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Stacy Abrams: Dieser Frau verdankt Joe Biden seinen möglichen Sieg in Georgia

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2018 war die Demokratin bei der Gouverneurswahl gescheitert, doch jetzt hat sie Hunderttausende neue Wähler mobilisiert. Ein Erfolg, der das Ende der Trump-Ära besiegeln könnte.

Ihr großer Traum blieb unerfüllt. Andere Politiker hätten sich enttäuscht zurückgezogen, wären vielleicht sogar daran zerbrochen. Doch im Moment ihres Scheiterns fand Stacy Abrams die Kraft, erst richtig anzufangen.

Vor zwei Jahren verlor die Demokratin die Gouverneurswahl im US-Bundesstaat Georgia, gerade einmal 55.000 Stimmen fehlten ihr. Ihre Parteifreunde sind bis heute davon überzeugt, dass ihr republikanischer Gegenkandidat Brian Kemp nur durch die gezielte Benachteiligung von afroamerikanischen Wählern siegen konnte. Zehn Tage lang habe sie am Boden gelegen, erzählte Abrams später. „Dann habe ich begonnen, Pläne zu schmieden.“

Jetzt steht Abrams vor einem historischen Triumph. Vor einem Triumph, den kaum jemand für möglich gehalten hätte und der das Ende der Präsidentschaft von Donald Trump besiegeln könnte. Die Demokraten liegen in Georgia vorn, bislang eine Hochburg der Republikaner. Joe Biden hat sich bei der Stimmenauszählung am Freitag an US-Präsident Donald Trump vorbeigeschoben und baut seinen knappen Vorsprung seither peu à peu aus.

Selbst wenn es Trump wider Erwarten noch gelingen sollte, Biden im letzten Moment wieder einzuholen – allein die Tatsache, dass die Demokraten in einem traditionell konservativen Bundesstaat zu den Republikanern aufschließen konnten, gilt in den USA als politische Sensation. Ohne Abrams wäre dieser Erfolg kaum möglich gewesen.


Nach ihrer Niederlage gründete sie die Organisation „Fair Fight“ zur Mobilisierung der afroamerikanischen Community. In den vergangenen beiden Jahren gelang es ihr, 800.000 neue Wähler für Demokraten zu registrieren. Dadurch wurden die Demokraten in Georgia konkurrenzfähig. Und Abrams machte sich im gesamten Land als eine der stärksten Fürsprecherinnen eines gerechten Wahlsystems bekannt.

Yale-Absolventin und Steueranwältin

Der Reformbedarf ist groß, nicht nur in Georgia. Die USA sind die älteste Demokratie der Welt, das erfüllt die Amerikaner mit Stolz, bedeutet aber auch, dass sich die Bürger in einem archaischen Wahlsystem zurechtfinden müssen. Es gibt kein nationales Wahlrecht, jeder der 50 Bundesstaaten legt seine eigenen Regeln fest. Und diese sind längst nicht immer auf Fairness ausgelegt.

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) bemängelt in ihren Wahlberichten, dass Minderheiten in den USA „unverhältnismäßig stark“ von „Einschränkungen des Wahlrechts“ betroffen seien. Gegen diese Strukturen, teils Überbleibsel aus der Zeit, in der im Süden der USA eine Form der Apartheid herrschte, begehrt Abrams auf.

Die Yale-Absolventin und Steueranwältin steht für eine neue Generation erfolgreicher, selbstbewusster Afroamerikanerinnen, die ihre Marginalisierung nicht länger hinnehmen. „Wir sind nicht gescheitert“, sagt Abrams im Rückblick auf 2018. „Im Bundesstaat Georgia haben wir die Wählerschaft verändert.“

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In Washington wird jetzt darüber spekuliert, ob Biden als Präsident Abrams in sein Kabinett holen wird. Auch als potenzielle Parteichefin der Demokraten wird die 46-Jährige gehandelt. Biden weiß um ihr politisches Talent, zeitweise war sie sogar als Vizepräsidentschaftskandidatin im Gespräch.

Aber noch ist Abrams Arbeit in Georgia nicht erledigt. Vieles deutet darauf hin, dass sich dort entscheidet, wie im kommenden Jahr die Mehrheitsverhältnisse im US-Senat aussehen – und damit auch, ob Biden die Gestaltungsmacht erhält, die seine Parteifreunde im Kongress für die Umsetzung ihrer ambitionierten Reformagenda brauchen.

Im Januar dürfte es in Georgia zu zwei Stichwahlen zwischen Kandidaten der Republikaner und der Demokraten kommen. Bisher gelten die Republikaner als Favoriten. Doch Georgia hat sich verändert – dank Stacy Abrams.