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Stefanie Hubig kritisiert Länderkollegen für Lehrermangel: „Alle müssen genug ausbilden“

Die neue Präsidentin der Kultusministerkonferenz hat nichts gegen Quereinsteiger in der Grundschule – wenn sie ordentlich ausgebildet werden.

Die ehemalige Staatssekretärin setzt sich für Vergleichbarkeit an Schulen ein. Foto: dpa

Die neue Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD), fordert zusätzliche Milliarden des Bundes für die geplante Ganztagsbetreuung der Grundschüler ab 2025. Bisher hat der Bund für den geplanten Rechtsanspruch zwei Milliarden Euro vorgesehen. „Die Einführung kostet aber 7,5 Milliarden, also rund viermal so viel. Der Bund muss also nachlegen“, sagte Hubig dem Handelsblatt.

Auch an den laufenden Betriebskosten, die auf 4,5 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt werden, „muss sich der Bund dauerhaft beteiligen – also mit deutlich mehr als fünf oder zehn Prozent“, sagte die KMK-Präsidentin.

Hubig verwahrte sich auch gegen inhaltliche Bedingungen des Bundes. Ob die Gelder nur in Ganztagsschulen fließen oder auch in Horte, sei „Sache der Länder, das kann uns der Bund nicht vorschreiben“. Allerdings seien „umso mehr zusätzliche Lehrer nötig, je mehr Ganztagsbetreuung in der Schule statt im Hort passiert“. Noch mehr Personal brauchte man für Ganztagsschulen mit rhythmisiertem Unterricht über den Tag hinweg – „es wird also umso teurer, je wertvoller das Angebot aus pädagogischer Sicht wird“.

Zudem forderte Hubig, die Bundeshilfe gleichmäßig zu verteilen. „Es kann nicht sein, dass die Länder, die schon weiter sind, dafür finanziell bestraft werden – zu Gunsten derer, die es jahrelang verschlafen haben.“

Der Lehrermangel beschäftigt die KMK-Präsidentin ebenfalls. Sie hat dazu aufgerufen, ausreichend Nachwuchs heranzuziehen: „Natürlich haben alle Länder die Aufgabe, bedarfsgerecht auszubilden“, sagte sie dem Handelsblatt.

Ihr eigenes Land, Rheinland-Pfalz, könne im Schuljahr 2019/2020 „alle Stellen mit voll ausgebildeten Lehrern besetzen“. Das sei möglich, „weil wir jahrelang bedarfsgerecht bzw. über Bedarf ausgebildet haben“. Viele Länder reagieren jetzt auf den Mangel und stockten die Zahl der Studienplätze auf oder erweitern die Kapazitäten an den Studienseminaren, verteidigte Hubig ihre Kollegen. „Manche, wie etwa Bayern schaffen auch den NC ab.“

Die Kritik des Lehrerverbandes, der die Einstellung unqualifizierter Quereinsteiger ein „Verbrechen an den Kindern“ genannt hatte, wies Hubig als „undifferenziert“ zurück, die Wortwahl sei „inakzeptabel“. Länder, in denen der Druck sehr hoch sei ist, „sind auf Quereinsteiger angewiesen und die sind unterschiedlich qualifiziert.“

Nötig sei allerdings, „Quereinsteiger ordentlich zu qualifizieren“ sagte sie mit Blick auf die vielfach kritisierte Schmalspur-Qualifizierung in manchen Ländern. Dann sei ihr Einsatz auch in der Grundschule akzeptabel.

Rheinland-Pfalz setze Quereinsteiger grundsätzlich nicht in Grundschulen, aber für ältere Schüler in Mangelfächern, wie den MINT-Fächern, ein. „Sie müssen bei uns aber nach ihrem Studium ein verlängertes Referendariat machen, also 24 statt 18 Monate, dafür sind sie aber am Ende gut ausgebildet“, so Hubig.

Lesen Sie hier das vollständige Interview:

Frau Hubig, Bayern bekämpft Lehrermangel mit Pflicht-Mehrarbeit von einer Stunde pro Woche. Ist das eine gute Idee?
Natürlich wollen wir alle, dass Unterricht vollständig stattfindet. In Zeiten des Lehrkräftemangels muss jedes Land selbst entscheiden, wie es das sicherstellt. Bayern hat jetzt eine Entscheidung getroffen, Baden-Württemberg macht das gleiche auf freiwilliger Basis. Mehrarbeit ist eine Möglichkeit, andere setzen auf späteren Ruhestand oder Quereinsteiger.

Rheinland-Pfalz hat kein Problem?
Wir spüren natürlich auch, dass die Situation auf dem Lehrermarkt angespannt ist. Rheinland-Pfalz kann im Schuljahr 2019/2020 allerdings alle Stellen mit voll ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern besetzen. Das war möglich, weil wir jahrelang bedarfsgerecht bzw. über Bedarf ausgebildet haben.

Können Eltern und Schüler das nicht in allen Ländern erwarten?
Natürlich haben alle Länder die Aufgabe, bedarfsgerecht auszubilden. Das ist klar. Viele Länder reagieren jetzt und stocken die Zahl der Studienplätze auch auf oder erweitern die Kapazitäten an den Studienseminaren, manche, wie etwa Bayern schaffen auch den NC ab.

Sie haben rechtzeitig reagiert – andere waren offenbar zu zögerlich....
Ich kann das Engagement anderer Länder nicht beurteilen. In Rheinland-Pfalz spielt der Quereinstieg kaum eine Rolle. In Mangelfächern, wie den MINT-Fächern stellen wir sie allerdings auch ein. Sie müssen bei uns aber nach ihrem Studium ein verlängertes Referendariat machen, also 24 statt 18 Monate, dafür sind sie aber am Ende gut ausgebildet.

In Grundschulen arbeiten mehr als die Hälfte der Lehrer Teilzeit – liegt hier nicht das größte Potenzial?
Sicherlich kann man Teilzeitkräfte fragen, ob sie sich vorstellen könnten, mehr zu arbeiten. Allerdings haben sie gute Gründe dafür, Teilzeit zu arbeiten und diese Möglichkeit sollen sie auch bekommen.

Der Lehrerverband nennt die Einstellung unqualifizierter Quereinsteiger „Verbrechen an den Kindern“...
Länder, in denen Druck sehr hoch ist, sind auf Quereinsteiger angewiesen und die sind unterschiedlich qualifiziert. Die Kritik daran ist deshalb undifferenziert und die Wortwahl ist inakzeptabel. Richtig ist: Wir müssen die Quereinsteiger ordentlich qualifizieren, so dass sie auf den Dienst in der Schule gut vorbereitet werden.

Sind denn Quereinsteiger in der Grundschule akzeptabel?
Wenn man sie richtig ausbildet, ja. In Rheinland-Pfalz gibt es keine Quereinsteiger an den Grundschulen. Wir hatten bei insgesamt 41.000 Lehrkräften 36 Quereinsteiger in diesem Schuljahr, vor allem an den berufsbildenden Schulen.

Warum vereinbaren die Kultusminister keine Mindeststandards für Quereinsteiger?
Weil das im Föderalismus jedes Land allein regelt.

Warum verdienen Grundschullehrer noch immer weniger als andere Lehrer?
Das liegt in der Regel daran, dass Grundschullehrkräfte häufig kürzer studieren. Manche Länder ändern dies gerade.

Die Konjunktur lässt nach – hilft das bei der Suche nach Lehrern, vor allem bei den Mint-Fächern?
Das ist sicherlich möglich. Ein sicherer Arbeitsplatz mit guten Bedingungen in einer Schule ist aber unabhängig davon recht attraktiv. Insgesamt wollen wir aber doch hoffen, dass sich die Wirtschaft wieder erholt

Mangelware sind Informatiker – wie lehren sie das in der Schule?
Informatik ist an den weiterführenden Schulen in der Mittelstufe Wahlfach, in der Oberstufe kann es Grund- oder Leistungskurs sein. Zum nächsten Schuljahr starten wir in Rheinland-Pfalz 21 Informatik-Profilschulen. Das sind weiterführende Schulen – Gymnasien, Realschulen plus und Integrierte Gesamtschulen: Dort gibt es Informatik dann ab der 5. Klasse. In der 6. entscheiden die Schüler, ob sie weiter den Informatik-Zug wählen – dann haben sie durchgehend Informatik bis zur Mittleren Reife oder zum Abitur.

2008 forderte die KMK-Präsidentin, Annegret Kramp-Karrenbauer, Ganztagsschule müsse endlich auch in Deutschland normal werden. Davon sind wir weit entfernt...
In Hamburg sind alle Grundschulen Ganztagsschulen. In Rheinland-Pfalz bekommt jedes Kind einen Ganztagsplatz, das diesen möchte. Andere setzen auf Schule plus Hort und nennen das Ganztag. Neue Ganztagsschulen bei uns in Rheinland-Pfalz sind aber Schulen mit rhythmisiertem Unterricht über den ganzen Tag. Das ist pädagogisch sinnvoller, so kann man Kinder am besten fördern. Eltern müssen sich dann aber für je ein Jahr festlegen, und können Kinder nicht spontan mittags holen, wenn sie mal frei haben. Das gefällt nicht allen, aber der Bedarf und auch die Bereitschaft, sich so festzulegen, wächst. Bei uns steigen pro Jahr rund zehn Schulen auf echten Ganztag um.

2025 soll der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in Grundschulen kommen. Wird das einen Schub für die Ganztagsschule bringen?
Auf jeden Fall. Bisher hat der Bund dafür nur zwei Milliarden Euro vorgesehen. Die Einführung kostet aber 7,5 Milliarden, also rund viermal so viel. Der Bund muss also nachlegen. Dazu kommen laufende Kosten von 4,5 Milliarden Euro pro Jahr – auch daran muss sich der Bund dauerhaft beteiligen – also mit deutlich mehr als fünf oder zehn Prozent.

Werden die Milliarden nur in pädagogisch sinnvolle Ganztagsschulen fließen – oder auch in Horte?
Wie wir das organisieren ist Sache der Länder. Das kann uns der Bund nicht vorschreiben. Allerdings brauchen wir umso mehr zusätzliche Lehrer, je mehr Ganztagsbetreuung in der Schule statt im Hort passiert. Für Ganztagsschulen mit rhythmisiertem Unterricht benötigen wir noch mehr Personal. Es wird also umso teurer, je wertvoller das Angebot aus pädagogischer Sicht wird.

Die Länder haben keinen Überblick, wie viele Hortplätze es in den Kommunen außerhalb der Schulen aktuell gibt. Wie soll das Geld des Bundes dann verteilt werden?
Ich finde, dass es nicht sein kann, dass die Länder, die schon weiter sind, dafür finanziell bestraft werden – zu Gunsten derer, die es jahrelang verschlafen haben.

Das geht zu Lasten der Kinder in den Ländern, die hinterherhinken - dort bleibt das Angebot schlechter.
Ich glaube, dass alle Länder wissen, wie sie die Mittel für den Ganztag sinnvoll verausgaben können.

Ist der nationale Bildungsrat tot – oder gibt es noch eine Chance?
Bayern und Baden-Württemberg haben ihn abgelehnt, weil sie eine gemeinsame Einrichtung mit dem Bund nicht haben wollten. Damit ist er passé, denn ich erwarte diesbezüglich keinen Meinungswandel. Die KMK hat aber im Dezember einstimmig beschlossen, dass wir einen eigenen Rat gründen. Das war eine ebenso gute wie richtige Entscheidung.

Wann wird es ein wirklich vergleichbares Abitur in Deutschland geben? – und nicht nur einen Aufgabenpool, aus dem die Länder nur einzelne Aufgaben übernehmen müssen?
Als Länder sind wir uns einig, dass wir mehr Vergleichbarkeit wollen. Nach den Pool-Aufgaben für Deutsch, Englisch und Mathe wird es auch solche für die Naturwissenschaften geben. Wir müssen aber auch darüber reden, ob wir die erlaubten Hilfsmittel und die Bearbeitungszeit der Abiturprüfungen angleichen. Auch die Wertung der Vorleistung in den Kursen für die Abi-Note wird noch sehr unterschiedlich gehandhabt.

Ärger gibt es auch, weil die Abitur-Noten immer besser werden – jeder vierte macht heute ein Einser-Abitur. Wie kann das sein?
Es kann sein, dass die Schüler besser werden (schmunzelt). Aber wir in Rheinland-Pfalz haben über die Jahre eine relativ konstante Abitur-Durchschnittsnote. In dieser Hinsicht müssen Sie also andere Länder fragen.

Der Bildungsrat soll vor allem die Beratung der Kultusminister durch die Wissenschaft bündeln. Warum klappt das bisher nicht?
Hamburg beispielsweise hat sich zuletzt sehr intensiv beraten lassen – und hat heute deutlich bessere Ergebnisse in Vergleichstests. Das lässt sich aber nicht auf Flächenländer übertragen, weil ein Stadtstaat viel flexibler agieren kann. Es gibt in der Bildungspolitik keine Patentrezepte, durchaus aber Best-Practice-Beispiele, von denen wir lernen können. Für uns als Länder ist es deshalb wichtig, dass wir uns gemeinsam von Wissenschaftlerinnen und Experten beraten lassen, so dass nicht jeder ständig das Rad neu erfinden muss und wir gemeinsam an den Herausforderungen arbeiten, die in vielen Ländern vergleichbar sind.

Was wirkt?
Wir setzen in Rheinland-Pfalz beispielsweise auf die Programme „Lesen macht stark“ und „Mathe macht stark“. Das sind Diagnose-Instrumente für Lehrkräfte, um herauszufinden, woran es bei einzelnen Schüler hakt: ob sie etwa die Textaufgabe in Mathe nicht verstehen oder sie tatsächlich nicht richtig rechnen können. Das Ergebnis hilft den Lehrerinnen und Lehrern dann, gezielt reagieren zu können. Diese Programme haben sich in anderen Ländern bewährt. Deshalb setzen wir sie jetzt ein und erwarten ähnliche Ergebnisse.

Jeder fünfte 15jährige erfüllt nicht die Mindestanforderungen. Experten sagen, sie kommen meist mit massiven Defiziten aus der Grundschule und schleppen die weiter mit.
Deshalb muss es unser wichtigstes Ziel sein, allen Kindern – egal welcher Herkunft und egal ob reich oder arm – richtig lesen, schreiben und rechnen beizubringen. Daneben müssen sie selbstverständlich auch den Umgang mit der Digitalisierung lernen und sich viel mehr bewegen. Die Ganztagsschule ist dafür ein guter Ort.

Frau Hubig, vielen dank für das Gespräch.