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Stärkstes drittes Quartal seit 20 Jahren: Der Markt für Börsengänge erholt sich

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Nach einem schwachen ersten Halbjahr legen die Börsenkandidaten im dritten Quartal eine Aufholjagd hin. Besonders stark entwickelten sich der US-Markt und China.

Zwei deutsche Unternehmen wagten den Sprung auf das amerikanische Parkett. Foto: dpa
Zwei deutsche Unternehmen wagten den Sprung auf das amerikanische Parkett. Foto: dpa

Die milliardenschweren Börsengänge in den USA und in China haben im dritten Quartal für einen regelrechten Boom auf globaler Ebene gesorgt. Von Juli bis September wurden weltweit 447 Initial Public Offerings – abgekürzt IPOs – verzeichnet, das Emissionsvolumen erreichte 95 Milliarden Dollar.

Damit wurde das stärkste dritte Quartal seit 20 Jahren verzeichnet, heißt es in der jüngsten Auswertung der Beratungsgesellschaft EY. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum stieg die Zahl der IPOs um 78 Prozent, das Emissionsvolumen hat sich mit plus 138 Prozent sogar mehr als verdoppelt.

Während es im ersten Halbjahr wegen der Coronakrise noch sehr schwach ausgesehen hatte, legten die Börsenkandidaten im sonst eher ruhigen dritten Quartal eine Aufholjagd hin. Besonders stark entwickelten sich laut EY der US-Markt und China: In China und Hongkong wuchs das Emissionsvolumen um 139 Prozent auf 46,4 Milliarden Dollar, die Zahl der Transaktionen kletterte von 86 auf 217. In den USA hat sich die Zahl der Newcomer im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 38 auf 85 mehr als verdoppelt, das Emissionsvolumen wurde mit 33,1 Milliarden Dollar fast verdreifacht.

„In diesem Jahr ist alles anders“, sagt Martin Steinbach, Partner und Leiter des Bereichs IPO and Listing Services bei EY. „Ausgerechnet das traditionell schwache dritte Quartal erweist sich nun als das stärkste des bisherigen Jahresverlaufs.“

Europa blieb im dritten Quartal hinter der Entwicklung in China und den USA zurück. Das Emissionsvolumen kletterte um 51 Prozent auf 6,2 Milliarden Dollar, die Zahl der IPOs wuchs um 56 Prozent auf 39. In Deutschland wurden im dritten Quartal sechs Börsenneulinge gezählt.

Vier Unternehmen wählten das Qualitätssegment Prime Standard der Deutschen Börse für ihre Erstnotiz: Siemens Energy, der Rüstungselektronikkonzern Hensoldt, der Wohnmobilhersteller Knaus Tabbert und das Beteiligungsunternehmen Brockhaus Capital Management.

Hensoldt und Knaus Tabbert kamen am unteren Ende der Preisspannen in den Markt, Knaus Tabbert konnte sich zuletzt allerdings positiv entwickeln und einen Kursgewinn gegenüber dem Ausgabekurs produzieren, der Hensoldt-Kurs bröckelte dagegen.

Der Börsengang des Wissenschaftsverlags Springer Nature wird nicht mehr in diesem Jahr erwartet. „Vor den US-Wahlen ist im deutschen Markt keine neue, größere Emission mehr zu erwarten“, sagte ein Investmentbanker in Frankfurt.

Deutsche Firmen wagen sich an die Wall Street

Zwei deutsche Unternehmen wagten den Sprung aufs Parkett an einer US-Börse. Das Biotech-Unternehmen Curevac erlöste bei seinem Börsendebut an der Nasdaq 245 Millionen Dollar, der Display-Produzent VIA optronics erhielt bei seinem Börsengang an der New York Stock Exchange 94 Millionen Dollar.

„Für Unternehmen aus Zukunftsbranchen ist der IPO-Standort Deutschland weiter hochinteressant, mit Ausnahme der Biotechnologie-Branche. In Europa gibt es sehr wenige Investoren, die sich in diesem Bereich auskennen. Sie können die Zukunftschancen der Firmen ohne tiefgreifendes Fachwissen schlecht einschätzen“, sagt Oliver Diehl, Leiter Aktienemissionen Kontinentaleuropa bei der Investmentbank Jefferies. In den USA gebe es dagegen Sektorfonds, die nur in Biotechnologie investierten, sowie spezialisierte Investmentvehikel.

Angetrieben wurde das weltweite IPO-Geschehen von großen und prominenten Transaktionen in der Technologie- und Gesundheitsbranche: 38 Prozent des weltweiten Emissionsvolumens entfielen auf Technologie-Börsengänge, 18 Prozent auf Healthcare-Unternehmen.

Die weltweit größte Transaktion im dritten Quartal war der Börsengang des chinesischen Chipherstellers Semiconductor Manufacturing International, der 7,5 Milliarden Dollar erlöste, gefolgt vom US-Software-Unternehmen Snowflake mit 3,9 Milliarden Dollar.

Nur einer der Top-10-Börsengänge fand in Europa statt – die britische The Hut Group, ein E-Commerce-Anbieter, erlöste bei ihrem IPO insgesamt 2,4 Milliarden Dollar. „Die Coronakrise verstärkt den Digitalisierungstrend. Gerade Unternehmen, deren Geschäftsmodelle einen Bezug zur digitalen Transformation der Wirtschaft haben, sind derzeit besonders gefragt und können eine überzeugende Equity Story vorweisen“, sagt EY-Experte Steinbach.

Wenn die Volatilität wieder steige, müssten Börsenkandidaten sich darauf einstellen, dass das IPO-Fenster sich schnell öffne und wieder schließe, erklärt Steinbach. Auf globaler Ebene führe die Diskrepanz zwischen der schwachen konjunkturellen Entwicklung einerseits und den hohen Börsenbewertungen andererseits bei den Anlegern zu Befürchtungen, dass sich am Horizont eine Blase abzeichne, meint Steinbach: „Das kann zu weiteren Reaktionen in einem schon jetzt turbulenten Börsenjahr führen.“