US-Dollar aufgerufen. Ein Jahr später sind es sogar nur noch 49 US-Dollar und längerfristig etwa 47 US-Dollar.

Selten war die Differenz zwischen aktuellem Kontrakt und demjenigen des Folgejahres so groß wie jetzt. Das bedeutet wohl, dass die Händler davon ausgehen, dass die erhöhte Nachfrage kurzfristiger Natur ist. Wer den Brennstoff nicht sofort braucht, kann ihn sich später deutlich billiger liefern lassen.

Und das, obwohl es verschiedene Szenarien gibt, die für weiter steigende Notierungen sprechen.

Positive Szenarien beeindrucken nicht

Ich denke dabei zum Beispiel an einen möglichen Boom im internationalen Reiseverkehr, wenn in einigen Monaten die Beschränkungen gelockert werden. Das würde die Nachfrage schüren. Mit einer verschärften Angebotsverknappung muss man sowieso jederzeit rechnen, solange der Nahe Osten nicht stabil ist.

Des Weiteren ist an einen weiteren Dollarverfall zu denken, der auf die gewaltigen Konjunkturspritzen in Billionenhöhe folgen könnte. Sämtliche Rohstoffpreise würden darauf mit anziehenden Kursen reagieren zum Ausgleich.

Es bestehen folglich gute Chancen, dass Öllieferanten zukünftig einen noch besseren Preis am Spotmarkt erzielen können. Dennoch ziehen sie es teilweise vor, zum deutlich reduzierten Preis auf Termin zu verkaufen. Ich ziehe daraus den Schluss, dass sie trotz der vorgenannten bullischen Argumente auf der anderen Seite bärische Faktoren erkennen, die sie höher gewichten.

Da angesichts der weiterhin geringen Investitionen in die Entwicklung von Ölfeldern nicht absehbar ist, dass die Ölmärkte angebotsseitig geflutet werden, kann dies eigentlich nur bedeuten, dass ein erneuter Einbruch der Nachfrage droht. Und Nachfrageeinbruch bedeutet in der Regel Wirtschaftskrise.

Auffällige Bewegungen am Zinsmarkt

Auch die Rendite langfristiger Staatsanleihen kann uns wertvolle Hinweise geben, was die Profis für die Zukunft erwarten. Besonders aufschlussreich finde ich den Euro-BUXL-Future, der eine Laufzeit von rund 30 Jahren abbildet.

Noch vor wenigen Tagen konnte die Deutsche Finanzagentur ein bis 2050 laufendes Papier um 1,3 Mrd. Euro aufstocken. Obwohl dies unverzinst ist, zahlten die Käufer einen Aufschlag von knapp 4 %. Parallel zum Euro-BUXL-Future, der kurzfristig bei 240 notierte und zuletzt auf unter 218 abgetaucht ist, ist auch der Kurs dieser Bundesanleihe gefallen. Am 3. Februar hatte er mit der Marke von 100 % zu kämpfen, was bedeutet, dass der Rendite ins Positive drehen wird, wenn sie gerissen wird.

Damit könnten sich auch die paradiesischen Zustände für kapitalhungrige Konzerne dem Ende zuneigen. Vor wenigen Tagen konnte zum Beispiel Volkswagen Leasing noch eine unverzinste 1-Milliarde-Euro-Anleihe mit 2,5 Jahren Laufzeit am Markt unterbringen.

Die Aktienkursgewinne der letzten Jahre haben zu einem guten Teil damit zu tun, dass die in Zukunft erwarteten Gewinne mit einem immer kleineren Kalkulations-Zinssatz abgezinst („diskontiert“) wurden. Ein Beispiel: Ob der Wert für 2030 mit 6 oder 8 % diskontiert wird, macht einen Unterschied von über 20 %.

Der Glaube an die ewigen Nullzinsen scheint nun zunehmend zu schwinden.

Wie man Ölpreise und Zinsmarkt zusammendenken könnte

Wenn uns im Nachgang der Coronakrise „lediglich“ eine andauernde Konjunkturschwäche erwarten würde, dann spräche das eher für eine weitere Verlängerung der Nullzinsen. So passt es nicht zusammen.

Anders sieht es aus, wenn zusätzlich aufgrund von ausufernden Defiziten das Vertrauen in Währungen wie den US-Dollar schwindet. Dann führen steigende Risikoprämien zu höheren Zinsen und die Zentralbanken können wenig dagegen ausrichten. Für viele Aktien wäre es Gift.

Auch wenn all das lediglich eine Interpretation des Verhaltens an den Öl- und Zinsmärkten darstellt, sollten wir uns für ein solches Szenario wappnen. Ich würde jetzt bevorzugt auf Unternehmen setzen, die mit einem schwierigen makroökonomischen Umfeld umgehen können.

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Ralf Anders besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien.

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