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Startups sind die Leidtragenden der verkorksten Stadtplanung

·Lesedauer: 3 Min.
Lieferdienste sorgen für viel Verkehr auf dem Bürgersteig.
Lieferdienste sorgen für viel Verkehr auf dem Bürgersteig.

Erst kamen Unmengen von Leihfahrrädern, dann folgten die E-Scooter und E-Mopeds. Nun fluten Schnell-Lieferdienste wie Gorillas und Flink die Straßen in deutschen Großstädten. All diese Vehikel und Unternehmen haben den Bürgersteig für sich entdeckt. Es wird schnell eng, denn Restaurants, Bars, Passanten und deren Fahrräder beanspruchen ebenfalls Platz. Für Fußgängerinnen und Fußgänger wird der Spaziergang damit schnell zum Hindernislauf – vor allem für ältere Menschen keine leichte Situation.

In vielen Städten haben die Verwaltungen völlig unterschätzt, welche Auswirkung die Zulassung der neuen Mobilitäts- und Lieferangebote haben kann. Dass die Fahrräder und Scooter nicht von jedem störungsfrei abgestellt werden, hat allerdings auch die Anbieter überrascht. So mancher Nutzer parkt den geliehenen E-Scooter nach Fahrtende mitten auf dem Bürgersteig. Andere werfen sie um, sodass sie den ganzen Weg versperren. Auch die Lieferdienste provozieren zunehmend den Zorn von Anwohnern. Das Startup Gorillas etwa hat mittlerweile jede Menge Ärger mit dem Ordnungsamt in Berlin, weil seine Lieferfahrräder zu wild geparkt werden.

Jahrzehntelange Fehlplanungen

Die Startups sehen sich einem Dilemma ausgesetzt: Einerseits möchten sie Services anbieten, welche die Verkehrswende vorantreiben und das Leben erleichtern. Andererseits sind sich die Anbieter dem Missbrauch einiger Fahrzeuge wie der E-Scooter bewusst und versuchen gegenzusteuern. Das Problem liegt aber nicht allein bei den Mobilitätsunternehmen. Sie können schlicht nichts für die Fehlplanungen der Städte. Sie sind nur die Leidtragenden einer Auto-zentrierten Stadtplanung und zeigen auf, was dabei alles schiefgelaufen ist.

Dass es so nicht weitergehen kann, ist den Städten mittlerweile klar. Doch die Verkehrsplanung der vergangenen Jahrzehnte sah nur minimalen Platz für Fußgänger vor. Die Autos und mit ihnen die Fahrspuren wurden immer größer, die Gehwege dafür schmaler. Immerhin schafft man nun mehr Platz für die Fahrradfahrer, damit die nicht auch noch auf den Bürgersteig ausweichen müssen. Das wird aber in Zukunft nicht reichen.

Die Frage ist, wie Unternehmen und Städte den Kampf um Platz entzerren können. Dabei lohnt sich ein Blick in andere Metropolen. In Paris beispielsweise hat sich die Bürgermeisterin Anne Hidalgo das Chaos lange angeschaut und zunächst versucht, mit einzelnen Maßnahmen mehr Raum zu schaffen. E-Scooter und Leihräder durften etwa nicht mehr auf dem Bürgersteig geparkt werden. Stattdessen hat man an jeder Straßenecke den Autos einen Parkplatz weggenommen, der nun für die Mobilitätsdienstleister reserviert ist.

Paris und Barcelona sind Vorbilder

Das hat allerdings nicht gereicht. Deshalb geht man nun einen Schritt weiter. In den nächsten Jahren will Paris 72 Prozent aller öffentlichen Parkplätze abschaffen, um mehr Raum für alternative Mobilitätsdienste, Restaurants und andere Dinge zu schaffen. Dazu wird der private Autoverkehr in einigen Bereich der Stadt komplett verboten. Was der Bürgermeisterin vorschwebt, ist eine „15-Minuten-Stadt“. Ausgehend vom eigenen Wohnort, sollen alle wichtigen Dinge in 15 Minuten entweder zu Fuß, mit E-Scootern oder dem öffentlichen Nahverkehr erreichbar sein.

Ähnliches setzt man seit einigen Jahren auch in Barcelona um. Die Stadt besteht zumeist aus großen Blöcken, in denen sich die Altbauten befinden. Diese sind durchzogen von Straßen und genau die will man in Barcelona für den Autoverkehr schließen. Insgesamt will man in den nächsten Jahren die Länge des Straßennetzes für Autos von 912 Kilometer auf 355 Kilometer reduzieren. Die Straßen werden umgewidmet oder zurückgebaut.

Ist so etwas auch in Deutschland vorstellbar? In Berlin gibt es erste vorsichtige Versuche. So wurden im vergangenen Jahr Teile der belebten Einkaufsmeile in der Friedrichstraße für den Autoverkehr geschlossen. Weitere Straßenabschnitte sollen folgen. Aber das alles hilft natürlich nicht dem Bürgersteig. So lange die Verwaltungen nicht radikal die Zahl der für Auto reservierten Parkplätze abbauen und den Platz neuen Mobilitätsunternehmen und Lieferdiensten zur Verfügung stellen, wird sich gar nichts ändern. Die Frage ist also, welche Verwaltung den Mut hat, den Beispielen aus Paris und Barcelona zu folgen.

Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobilbranche unterwegs. Jeden Montag lest Ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.

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