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Wie Sportmarken versuchen, ihre Händler zu retten

Ein Ladensterben wäre eine Katastrophe – besonders für aufstrebende Labels. Mit innovativen Konzepten wollen die Hersteller ihren Händlern nun helfen.

Sportmarken bangen um ihre Händler. Foto: dpa

Amazon? Nein, danke! Seit Jahren konzentriert sich Christian Schneidermeier voll auf Fachgeschäfte. Der Chef des angesagten Bergsportspezialisten Ortovox verweigert sich konsequent den Online-Kaufhäusern. Seine hoch-funktionelle Bekleidung sowie die Lawinen-Verschüttetensuchgeräte bietet er ausschließlich bei Spezialisten an, die ordentliche Beratung bieten.

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Nun fürchtet der Manager, dass viele der Ladenbesitzer wegen der Coronakrise aufgeben müssen. Es wäre eine Katastrophe, ihm würde von heute auf morgen sein Vertriebsnetz zusammenbrechen. Schneidermeier geht daher ganz neue Wege. Den Kaufleuten stellt er Online-Gutscheine zur Verfügung, die diese an ihre Kunden weiterreichen können. Damit sollen die Leute im Internet-Store von Ortovox einkaufen.

Vom Umsatz fließt dann ein Viertel an die Geschäftsinhaber. „Wir möchten die Vielfalt der kleinen Fachhändler erhalten. Das war schon immer unsere Basis und soll es auch bleiben“, erklärt Schneidermeier.

So wie Ortovox versuchen in diesen Tagen viele Sportmarken, die Händler zu unterstützen. Aus gutem Grund: Tausende Ladenbesitzer bangen um ihre Existenz, weil sie kaum online verkaufen, ihre Geschäfte aber auf unbestimmte Zeit geschlossen bleiben.

Händlervereinigung Sport 2000 plant Runden Tisch

Am Donnerstag musste bereits die Outdoor-Kette McTrek Insolvenz anmelden. Der Filialist betreibt 43 Läden und beschäftigt 420 Mitarbeiter. Die Sportmarken haben deshalb Angst, künftig auf Konzerne wie Amazon oder Zalando angewiesen zu sein.

Die Händlervereinigung Sport 2000 versucht daher in diesen Tagen, die Ladenbesitzer und Marken an einen Tisch zu bekommen. Es gehe darum, einen Solidarpakt zu schließen, betont Geschäftsführer Markus Hupach.

Es solle etwa darüber geredet werden, wann neue Produkte eingeführt werden. Denn mit jeder Neuheit werden die vorrätigen, noch nicht verkauften Shirts, Shorts und Schuhe weniger wert. Zum ersten Gespräch hat Sport 2000 führende Laufsport-Anbieter eingeladen, unter anderem Asics, Brooks, New Balance, On und Saucony. Allerdings kennt die Zusammenarbeit auch in schwierigen Zeiten Grenzen: Über Margen etwa dürfe auch in diesen Tagen aus wettbewerbsrechtlichen Gründen nicht gesprochen werden, betont die Verbundgruppe.

Dynafit kündigte an, seine Sommerkollektion 2020 auch im Jahr 2021 anzubieten . (Bild: Getty Images)

Benedikt Böhm hat als einer der Ersten in der Branche reagiert. Der Chef des Alpinausrüsters Dynafit kündigte schon im März an, die Sommerkollektion 2020 auch kommendes Jahr anzubieten. Damit will er eine Preisschlacht in den nächsten Monaten verhindern. „Das ist ein klares Zeichen an die Läden, dass unsere Ware nicht alt wird“, betont Böhm.

Doch auch die Marken selbst stehen unter Druck. Denn ihre eigenen Logistikzentren sind voll, und aus den Fabriken in Asien kommt schon bald die Herbstkollektion. Die Händler hingegen können momentan nichts abnehmen. Ihnen fehlt schlicht das Geld.

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„Wir haben mit so gut wie allen vereinbart, erst mal die anstehenden Lieferungen auszusetzen bis unser Ok kommt“, sagt Martin Kerner vom Karlsruher Outdoor-Spezialisten Basislager. „Da machen die notgedrungen mit, in der Hoffnung das auch ein Ok kommt.“

Das sei aber keinesfalls sicher. Denn niemand in der Branche weiß, ob die Kunden wieder einkaufen, sobald die Ausgangsbeschränkungen aufgehoben werden. Daher ist auch Kerner vorsichtig und überlegt genau, was er sich auf Lager legt: „Das Letzte, was ich möchte, ist keine oder die falsche Ware dazuhaben, wenn der Laden wieder offen ist.“

Zahlreiche Sportmarken bieten den Händlern inzwischen lange Zahlungsziele an, zum Teil bis zu fünf Monate. „Klingt erst mal gut, aber der Tag wird kommen, an dem man zahlen muss“, fürchtet Kaufmann Kerner.

70 Prozent weniger Laufschuhe

Derzeit sind die Leute aber schwer verunsichert. Da Fitnessstudios und Vereinssport momentan keine Option sind, gehen viele Menschen joggen. Trotzdem sei der Absatz von Laufschuhen in den USA um 70 Prozent eingebrochen, so die neuesten Daten der Marktforscher der NPD Group.

Darin ist die jüngste Verschärfung der Epidemie in Amerika noch nicht einmal enthalten, sondern lediglich die Woche bis zum 21. März. Das Geschäft mit Sportausrüstung für Jugendliche ist der NPD Group zufolge sogar um 90 Prozent zurückgegangen, also etwa Kickstiefel oder Baseball-Schuhe. Die Online-Stores könnten die Ausfälle aus den Geschäften vor Ort nicht annähernd ausgleichen, warnt NPD-Analyst Matt Powell.

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Ein ähnliches Bild wie in den USA ergibt sich auch in Deutschland. „Im Onlinehandel läuft das Geschäft noch, aber je nach Warengruppe auf unterschiedlichem Niveau“, meint Ortovox-Chef Schneidermeier. Dem Turnschuh-Hersteller Puma zufolge erreichen die Umsätze im Internet nicht einmal zehn Prozent der sonst üblichen Erlöse.

Marken wie Puma oder Adidas sind aber längst nicht so abhängig von Einzelhändlern wie kleinere Labels. Sie betreiben viele eigene Shops.

“Wir unterstützen die Händler so gut es geht”

Allzu groß ist auch bei Mittelständlern wie Ortovox der Spielraum nicht, um den Kaufleuten zur Seite zu stehen: „Wir unterstützen die Händler so gut es geht. Andererseits müssen natürlich auch wir unsere Lieferanten bezahlen“, sagt Schneidermeier.

Normalerweise würde der Unternehmensführer schon im Mai mit den Händlern zusammensitzen, um die Bestellungen fürs Frühjahr 2021 zu besprechen. Daran sei momentan nicht ansatzweise zu denken, meint Schneidermeier.

Wegen der Krise hat der Manager unterdessen auch die Verträge mit den Händlern angepasst: Übergangsweise dürfen sie das Ortovox-Equipment über Plattformen wie Amazon verkaufen. Bei aller Abneigung gegen den Internetriesen: Momentan können die Händler jeden Umsatz gebrauchen, egal woher er kommt.

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