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„Wir stehen vor einem massiven Start-up-Sterben“

Die staatliche Hilfe kommt zu langsam, warnen Christian Miele und Jeannette zu Fürstenberg vom Startup-Verband. Noch hoffen sie auf Geld im Mai.

Der Bundesverband Deutsche Startups warnt vor einem massiven Sterben bei Gründerunternehmen. Obwohl die Regierung in der Krise zwei Milliarden Euro für junge Firmen bereit hält, sehen 70 Prozent der Startups ihre Existenz gefährdet. Das geht aus einer Umfrage des Verbands unter mehr als 1000 Firmen hervor.

Verbandspräsident und Start-up-Investor Christian Miele sagt dem Handelsblatt: „Grundsätzlich hat die Regierung bisher einen guten Job gemacht. Der einzigen Vorwurf, den man machen kann, ist, dass zu viel wertvolle Zeit vergangen ist.“

Der Verband hoffe, dass jetzt rasch Geld fließt und noch im Mai bei den Start-ups ankommt. Thomas Jarzombek, im Wirtschaftsministerium für Start-ups zuständig, verspricht baldige Hilfe: Seit einer Woche könnten Venture Capital (VC) Fonds bei KfW Capital, der Investmentgesellschaft der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau, ihre Beteiligung samt Hilfsantrag anmelden. Und, so Jarzombek, weiter: „Für Gründungsfirmen ohne VC werden die Hilfen über die Landesförderbanken ausgereicht. Das wird im Mai stattfinden.“

Die Investorin Jeannette zu Fürstenberg mahnt: „Speziell für Start-ups birgt die Situation die Gefahr, dass Wachstumsstrategien nicht realisiert werden können und sie deshalb finanziell austrocknen.“ Zu Fürstenberg ist ebenfalls Mitglied im Verbandsvorstand um Miele und eine von Deutschlands bekanntesten Investorinnen. Sie hat den Venture-Capital-Fonds La Famiglia mitgegründet.

Im Interview mit dem Handelsblatt beschreiben Jeannette zu Fürstenberg und Christian Miele die Folgen der Coronakrise für das Start-up-Ökosystem.

Lesen Sie hier das vollständige Interview

Frau zu Fürstenberg, Herr Miele, was macht die Krise mit dem Ökosystem aus Gründern und Risikokapitalgebern?
Christian Miele: Die Pandemie setzt das gesamte Ökosystem einem immensen Stress aus. Auf der einen Seite brechen Umsätze weg, auf der anderen Seite müssen Wagniskapitalinvestoren überlegter handeln und Risiken minimieren. Die ersten Wochen befanden wir uns dabei quasi in einer Art Schockstarre, das liegt aber hinter uns. Manche Geschäftsmodelle leiden massiv und müssen um 180 Grad gedreht werden, was auch geschieht. Andere profitieren von bestimmten Konsumverschiebungen wie etwa Lieferdienste oder Anbieter von digitalen Workflow-Instrumenten.

Welche Start-ups sind gerade besonders in ihrer Existenz gefährdet?
Christian Miele: Zum einen all jene, die vor der Krise bereits Probleme hatten oder bei denen das Business-Model nicht wirklich vollständig überzeugend war. Zum anderen aber auch solche Start-ups, die jetzt nicht nachdrücklich, schnell und konzentriert genug auf die veränderten Rahmenbedingungen reagiert haben und dabei das eigene Geschäftsmodell hinterfragt und gegebenenfalls angepasst haben. Diejenigen wiederum, die all das tun und exzellent operieren, werden ihre Position im Markt nach der Krise verbessert haben.

Wo liegen die schwerwiegendsten Probleme in der aktuellen Situation?
Jeannette zu Fürstenberg: Das größte Problem ist die Unsicherheit mit Blick auf Dauer und Intensität der negativen wirtschaftlichen Folgen. Speziell für Start-ups birgt die aktuelle Situation die Gefahr, dass zwingend notwendige Wachstumsstrategien nicht realisiert werden können und sie deshalb finanziell quasi austrocknen. Entgegen etablierten Unternehmen, die im Zweifel auf eine defensive Überlebensstrategie umstellen können, beruht die Existenz eines Start-ups auf Ausweitung und Wachstum. Das Virus und seine wirtschaftlichen Folgen dürfen nicht zum Innovationskiller werden.

Wie hoch sehen Sie den Anteil der jungen Unternehmen, die die Krise trotz Hilfsmaßnahmen wahrscheinlich nicht überstehen werden?
Jeannette zu Fürstenberg: Das ist aktuell schwer abzuschätzen und ist sicherlich stark abhängig von der Branche, in der das Unternehmen tätig ist. Generell gilt natürlich: Resiliente Unternehmen werden durch enorme Disziplin und Anpassungsfähigkeit auch in der Krise einen Weg an die Spitze finden. Dennoch muss man hier natürlich stark differenzieren. Unser Investmentfokus bei La Famiglia etwa liegt bei Technologieunternehmen, die Lieferketten digitalisieren oder neue Formen des Arbeitens fördern. In diesen Gebieten gibt es viel Rückenwind. In anderen Industrien, die faktisch stillgelegt wurden, ist hingegen sicher externe Hilfe notwendig.
Christian Miele: Das weiß niemand. Der Bundesverband Deutsche Startups hat eine Befragung durchgeführt, an der über 1000 deutsche Start-ups teilnahmen. 80 Prozent glauben, dass sich die Pandemie und die Social-Distancing-Maßnahmen negativ auf ihre Geschäftstätigkeit auswirken. Aber viel alarmierender ist, dass 70 Prozent fürchten, dass sie sogar ihre Existenz gefährdet sehen. Wenn die versprochenen Hilfsmaßnahmen nicht schnell bei den Start-ups ankommen, stehen wir vor einem massiven Start-up-Sterben.

Wie sehen Sie die Hilfsangebote der Bundesregierung, die insbesondere für Gründerunternehmen formuliert wurden? Zwei Milliarden Euro sind ausdrücklich für die Start-up-Szene bereitgestellt worden. Reicht das aus?
Christian Miele: Grundsätzlich hat die Bundesregierung bisher einen guten Job gemacht. Es wurde schnell verstanden, dass Start-ups andere Liquiditätshilfen benötigen als herkömmliche Unternehmen. Den einzigen Vorwurf, den man bis hierher machen kann, ist, dass von der Ankündigung bis zur Veröffentlichung der ersten Details zur Ausgestaltung dieses Zwei-Milliarden-Programms eindeutig zu viel wertvolle Zeit vergangen ist.
Für manche Start-ups ist es eher eine Frage von Wochen als von Monaten. Ich hoffe, dass man jetzt schnell in die Umsetzung kommt und das erste Geld aus diesem Topf hoffentlich noch im Mai bei den Start-ups ankommen wird.

Woran liegt es, dass das Geld noch nicht angekommen ist?
Christian Miele: Es ist kompliziert, weil es sehr schnell gehen muss. Die Politik ist ja schon viel schneller als sonst, aber es gab hinter den Kulissen auch wieder politisches Gezerre, weil sich Finanzministerium und Wirtschaftsministerium zunächst nicht einigen konnten, wer die zwei Milliarden Euro schlussendlich bezahlt. Das BMF macht es jetzt.
Und ich will aber auch nicht verschweigen, dass die Investoren und Gründer selbst bereit sein müssen, anders als bei den aktuellen KfW-Hilfskrediten, die neuen Risiken im Verhältnis eins zu eins mitzutragen. Das geschieht, um Missbrauch vorzubeugen, und das ist im Prinzip auch richtig so.

Es war darüber hinaus vereinzelt Kritik zu hören, diese staatlichen Hilfsgelder könnten besonders auch den Wagniskapitalgebern helfen, weil damit vorwiegend Finanzierungslücken in Gründerunternehmen geschlossen werden, in die bereits Venture-Capital-Fonds investiert haben, während anders finanzierte Jungfirmen außen vor bleiben.
Christian Miele: Wir haben seit der ersten Stunde ganzheitliche Rettungsmaßnahmen für die Start-up-Szene gefordert, natürlich auch für solche Firmen ohne Venture-Capital. Diese Krise ist einzigartig, und daher überschlagen sich die Entwicklungen zum Teil täglich, ich kann daher die Nervosität Einzelner durchaus verstehen. Ich wiederhole an dieser Stelle aber noch einmal, dass wir an Lösungen für alle Gründer arbeiten. Dabei stellen Venture-Capital-Investoren einen kleinen Teil einer größeren Lösung dar.

Brauchen auch die Risikokapitalgeber spezielle Hilfsangebote, weil dort womöglich fest geplante Exits verschoben werden müssen oder gar ganz ausfallen?
Christian Miele: Das glaube ich nicht, zumindest nicht, weil Exits ausfallen könnten. Die Wagniskapitalfonds müssen sicher ebenfalls genauer hinschauen, welche neuen Investments eingegangen werden, um das bestehende Portfolio sicher durch die Krise zu finanzieren. Ich mache mir mehr Sorgen um den einen oder anderen Geldgeber, der Kapital in die Fonds investiert. Aufgrund der allgemeinen wirtschaftlichen Situation könnte es da durch Liquiditätsengpässe zu Problemen kommen, was sich dann wiederum negativ auf die weiteren Zusagen gegenüber den Venture-Capital-Fonds auswirken könnte.
Jeannette zu Fürstenberg: Wir gehen davon aus, dass Investoren seit Beginn der Krise Start-ups noch kritischer beleuchten, vor allem all jene, die auf einem hohen Kostenniveau operieren und denen von heute auf morgen ein Großteil der Umsätze weggebrochen ist. Ich denke da an Branchen wie Gastronomie und Tourismus.

Sie selbst sitzen über ihre Venture-Capital-Fonds La Famiglia 1 und 2 in mehreren Aufsichtsräten von Gründerunternehmen und/oder begleiten die jeweiligen Start-ups eng als Beraterin. Wie können Sie persönlich gerade helfen?
Jeannette zu Fürstenberg: Im Wesentlichen durch die Anpassung der Unternehmensstrategie, Kostenreduktion und eine potenzielle Neu-Ausrichtung des Unternehmens in Anbetracht eines durch die Pandemie stark veränderten makroökonomischen Umfelds. Und selbstverständlich weiter mit unserem belastbaren Netzwerk zur Industrie: Hier zeigt sich, dass wir tragfähige Beziehungen schaffen können, die in der Krise Halt und Sicherheit geben. La Famiglia versteht sich ja seit jeher als Brückenbauer zwischen technologiegetriebener Gründerszene und etabliertem Mittelstand.

An welchen Stellen bietet die Krise neue Chancen? Insbesondere mit Blick auf eine künftig höhere Geschwindigkeit bei der Digitalisierung?
Jeannette zu Fürstenberg: Wir sehen dies auf zwei Ebenen: Viele Nutzer werden durch die Krise gezwungen, sich stärker mit digitalen Anwendungen auseinanderzusetzen. Darüber hinaus gilt nach der Krise „survival of the fittest“. Das heißt, diejenigen Unternehmen, die sich am schnellsten an die neuen Gegebenheiten und schlanke Kostenstrukturen anpassen können, sind genau diejenigen, die langfristig gewinnen werden. Dies wiederum wird auch die digitale Transformation etablierter Industrien noch einmal signifikant beschleunigen.

Gerade bei Unternehmen, die an Verbesserungen der digitalen Effizienz entlang der Wertschöpfungsketten arbeiten, liegt ein Schwerpunkt bei den Investments ihrer Fonds. Können Sie vielleicht zwei Beispiele geben für derartige Anwendungen, die von der Krise eher in ihrer Entwicklung begünstigt werden, weil die Notwendigkeit offenkundiger wird?
Jeannette zu Fürstenberg: Wir sehen eine ganze Reihe an neuen Chancen, insbesondere bei Unternehmen, die Kollaborationen für datengetriebenes Arbeiten fördern, wie beispielsweise Graphyapp. Graphyapp baut eine Plattform, auf der Menschen ganz einfach gemeinsam in interaktiven Dashboards arbeiten können, innerhalb von Teams oder über Unternehmensgrenzen hinweg. Damit haben Screenshots und Excel-Anhänge in E-Mails ein Ende.
Oder auch solche Firmen, die unternehmensinterne Prozesse in ihrer Effizienz erhöhen, wie Backhq. Backhq strukturiert und automatisiert Mitarbeiteranfragen in Bereichen wie Human Resources, Finanzen und IT. Und zwar genau dort, wo Fragen gestellt werden: innerhalb von Chat-Kanälen oder E-Mails. Anfragen wie „Wie kann ich auf meine Lohnabrechnung für das vergangene Jahr zugreifen?“ oder „Ich benötige Zugang zu einem bestimmten Service“ können so schnell gelöst werden, ohne zu viel Zeit von Mitarbeitern zu beanspruchen. Bei beiden Firmen sind wir mit La Famiglia investiert.

Welche Lehren sollte die deutsche Wirtschaft aus der Krise mit Blick auf die globalen Lieferketten ziehen?
Christian Miele: Ich denke, dass in den letzten Wochen vor allem die Sensibilität für potenzielle Risiken in den Lieferketten gestiegen ist und wir bereit sein müssen, daraus die richtigen Lehren im Sinne einer Risikominimierung zu ziehen. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung lehrt uns, dass große Krisen und exogene Schocks weiterhin auftreten werden. Die Minimierung der daraus entstehenden Risiken ist daher eine gute Investition. Widerstandsfähigkeit zahlt sich langfristig aus.

Bitte etwas konkreter. Können Sie ein Beispiel nennen?
Christian Miele: Produktion und Dienstleistungen sind in Europa meist teurer als in Asien. Zudem ist Lagerhaltung ein Kostenfaktor, den man intuitiv vermeiden möchte. Wenn alles läuft wie geplant, macht das auch Sinn. Spätestens aber nachdem Edward Murphy das nach ihm benannte Gesetz formuliert hat, wissen wir, dass unter Garantie nicht alles läuft wie geplant. Je komplexer ein System und je länger die Zeitachse, desto häufiger und extremer sind die schadhaften Anomalien. Deswegen sollte Komplexität vermieden werden. Start-ups werden sich also überlegen müssen, ob fragile Just-in-time-Produktionsprozesse langfristig nicht mehr kosten als Produktion im nahen und stabilen Europa und eine smarte Lagerhaltung.
Jeannette zu Fürstenberg: Bei La Famiglia gehen wir stark davon aus, dass sich der Trend zum sogenannten Nearshoring, also der Verlagerung ausgewählter Tätigkeiten auch nach Europa, und zu dynamischen Lieferketten fortsetzen wird. Hier war der Handelskrieg sicher ein erster starker Impuls, der sich mit der Pandemie noch einmal verstärkt hat.

Anders gefragt: Haben wir uns in Deutschland zu abhängig gemacht von fernen Produktions- und Lieferstätten?
Jeannette zu Fürstenberg: Wir leben in einer globalisierten Welt, und ich denke, es wäre kurzsichtig, die jetzige Krise zum Anlass zu nehmen, das Rad der Globalisierung vollständig zurückzudrehen, da niemand bestreiten wird, dass diese insgesamt sehr viele Vorteile mit sich bringt. Was speziell mit Blick auf die Verfügbarkeit digitaler Anwendungen indes unverzeihlich ist: wenn es in Unternehmen immer noch an Transparenz und Kontrolle über die Lieferketten fehlt.

Wie hat sich Ihr persönliches Leben verändert in den vergangenen Wochen?
Christian Miele: Als ich im Dezember zum Präsidenten des Bundesverbandes Deutsche Startups gewählt wurde – neben meinem eigentlichen Job als Partner bei Eventures –, rechnete ich nicht damit, dass mich dieses Amt so sehr fordern wird, wie es das aktuell tut. Ich habe durch die neue Aufgabe dafür zu sorgen, dass wir auch nach der Krise noch ein Start-up-Ökosystem in Deutschland haben.
Jeannette zu Fürstenberg: Sicher weniger Reisen, aber weiter sehr viele intensive Gespräche mit Gründern und Investoren. Hier stehen wir stets im engen Austausch, und das gewinnt in der Krise weiter an Bedeutung. Glücklicherweise sind wir eine Branche, die das nicht-ortsgebundene Arbeiten seit Jahren praktiziert.

Sind Sie als dreifache Mutter daheim jetzt eigentlich auch als Lehrerin gefordert?
Jeannette zu Fürstenberg: Ich bin glücklicherweise in der Situation, auch jetzt auf ausreichend Hilfe und einen engagierten Ehemann zählen zu können. Allerdings bin ich damit in einer sehr privilegierten Lage, die dem Gros arbeitender Mütter aktuell nicht zuteilwird. In diesem Punkt unterstreiche ich absolut die Forderung von Gruner+Jahr-Chefin Julia Jäkel, dass hier dringend gegengesteuert werden muss, damit die Geschlechterdisparität in der Wirtschaft, die wir vor allem in Deutschland nach wie vor sehen, nicht wieder weiter zunimmt.

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang eigentlich die Chance für digitale Bildungsangebote? Amerikanische und chinesische Unternehmen scheinen weit vorn zu liegen.
Christian Miele: Wenn man sich ein realistisches Bild über den Stand der digitalen Bildung – sowohl was die Inhalte als auch die Organisation von Bildung angeht – hierzulande macht, dann muss man als Optimist zu dem Schluss kommen: Es kann eigentlich nur noch besser werden. Das Tragische dabei ist, dass wir in Deutschland viele Start-ups mit innovativen Lösungen haben, die praktisch morgen eingesetzt werden könnten. Wir scheitern aber am Transfer dieser Lösungen in das Bildungssystem.
So wie das „Digitale Versorgungsgesetz” den Gesundheitssektor für digitale Angebote öffnet, brauchen wir einen ähnlich mutigen Schritt in der Bildung. Die USA und China sind hier so viel weiter, weil ihnen dieser Transfer durch ihre pragmatische Herangehensweise besser gelingt als uns. Dies kann man übrigens auch auf andere Bereiche wie Künstliche Intelligenz übertragen. Wir scheitern noch zu oft an uns selbst.

Frau zu Fürstenberg, Herr Miele, herzlichen Dank für das Interview.