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Staatliche Sberbank und Internetriese Yandex lassen sich scheiden

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Das als „russisches Amazon“ titulierte Projekt ist vorläufig gescheitert. Die Sberbank und der IT-Riese Yandex gehen beim Onlinehandel getrennte Wege.

Das Technologieunternehmen Yandex und die Sberbank lösen ihre Liaison. Offiziell könnte die Trennung bereits in Kürze bekanntgegeben werden. Ein Sberbank-Sprecher bestätigte am Mittwoch, dass die beiden russischen Konzerne über eine „Restrukturierung der Besitzverhältnisse in gemeinsamen Unternehmungen“ verhandeln.

Konkret handelt es sich um die Bereiche Onlinehandel und Fintech. Im August 2017 war die Sberbank mit großen Ambitionen als Partner beim Projekt Yandex.Market eingestiegen. Beide Seiten halten je 45 Prozent, weitere zehn Prozent sind im Besitz des Managements. Die mehrheitlich staatliche Großbank verpflichtete sich beim Einstieg zur Investition von 30 Milliarden Rubel – damals rund 500 Millionen Dollar – in das Joint Venture.

Unter der Marke „Beru“ (russisch für: „Nehme ich“) wurde die virtuelle Verkaufsplattform von Yandex.Market ein Jahr darauf runderneuert gestartet. „Wir wollen auf der Basis von Yandex.Market ein russisches Amazon aufbauen – und ich hoffe, dass uns das gelingt“, erklärte Sberbank-Präsident German Gref zum Projektstart.

Daneben sind die beiden Konzerne auch Partner bei Russlands größtem Online-Zahldienst Yandex.Money. Hier ist die Sberbank mit 75 Prozent der Aktien Mehrheitseigner, während Yandex mit der Sperrminorität von 25 Prozent plus einer Aktie ausgestattet ist.

Zerwürfnisse wegen Konkurrenzprojekten

Für Gref war der Einstieg in den Onlinehandel nur konsequent. Der einstige Wirtschaftsminister von Russlands Präsident Wladimir Putin hatte nach seiner Ernennung zum Sberbank-Präsidenten das schwerfällige Finanzinstitut, das mit einem weitverzweigten Filialnetz ausgestattet ist, radikal modernisiert und digitalisiert. Das Geschäft der Sberbank sollte von Bankdienstleistungen auf den gesamten E-Commerce-Bereich ausgeweitet werden.

Doch schnell wurde klar, dass die beiden neuen Partner unterschiedlicher Auffassung über die Geschäftsentwicklung waren. Laut der Internetzeitung „The Bell“ gab es erste ernsthafte Zerwürfnisse bereits im vergangenen Sommer. So versuchte die Sberbank eine weiter gehende Integration mit Yandex, erwog sogar, als Großaktionär beim IT-Konzern einzusteigen, was Yandex aber ablehnte.

Zudem unterhielten beide Partner noch Projekte, die in Konkurrenz zu den Joint Ventures standen. So entwickelt die Sberbank gemeinsam mit der Mail.ru-Group, einem Konkurrenten von Yandex, Dienste für Onlinetaxi und Essensbestellungen. Diese digitalen Dienstleistungen zu entwickeln, ohne sich gegenseitig in die Quere zu kommen, habe sich als quasi unmöglich erwiesen: E-Commerce, Online-Essensbestellungen und Logistik hingen sehr eng miteinander zusammen, berichtet „The Bell“ unter Verweis auf Informationen aus dem Management.

Yandex kauft Anteile der Sberbank

Bei der Trennung wird Yandex die Sberbank aus seinem Internethändler Yandex.Market herauskaufen. Die genaue Kaufsumme ist noch nicht bekannt. Analysten schätzen den Gesamtwert der Verkaufsplattform auf 90 bis 95 Milliarden Rubel (derzeit 1,3 bis 1,4 Milliarden Dollar).
Aus Konzernkreisen verlautete daher, dass Yandex zugleich den Verkauf von fünf Prozent seiner eigenen Aktien vorbereitet. Ausgehend von der Marktkapitalisierung des größten russischen IT-Unternehmens wären das 670 Millionen Dollar. Das Geld würde in dem Fall nicht nur zum Anteilsrückkauf, sondern auch zur Weiterentwicklung von Yandex.Market genutzt.

Als potenzielle Interessenten für den Kauf eines Yandex-Aktienpakets gelten die Investmentfirma Millhouse Capital von Oligarch Roman Abramowitsch oder Russlands zweitgrößte Staatsbank VTB. Keiner der neuen Aktionäre soll aber mehr als ein Prozent der Aktien bekommen und damit auch kein Anrecht auf einen Aufsichtsratsposten.

Die Sberbank ihrerseits erhält die volle Kontrolle über den Online-Bezahldienst Yandex.Money, der dann voraussichtlich einen neuen Markennamen erhält. Aber auch Grefs Pläne zum Aufbau eines „russischen Amazon“ sind damit noch nicht aus der Welt. Schon vor der Partnerschaft mit Yandex hatte die Sberbank mit dem chinesischen Onlinehändler Alibaba über einen Einstieg verhandelt. Die Gespräche könnten wieder aufgenommen werden. Auch die Übernahme des russischen Onlinehändlers Ozon – geschätzter Wert rund 700 Millionen Dollar – ist im Visier der Staatsbank. Gespräche soll es bereits gegeben haben.