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„Das Warenhaus spielt eine zentrale Rolle für Innenstädte“

Die Bundesregierung rettet Galeria Karstadt Kaufhof mit einem Kredit über knapp eine halbe Milliarde Euro – und erntet dafür reichlich Kritik. Handelsexperte Thomas Roeb hält das Hilfspaket dagegen für goldrichtig.

Der staatliche Rettungskredit für die angeschlagene Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof sorgt für Kritik, Handelsexperte Thomas Roeb hält ihn dennoch für sinnvoll. Foto: dpa
Der staatliche Rettungskredit für die angeschlagene Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof sorgt für Kritik, Handelsexperte Thomas Roeb hält ihn dennoch für sinnvoll. Foto: dpa

Thomas Roeb ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Seine Fachgebiete sind Marketing und Handelsbetriebslehre.

WirtschaftsWoche: Herr Roeb, der krisengebeutelte Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof erhält ein staatliches Rettungsdarlehen von 460 Millionen Euro. Ist das nicht reine Geldverschwendung?
Thomas Roeb: Im Gegenteil: Der Staatskredit für Galeria Karstadt Kaufhof ist absolut richtig. Wenn jetzt alles getan wird, das Unternehmen auf Kurs zu bringen, hat der Warenhauskonzern gute Chancen, auch die nächsten 20 Jahre zu überstehen.

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Wie bitte? Der Konzern steckt in der Dauerkrise und hat seit Jahren kein Mittel gegen die Abwanderung seiner Kunden zu Amazon & Co. gefunden. Und jetzt soll der Steuerzahler ins Risiko gehen?
Ganz so einfach ist es nicht. Die Probleme der Warenhäuser werden zwar fast immer in Zusammenhang mit dem Aufstieg des Online-Handels gebracht. Das Warenhaus erscheint dabei als Opfer eines Trends, der Tsunami-artig den stationären Einzelhandel überrollt hat und gegen den sich nichts unternehmen lässt. Aber das ist eine Verengung der Perspektive, bei der die eigentlichen Ursachen der Probleme aus dem Blick geraten.

Welche sollen das sein?
Der wichtigste Faktor ist das Management. Das sieht man insbesondere an der Entwicklung Kaufhof. Solange die Warenhäuser zu Metro gehörten, lief es trotz des Onlinebooms ganz passabel bei dem Unternehmen. Die Krise begann erst als Metro Kaufhof verkaufte und ein US-amerikanisches Management ohne Deutschlandkenntnis das Ruder übernahm. Innerhalb weniger Jahre ging es abwärts. Eine ganz ähnliche Entwicklung hatte zuvor schon der Wettbewerber Karstadt durchgemacht, der vor mehr als zehn Jahren in den Strudel des größten Missmanagement-Skandals der deutschen Nachkriegsgeschichte geraten war. Das Ganze endete damals in der Pleite der Muttergesellschaft Arcandor. Karstadt konnte zwar stabilisiert werden, wurde dann aber an einen US-amerikanischen Investor verkauft und geriet erneut in die Nähe der Insolvenz. Schließlich übernahm der neue Eigentümer René Benko das Kommando und fusionierte Karstadt und Kaufhof.

Das ist schon mehr als zwei Jahre her. Trotzdem gilt auch der fusionierte Konzern nicht gerade als Erfolgsmodell der deutschen Handelslandschaft.
Eine solche Transformation braucht Zeit. Das Unternehmen begann gerade, sich langsam zu erholen. Doch dann machte die Coronapandemie alle Erfolge zunichte. Ohne die verheerenden Auswirkungen der Lockdowns sähe Karstadt-Kaufhof heute zweifellos völlig anders aus. Nun aber wurde das Management getauscht und der Lockdown steuert auf ein Ende zu, so dass es durchaus tragisch wäre, gingen die Warenhäuser ausgerechnet jetzt unter.

Die Verbraucher können ihren Bedarf doch jederzeit woanders decken. Was wäre denn so schlimm daran, wenn es keine Warenhäuser mehr geben würde?
Zum einen stünden Tausende Mitarbeiter ohne Job da. Zum anderen hätte das gravierende Folgen für den gesamten innerstädtischen Einzelhandel. Das Warenhaus ist nicht überflüssig, sondern spielt eine zentrale Rolle für die Stabilisierung der Innenstädte. Die Cities sind komplexe wirtschaftliche Öko-Systeme, bei denen sich nicht einfach ein Element ohne große Gefahr für die übrigen Elemente entfernen lässt.

Was meinen Sie damit?
Wie der Teil-Lockdown im November zeigte, funktioniert der Einzelhandel beispielsweise nur eingeschränkt ohne Gastronomie. Diese wiederum benötigt die Frequenz des Einzelhandels. Der Einzelhandel besteht aber aus vielen kleinen Geschäften, von denen die wenigsten bedeutend genug wären, als dass der Kunde extra ihretwegen in die Stadt gefahren wäre. Die Summe des Angebots macht den Reiz aus. Hier kommen nun die Warenhäuser ins Spiel. Ihr Angebot ist so umfangreich, dass es viele Lücken im Warenangebot des örtlichen Einzelhandels abdeckt und damit mehr Kunden in die Stadt lockt, von denen dann die anderen Händler profitieren.

Ernsthaft? Ohne Warenhäuser sterben die Innenstädte aus?
Sie müssen die ganze Wirkungskette sehen: Die Online-Konkurrenz hat den stationären Handel ohnehin geschwächt. Hinzu tritt der verheerende Einfluss von Corona. Deshalb kann gerade in kleineren Innenstädten der Wegfall des örtlichen Warenhauses zu genau dem ‚Tipping-Point‘ führen, an dem ein Teufelskreis einsetzt aus schließenden Geschäften, reduzierter Attraktivität der Innenstadt, abnehmenden Besucherzahlen, dadurch weiteren schließenden Geschäften und Gastronomiebetrieben bis nur noch eine Mischung aus Billig-Läden, Fast-Food und Leerstand übrig bleibt; also eine wirtschaftliche Wüste.

Trotzdem zögern staatliche Hilfen das Ende der Warenhausära nur weiter hinaus, können es am Ende aber nicht stoppen.
Selbst wenn man an die Zukunft des Warenhauses nicht glaubt, so muss man anerkennen, dass das Verschwinden der Warenhäuser gerade jetzt zum schlechtestmöglichen Moment käme und der örtliche Einzelhandel zumindest Zeit braucht, sich zu erholen. Die Politik muss Konzepte zur Rettung der jeweiligen Innenstadt entwickeln und umsetzen.

Sollten sich Händler nicht viel stärker selbst ins Onlinegeschäft stürzen, um ihre Rückgänge im klassischen Geschäft auszugleichen?
In vielen Fällen ist das ratsam. Allerdings kann ein primär stationäres Einzelhandelsgeschäft, egal ob Kette oder lokaler Einzelkämpfer, nicht beliebig stationären Umsatz verlieren und dies durch Online-Umsatz kompensieren. Ein Ladenlokal hat Mindestkosten für Miete und Personal, die gedeckt werden müssen. Bestimmte Kosten lassen sich zwar teilweise reduzieren, andere jedoch wie Mieten und Warenbestand bleiben relativ konstant, unabhängig vom Umsatz. Wenn also der Umsatz unter eine bestimmte Mindestgrenze sinkt, muss das Ladenlokal schließen, auch wenn an anderer Stelle online Umsatz erwirtschaftet wird. Das Unternehmen überlebt womöglich, doch die Innenstadt ist tot.

Mehr zum Thema: Der Lockdown hat die Wirtschaft ins Mark getroffen. Staatliche Hilfen überdecken, dass Tausende Unternehmen faktisch pleite sind.