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CEO Thiam muss gehen – Aktionäre erhöhen Druck auf Verwaltungsratschef Rohner

Nach dem Rücktritt von CEO Tidjane Thiam verspricht dessen Nachfolger Kontinuität. Unterdessen bekräftigen Aktionäre ihre Kritik an Verwaltungsratschef Rohner.

Der Machtkampf bei der Credit Suisse ist entschieden: Der CEO der Schweizer Großbank, Tidjane Thiam, verlässt das Unternehmen Mitte Februar. Sein Nachfolger wird Thomas Gottstein, der bislang das Schweiz-Geschäft der Bank geleitet hat. Verwaltungsratschef Rohner, dessen Rücktritt wichtige Aktionäre gefordert hatten, bleibt bis zum kommenden Jahr im Amt.

Wie das Institut am Freitagmorgen mitteilte, wird Thiam die Bank am kommenden Donnerstag verlassen. Thiam beteuert, keine Kenntnisse von der Beschattung ehemaliger Kollegen gehabt zu haben. „Zweifellos hat dies der Credit Suisse geschadet und zu Verunsicherung und Leid geführt“, wird Thiam zitiert. „Ich bedauere das Vorgefallene, und es hätte nie passieren dürfen.“

Doch Ruhe ist deshalb bei der zweitgrößten Bank der Schweiz noch nicht eingekehrt. So bekräftigte am Freitag die amerikanische Fondsgesellschaft Harris ihre Kritik an Verwaltungsratschef Rohner – und forderte ihn erneut zum Rücktritt auf. Der designierte Thiam-Nachfolger Thomas Gottstein verspricht unterdessen Kontinuität – und stellt Anlegern mehr Wachstum in Aussicht.

Im September war bekannt geworden, dass die Credit Suisse ihren einstigen Topmanager Iqbal Khan von Detektiven beschatten ließ. Einer eilig anberaumten Untersuchung zufolge soll der Detektiveinsatz vom Stabschef der Bank, Pierre-Oliver Bouée, angeordnet worden sein. Bouée verließ die Bank, er selbst hat sich zu der Affäre bis heute nicht geäußert.

Kurz vor Weihnachten wurde dann ein weiterer Überwachungsfall publik, der eine neuerliche Untersuchung nach sich zog. Auch die Finanzaufsicht Finma schaltete sich ein.

Thiam hatte beteuert, von den Vorgängen keine Kenntnis zu haben. Doch angesichts immer neuer Schlagzeilen wurde der Druck auf den CS-Chef offenbar zu groß. Bei einer turnusmäßigen Verwaltungsratssitzung am Donnerstag fiel dann die Entscheidung. Er sei mit dem Verwaltungsrat übereingekommen, dass er die Bank verlassen werde, wird Thiam zitiert. „Ich bin stolz darauf, was das Team während meiner Zeit erreicht hat.“

„Er sollte zurücktreten“

Zuvor war es zwischen Bankchef Thiam und Verwaltungsratschef Rohner zu einem Machtkampf gekommen. Im Vorfeld der Verwaltungsratssitzung hatten wichtige Aktionäre der Schweizer Großbank Thiam noch gestützt. Seine Absetzung wäre „ein furchtbarer Fehler“, hatte Fondsmanager David Herro von der Fondsfirma Harris Associates gesagt. Herro hatte von Verwaltungsratschef Rohner ein klares Bekenntnis zu Thiam gefordert.

Auch der britische Investor Silchester International und der amerikanische Hedgefonds Eminence hatten sich für Thiam starkgemacht. Silchester International Investors hatte mitgeteilt, dass Rohner seinen Posten vorzeitig verlassen müsse, sollte er seinen CEO nicht öffentlich unterstützen.

Harris-Fondsmanager Herro bekräftigte am Freitag seine Forderung. „Wenn er die Firma wirklich liebt, sollte er zurücktreten“, sagte Herro. Die Credit Suisse habe großes Potenzial. Harris wolle „alle Optionen“ prüfen und stehe im Austausch mit anderen Investoren, die Rohner kritisch sehen.

Der Verwaltungsratschef gibt sich demonstrativ gelassen: Drei Aktionäre hätten sich sehr lautstark gemeldet, er selbst stehe aber mit allen Aktionären im Dialog. „Viele haben mir bestätigt, dass sie den Kurs des Verwaltungsrats mittragen und unterstützten“, sagte Rohner dem Schweizer Rundfunk SRF.

Der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge soll Rohner dabei auch vom Staatsfonds von Katar unterstützt werden, der zuletzt rund fünf Prozent der CS-Aktien hielt. Im Verwaltungsrat soll bei der Berufung Gottsteins Einstimmigkeit geherrscht haben.

Gottstein gilt als Gefolgsmann Thiams

Trotz des Konflikts mit Tidjane Thiam gewährt Verwaltungsratschef Rohner seinem CEO nun einen Abgang mit erhobenem Haupt. So wird Thiam die Jahreszahlen der Credit Suisse am kommenden Donnerstag noch selbst präsentieren. Zudem sparte Rohner nicht mit Lob. Unter Thiams Leitung habe die Credit Suisse „eine neue strategische Ausrichtung vollzogen, die Kapitalreserven gestärkt, Kosten reduziert, Risiken abgebaut, Vielfalt gefördert und einen außerordentlich hohen Grad der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Bereichen erzielt“, wird Rohner zitiert.

Im Gespräch mit dem Schweizer Rundfunk SRF erklärte Rohner die Trennung mit Reputationsgründen. „Es war einfach eine Situation, bei der es um die Reputation der Gesellschaft insgesamt und um die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit ging“, sagte Rohner. Der Wechsel sei notwendig geworden, um wieder in ein normales Fahrwasser zu kommen.

Von einem Machtkampf mit Thiam könne laut Rohner jedoch keine Rede sein. Die Debatte über einen persönlichen Streit zwischen ihm und Thiam sei „völlig daneben“ gewesen. „Das war nie der Fall“.

Die Führung der Bank soll nun Thomas Gottstein übernehmen. Der designierte CEO arbeitet seit zwanzig Jahren für die Credit Suisse. Seit dem Jahr 2015 leitet er die Schweizer Einheit der Bank, die künftig von André Helfenstein geleitet wird. Unter Gottsteins Führung konnte die Schweiz-Sparte ihren Vorsteuergewinn von 1,6 auf 2,1 Milliarden Franken steigern.

Zwischenzeitlich wollte die Credit Suisse ihr Schweiz-Geschäft an die Börse bringen. Doch Aufseher und Aktionäre sahen das Vorhaben kritisch, die Pläne wurden auf Eis gelegt.

In Zürich galt Gottstein bislang als treuer Gefolgsmann von Bankchef Thiam. So soll er Medienberichten zufolge in einem Zürcher Restaurant mit einem PR-Berater von Iqbal Khan aneinandergeraten sein, nachdem Khan seinen Wechsel zum Rivalen UBS angekündigt hatte.

Rohner bleibt bis April 2021

Gottstein hatte als Jugendlicher eine Karriere als Profi-Golfer angestrebt, entschied sich dann aber doch für eine Management-Karriere. Er hat an der Universität Zürich in Finanz- und Rechnungswesen promoviert. In den 90er-Jahren arbeitete er selbst für die UBS, bevor er um die Jahrtausendwende im Investmentbanking der Credit Suisse anheuerte.

Nun will Gottstein für mehr Wachstum bei der Bank sorgen. „Was ich zusammen mit meinen Kollegen in der Geschäftsleitung tun möchte, ist, die Credit Suisse in die nächste Wachstumsphase zu führen“, sagte Thomas Gottstein am Freitag zur Nachrichtenagentur Reuters. Kostendisziplin bleibe für die Bank aber weiterhin wichtig.

Die größten Wachstumschancen sieht Gottstein vor allem in asiatischen Schwellenländern. Aber auch in anderen Schwellenländern und selbst in reifen Märkten wie der Schweiz oder Westeuropa peilt er Wachstum und Marktanteilsgewinne an. An der bestehenden Strategie der Bank und der Zusammensetzung der Geschäftsleitung will Gottstein aber keine größeren Veränderungen vornehmen.

Verwaltungsratschef Rohner lobt Gottsteins „großen Erfahrungsschatz“ und seinen „beeindruckenden Leistungsausweis“.

Rohner selbst soll nun bis April 2021 im Amt bleiben. Von einer Verlängerung seiner Amtszeit, über die noch vor Kurzem spekuliert worden war, ist damit keine Rede mehr.

Rohner habe den Verwaltungsrat der Bank während turbulenter Zeiten „in anerkennenswerter Weise geführt“, sagt Roche-Chef Severin Schwan, der ebenfalls dem Verwaltungsrat der Bank angehört. Rohner genieße das „volle Vertrauen“ des Gremiums.

Börse reagiert wenig begeistert

Die Börse reagierte auf den Chefwechsel der Bank wenig begeistert: Der Kurs der Papiere gab zeitweise um 2,8 Prozent nach. Trotz des jüngsten Skandals stellen Analysten Tidjane Thiam ein gutes Zeugnis aus. „Wir waren der Meinung, dass die Credit Suisse-Gruppe mit Tidjane Thiam besser fahre als mit einem neuen CEO“, urteilt etwa ZKB-Analyst Javier Lodeiro.

Thiam war im Sommer 2015 vom Versicherer Prudential zur Credit Suisse gekommen. Der französisch-ivorische Manager stärkte die Vermögensverwaltung und verkleinerte das Investmentbanking, das bei der Bank aber noch immer eine größere Rolle spielt als etwa beim Erzrivalen UBS. Thiams Leitmotiv war das Kostenmanagement. Bei seinen Auftritten schwärmte er stets davon, die Ausgaben schneller senken zu können als die Erträge. Letztere gingen bei der Credit Suisse zwar ähnlich wie bei anderen europäischen Rivalen zurück. Thiam gelang es mit einem dreijährigen Umbau jedoch tatsächlich, die Kosten schneller zu senken.

Während die Erlöse der Bank zwischen 2015 und 2018 um zehn Prozent sanken, konnte Thiam die Kosten um 25 Prozent verringern, rechnen die Analysten der Großbank UBS vor.

Zwar hat sich der Aktienkurs der Credit Suisse unter Thiams Führung etwa halbiert. Doch trotzdem stellen ihm Analysten ein gutes Zeugnis aus. „Wir glauben nicht, dass die Credit Suisse die Pfeiler ihrer Strategie in absehbarer Zeit ändern wird“, sagt UBS-Experte Daniele Brupbacher.

Die Hauptaufgabe für Thomas Gottstein dürfte damit lauten, wieder Ruhe in die Bank zu bringen. Gottsteins Berufung könne die Lage beruhigen und das Vertrauen auch innerhalb der Bank wiederherstellen, hofft etwa Vontobel-Analyst Andreas Venditti. „Thomas Gottstein besitzt eine gute Erfolgsbilanz, was die Verbesserung der Rentabilität des Schweizer Unternehmens angeht“, sagt Venditti. „Wir hoffen, dass er diesen Weg auch auf Ebene der gesamten Gruppe
fortsetzen wird“.