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Start-up Cannovum will die „Cannabis-Revolution“ in Deutschland

Schwedt, Anne
·Lesedauer: 4 Min.

Die Uni war ihr zu „altbacken“, ein normaler Job zu wenig Herausforderung. Als CEO der Cannovum-AG will Pia Marten den Cannabis-Markt umkrempeln.

„Als Kind wollte ich Meerjungfrau werden“, sagt die gebürtige Kölnerin Pia Marten schmunzelnd. „Ich hab damals nicht verstanden, warum das nicht möglich sein sollte. Normale Berufe haben mich nicht interessiert.“ Ihre Schulzeit in einer katholischen Mädchenschule beschreibt Marten selbst als rebellisch. „Ich hatte Probleme mit den Ansichten der Lehrer“, sagt sie. Für das International-Business-Studium zog es sie nach Maastricht, heimische Unis waren ihr zu „altbacken“.

Während ihres Studiums in den Niederlanden kam sie auch erstmals legal mit Cannabis in Kontakt. „Nach der Vorlesung zum Relaxen in den Coffeeshop zu gehen und einen Joint zu rauchen war da völlig normal“, sagt Marten heute rückblickend. Auch Geschäftsmänner mit Anzügen und Laptops habe sie in den Marihuana-Shops oft gesehen.

„In Deutschland hat Cannabis immer noch einen total schlechten Ruf“, sagt die Unternehmerin. „Cannabis ist nicht nur Drogen, Weed und high sein“, betont Marten den medizinischen Aspekt von Cannabis. „Ich will zeigen, dass Cannabis noch mehr sein kann. Deutschland braucht eine Cannabis-Revolution.“

Bis zur Gründung ihrer eigenen Cannabis-Firma vergingen jedoch noch einige Jahre, in denen Marten als Angestellte im Bereich erneuerbare Energien arbeitete. „Als Angestellte hab ich oft gedacht, den Job meines Vorgesetzten besser machen zu können“, erklärt sie. Ihr eigener Boss zu werden, war für sie deshalb ein logischer Schritt.

Im Sommer 2019 entstand zusammen mit Marius Koose, der 14 Jahre lang als Pharmamanager für Bayer gearbeitet hatte, der erste Businessplan. Die Idee, die Cannabis-Branche in Deutschland aufzumischen, wurde konkret. „Ich hatte davor schon länger mit dem Gedanken gespielt, was mit Cannabis zu machen“, sagt Marten, „ich halte es für das Geschäft der Dekade.“

Ein Jahr später steht das Berliner Start-up Cannovum AG nun mit knapp zehn Vollzeitmitarbeitern, mehr als einer Million Euro an Kapital von Privatinvestoren und allen nötigen Handelslizenzen vor dem Markteintritt als pharmazeutischer Großhändler von medizinischem Cannabis. Die Investoren kommen größtenteils aus dem privaten Umfeld Martens, unter ihnen sind die beiden Blockchain-Investoren Florian Reike und Robert Küfner.

Nachschub an Cannabis ist begrenzt

Der Markt für medizinisches Cannabis ist in Deutschland jedoch stark umkämpft. Brancheninsidern zufolge tummeln sich zwischen 60 und 80 Start-ups auf dem Markt. Dennoch sieht Alfredo Pascual, internationaler Cannabis-Analyst und Autor für „Marijuana Business Daily“, große Wachstumschancen. „Deutschland ist ohne Zweifel der größte Markt für medizinisches Cannabis in ganz Europa. Er ist sogar so groß wie alle anderen europäischen Märkte zusammen“, erläutert Pascual.

Der Deutsche Cannabis-Markt ist nicht nur der größte, sondern auch der am schnellsten wachsende in Europa. Seit der Legalisierung von medizinischem Cannabis in Deutschland im Jahr 2017 hat sich der Markt mehr als verdreifacht. „Für 2020 erwarten wir einen Umsatz von rund 10.000 Kilogramm in Deutschland“, sagt der Analyst. Der „German Cannabis Report“ der britischen Analysefirma Prohibition Partners rechnet für Medizinal-Cannabis mit einem Marktvolumen von 350 Millionen Euro im Jahr 2021 und 7,7 Milliarden Euro bis 2028.

Um sich gegen die große Konkurrenz auf dem Markt jedoch erfolgreich und nachhaltig durchsetzen zu können, bedürfe es einer besonderen Differenzierung in der Lieferkette, sagt Pascual und erklärt: „Nur drei Firmen haben die Erlaubnis, Cannabis in Deutschland anzubauen – und wie viel die anbauen dürfen, ist von der Regierung begrenzt, deckt aber längst nicht den gesamten Bedarf ab“, sagt der Experte.

Alle anderen Marktteilnehmer beziehen ihre Cannabis-Blüten aus dem Ausland, hauptsächlich den Niederlanden. „Da die Niederlande ihre Exportmenge jedoch auch begrenzen, bekommt jeder Cannabis-Vertreiber in Deutschland nur jeweils eine kleine Menge“, beschreibt der Analyst das „Supply-Problem“. „Gerade für Start-ups auf dem Markt ist es deshalb besonders wichtig, einen nachhaltigen Lieferanten zu finden, der die Nachfrage abdecken kann“, sagt Pascual mit Blick auf Markteinsteiger.

Für das kommende Jahr hat sich Marten ambitionierte Ziele gesetzt: „Bis Ende 2021 wollen wir in Deutschland rund eine Tonne Cannabis vertreiben“, sagt sie. „Wir wollen mit Aufklärungsarbeit aber auch dazu beitragen, dass das ganze Thema enttabuisiert wird und ein Umdenken in der Gesellschaft stattfindet.“

Marten will den Cannabis-Markt dabei nicht nur für Patienten, sondern auch für Anleger auf dem deutschen Aktienmarkt öffnen. Die Cannovum AG plant bereits ihren Börsengang an einer deutschen Börse. „Ich will die jüngste Vorständin eines börsengelisteten Unternehmens in Deutschland werden“, sagt Marten. „Ich würde es mir nicht verzeihen, bei dieser Cannabis-Revolution nicht dabei gewesen zu sein.“