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Stabile Mitarbeiterzahlen trotz Krise – doch eine Sache könnte für Startups zum Problem werden

Die Stimmung in der Startup-Landschaft ist deutlich eingebrochen – gerade auf die nächsten Monate blicken deutlich weniger Unternehmen positiv. - Copyright: Getty Images/FG Trade
Die Stimmung in der Startup-Landschaft ist deutlich eingebrochen – gerade auf die nächsten Monate blicken deutlich weniger Unternehmen positiv. - Copyright: Getty Images/FG Trade

Schon vor Veröffentlichung des diesjährigen Startup Monitors war klar, dass die Stimmung in der Branche deutlich eingeknickt sein dürfte. Angesichts von Krieg, Energiekrise und drohender Rezession war bereits im ersten Halbjahr 2022 erstmals seit 2019 die Zahl der Neugründungen zurückgegangen. Das war aus dem Next Generation Report des Startup-Verbandes und des Dienstes Startupdetector hervorgegangen.

Der Startup Monitor, die jährliche nicht-repräsentative Befragung des Startup-Verbands in Kooperation mit dem Wirtschaftsprüfer PwC und der Universität Duisburg-Essen, bestätigt das Stimmungstief: Wie schon ein vorab veröffentlichter Auszug gezeigt hatte, ist der Geschäftsklimaindex der Startup-Landschaft um ganze zehn Punkte eingebrochen. Damit liegt er zwar noch deutlich über dem ersten Corona-Jahr, eine positive Geschäftsentwicklung erwartet allerdings nur noch gut die Hälfte der Startups – gegenüber 72,1 Prozent im Vorjahr. Besonders in der Fintech-Branche hat sich der Ausblick deutlich eingetrübt.

Startups wollen weiter neue Mitarbeiter einstellen

Der vollständige Bericht, an dem sich im Frühjahr 2022 knapp 2000 Startups beteiligt haben, zeigt nun, dass die Startup-Landschaft in wichtigen Zahlen bisher allerdings robust geblieben sind. Laut dem Monitor haben Startups durchschnittlich rund 18 Beschäftigte. Allen Downrounds und Massenentlassungen, insbesondere bei Fintechs und Scaleups, zum Trotz ist das sogar ein leichter Anstieg gegenüber dem Vorjahr.

Professor Tobias Kollmann, Inhaber des Lehrstuhls für Digital Business und Digital Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen, appelliert daher an die Politik: „Wir müssen verhindern, dass aus dem konjunkturellen Winter eine bedrohliche Eiszeit wird“, sagte er bei der Präsentation des Startup Monitors. Bei allen konjunkturellen Maßnahmen dürften die Startups – anders als in der Corona-Pandemie – nicht aus dem Blick geraten, so Kollmann.

Trotz Rezessionsängsten suchen die Startups aber weiter nach neuen Mitarbeitern: Gut neun Neueinstellungen sind laut dem Bericht in jedem Unternehmen geplant. Auch dieser Wert liegt minimal über dem Vorjahresniveau. Bisher bleibt die Szene in diesen Punkten also robust.

Mit ESOPs gegen den Fachkräftemangel

Problem dabei: der Fachkräftemangel. Der klettert mit großen Schritten die Rangliste der drängendsten Unternehmersorgen hinauf. Empfanden 2020 noch 17 Prozent der Startups die Personalsuche als Herausforderung, waren es in diesem Jahr mit 34,5 Prozent mehr als doppelt so viele. Das drückt auch das Geschäftsklima: Gut 29 Prozent gaben außerdem an, dass der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften das Geschäft hemme.

Was hilft gegen Fachkräftemangel und Recruting-Probleme? ESOP. So zumindest die Antwort vieler der befragten Startups. Gut 67 Prozent wünschen sich von der Politik bessere rechtliche Rahmenbedingungen für Mitarbeiterbeteiligungen – Platz 3 in der Wunsch-Liste. Bei Startups mit mehr als 25 Beschäftigten war es sogar das Top-Thema, unter anderem gefolgt von speziellen Visa für IT-Fachkräfte und Gründer. Die Mitarbeiterakquise scheint sich gerade für stark wachsende Unternehmen immer mehr zur zentralen Hürde auszuwachsen.

Grüne hätten bei Gründern absolute Mehrheit

Insgesamt steht in dieser Kategorie aber mal wieder der Moloch deutsche Bürokratie im Vordergrund: Knapp 90 Prozent der teilnehmenden Startups wünschen sich beschleunigte und vereinfachte Verwaltungsprozesse. Der kürzliche Rückschritt bei den digitalen Arbeitsverträgen dürfte bei Startups also wenig Begeisterung ausgelöst haben.

Von wem sich die Gründer diese Veränderungen erhoffen? Weiterhin mehrheitlich von den Grünen. Doch der Anteil hat sich noch einmal gesteigert: Schon 2019 hatte die heutige Ampel-Partei ihre Werte in einem grünen Rutsch auf 43,6 Prozent beinahe verdoppelt. Heute hätten die Grünen unter den Gründern mit 50,8 Prozent sogar die absolute Mehrheit. Der Zuwachs geht vor allem zulasten der FDP: Die büßt im Vergleich zum Vorjahr fünf Prozentpunkte ein und kommt nur noch auf 26,4 Prozent.

Das Grußwort der zehnten Jubiläumsausgabe des Monitors kam allerdings vom Politiker einer anderen Partei: von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Angesichts der multiplen globalen Krisen betont der Kanzler darin die Bedeutung und Chancen von Innovation bei der gegenwärtigen wirtschaftlichen Transformation – und den wichtigen Anteil, den Startups daran haben, „die hier gegründet werden, hier wachsen und skalieren können.“ Die Bundesregierung wolle deshalb „die Finanzierung von Startups weiter stärken, die Fachkräftegewinnung erleichtern und Ausgründungen aus der Wissenschaft erleichtern“ – im Wesentlichen die Versprechen des Koalitionsvertrages.

Anteil der Gründerinnnen steigt – lässt aber deutlich Luft nach oben

Neben den krisenbedingt häufig problemorientierten Zahlen vermag der Startup Monitor allerdings auch Positives vermelden. So hat sich der Anteil der Gründerinnen weiter gesteigert – um 2,6 Prozent, was immerhin nochmal ein besserer Wert ist als im Vorjahr. Insgesamt liegt der Frauenanteil damit allerdings immer noch bei ausbaufähigen 20,3 Prozent. Auch in diesem Jahr kann der Startup Monitor seinen Beisatz, Gründerinnen seien „nach wie vor stark unterrepräsentiert und das vorhandene Potenzial wird noch zu wenig ausgeschöpft“, also nicht streichen.

Immerhin gibt es aber mehr Informationen darüber, woran es hakt. Denn beim Punkt Vereinbarkeit von Beruf und Familie gibt es einen deutlichen Gender-Gap. Zwar ist die Mehrheit der Gründer damit aktuell zufrieden – nur etwa jeder Fünfte sieht hier ein Problem. Männer sind mit 61,3 Prozent allerdings deutlich glücklicher mit der aktuellen Situation: Nur gut die Hälfte der Frauen zeigte sich hier zufrieden. Und nicht zuletzt bleibt festzustellen: Zwei Drittel der Startups werden immer noch ausschließlich von Männern gegründet – hier bleibt also noch deutlich Luft nach oben.