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Sternekoch Holger Stromberg will mit Indoorfarmen Großstädte versorgen

Terpitz, Katrin
·Lesedauer: 5 Min.

Der Ex-DFB-Koch steigt bei Organic Garden ein. Das Unternehmen plant überdachte High-Tech-Biofarmen in Stadtnähe, mit Fischzucht und Gemüseanbau.

Es klingt ein bisschen nach Science-Fiction, was ein Sternekoch, ein Digitalexperte und ein Berater im Umland Ingolstadts und Münchens planen: High-Tech-Biofabriken, die jeweils 100.000 Menschen das ganze Jahr hindurch mit frischem Fisch, Gemüse, Salat und Kräutern versorgen können. „Wir wollen nicht weniger als den Ernährungsmarkt umkrempeln“, sagt Martin Wild, CEO des Food-Techs Organic Garden.

Der 42-jährige Digitalexperte, der den Onlineversender Home of Hardware gründete und als Chief Innovation Officer den E-Commerce von Mediamarkt/Saturn aufbaute, hat einen prominenten Mitstreiter gewonnen. Sternekoch Holger Stromberg, 48, der lange die deutsche Fußballnationalelf versorgte, ist mit seiner Catering- und Eventgastrofirma bei Organic Garden eingestiegen.

„Normalerweise hat ein Lebensmittel im Schnitt 3500 Kilometer zurückgelegt, bevor es auf unserem Teller landet“, sagt Stromberg. „Unser Ziel ist nachhaltige Bio-Qualität aus der Region, die transparent in einem Kreislauf produziert wird.“ Dabei sollen die modernsten digitalen Technologien helfen – auch im Vertrieb.

Als „Chief Culinary Officer“ will Stromberg eine Ernährung etablieren, die gleichermaßen Mensch und Natur zugutekommt.

„Schon in den letzten Jahren meiner Tätigkeit für den DFB haben mich die seelen- und energielose Produktvielfalt im Überfluss, dafür Foodwaste und Plastik ohne Ende immer mehr umgetrieben“, sagt der Gastronomensohn, der mit 23 Jahren als damals jüngster Koch in Deutschland einen Michelin-Stern erhielt. „Essen ändert alles“, lautet sein Credo.

Kreislauf aus Fisch- und Gemüsezucht

Auf einer Fläche von etwa 30 Fußballfeldern soll eine Farm von Organic Garden im Jahr 500 Tonnen Fisch, 2000 Tonnen frische Champignons sowie Auberginen, Tomaten oder Gurken in einem digital gesteuerten Kreislauf züchten. CO2, das aus Abfall der Pilzzucht entsteht, fließt in die Gewächshäuser für Gemüse. „Sonst wird CO2 oft zugekauft, damit Pflanzen besser wachsen“, sagt Wild.

Ausscheidungen von Fischen und Garnelen werden zu Dünger für die Gewächshauspflanzen, die wiederum das Wasser für die Fische reinigen. Schon die Azteken nutzten die kombinierte Fisch- und Pflanzenzucht – etwa im 14. Jahrhundert für die damalige Mega-Metropole Tenochtitlán mit einer Viertelmillion Einwohnern. Dort wurden auf den Chinampas, kleinen Inseln im Fluss, Mais und Tomaten angebaut.

„Integriert gewirtschaftet wurde bereits vor Jahrhunderten, bei den heutigen Systemen unterstützt die Technologie und Digitalisierung die Synergie und erschließt auch im urbanen Kontext neue Möglichkeiten“, sagen die Experten Simone Krause und Volkmar Keuter vom Fraunhofer-Institut Umsicht in Oberhausen.

„Wir wollen das Rad nicht neu erfinden, sondern die neuesten Technologien im Smart und Vertical Farming mit Fischzucht kombinieren“, sagt Wild. Aquaponik in kleineren Dimensionen gibt es weltweit bereits – auch mitten in Berlin, wo das Start-up Ecofriendly Farmsystems in einer alten Malzfabrik Barsche und Basilikum etwa für Rewe züchtet.

Aquaponik-Experte Wolfgang Grüne geht davon aus, dass der kombinierte Fisch-Pflanzenanbau rentabel wirtschaften kann. In den USA gebe es größere Anlagen wie Superior Fresh, in Australien die Blue Smart Farms. Es brauche allerdings hochspezialisiertes Fachpersonal. Die Schnittstelle der integrierten Nutzung des Abwassers und der Abwärme sei eine Herausforderung, meinen die Fraunhofer-Forscher. Es gebe noch keine Standardprozesse.

Die Energie für Treibhäuser sowie Fisch- und Algenzucht von Organic Garden soll CO2-neutral in einem Bio-Holzkraftwerk erzeugt werden, das mit Abfällen der nachhaltigen Forstwirtschaft bewirtschaftet wird. Die Idee für die High-Tech-Bio-Farmen hatte Martin Seitle. Der Ingolstädter Unternehmensberater unterstützte ein Farmprojekt neben einem Biomassen-Heizkraftwerk im österreichischen Gmünd, das seit Oktober gebaut wird.

Flagship-Store am Viktualienmarkt

Seitle war so begeistert, dass er sich Marke und Planungsdaten sicherte. „Die Coronakrise hat gezeigt, wie schnell Lebensmittel knapp werden können, weil die Abhängigkeit vom Ausland extrem hoch ist. Wir wollen weg von langen Transportwegen“, erklärt er.

Die ersten Farmen sollen in zwei bis drei Jahren in Betrieb gehen. Erste Standortentscheidungen fallen in wenigen Monaten. Jede Farm kostet einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag. Die Gründer investieren selbst und sind in Gesprächen mit Unternehmern, die nachhaltig investieren wollen.

80 bis 120 Mitarbeiter sollen auf einer Farm arbeiten. Sie kümmern sich nicht nur um Pflanzen und Fische, sondern verarbeiten die Lebensmittel vor Ort. Hier kommen Stromberg und sein Team ins Spiel. Er hat bereits erste Produkte wie einen „Green Hotdog“ entwickelt.

Der soll ab Ende März im Flagshipstore von Organic Garden am Viktualienmarkt in bester Münchener Lage verkauft werden. „Wir wollen auch testen, ob unsere Produkte ankommen und diese dann per Onlineshop versenden“, sagt Stromberg. „Woran viele Projekte scheitern, ist die Vermarktung der Produkte zu einem akzeptablen Preis“, beobachtet Aquaponik-Experte Grüne.

Organic Garden mit derzeit 39 Mitarbeitern will eng mit regionalen Biobauern zusammenarbeiten, „denn unsere Farm kann nicht mit allem versorgen.“ Die frischen Produkte sollen im Webshop bestellt und vor Ort abgeholt werden. „Wir helfen den Bauern mit unserer Online-Vermarktung.“ Es sollen nicht nur heimische Produkte angebaut werden. „Die Leute wollen eben Auberginen essen und nicht Weißkohl“, weiß Stromberg.

Der Sternekoch, der bereits bisher Kantinen von Adidas, BASF und Evonik beraten hat, in denen täglich rund 50.000 Menschen versorgt werden, will auch Großküchen mit Organic-Garden-Produkten beliefern. Mittelfristig plant Organic Garden zehn bis 50 Farmen in Deutschland. „Wir denken groß und visionär, nur so können wir wirklich etwas verändern“, sagt Wild. Noch steht die Idee am Anfang. „Wer uns geeignete 20 oder 30 Hektar verpachten will, soll sich melden“, sagt Stromberg.