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Spekulationen über möglichen Tod von Kim Jong Un nehmen zu

Ein Führungswechsel in dem maroden Atomwaffenstaat könnte die Sicherheitslage in Nordostasien rasant verändern. Welche Szenarien Experten für wahrscheinlich halten.

Kim Jong Un im April 2019. (Bild: Mikhail Svetlov/Getty Images)

Diesmal ist etwas anders bei den spärlichen Informationen, die über Nordkorea kursieren: Denn über den Tod von nordkoreanischen Führern und hochrangigen Politikern des Landes wurde in der Vergangenheit oft berichtet, häufig nur spekuliert. Doch kurze Zeit später traten die meisten Betroffenen wieder in der Öffentlichkeit auf.

Diesmal hat es den 36-jährigen Diktator Kim Jong Un erwischt. Die südkoreanischen Nordkorea-Beobachter von NK Daily meldeten vorige Woche, dass Kim schwer erkrankt sei. Selbst über seinen Tod wurde spekuliert.

Experten mahnen zwar zur Vorsicht bei diesen Meldungen, weil sie sich so gut wie nie erhärten lassen. Aber inzwischen meint der US-amerikanische Korea-Experte Victor Cha von der US-Denkfabrik CSIS: „Anders als vor 24 Stunden gibt es nun mehr als eine Quelle über seine Arbeitsunfähigkeit“, twitterte Cha am Sonnabend.

Inmitten widersprüchlicher Berichte über den Gesundheitszustand des Alleinherrschers wurde Kims mutmaßlicher Privatzug von US-Experten an der Ostküste des Landes gesichtet. Die auf Nordkorea spezialisierte Nachrichtenseite „38 North“ veröffentlichte dazu am Samstag (Ortszeit) Satellitenbilder, die aus der vergangenen Woche stammen sollen. Wirklich Aufschluss brachten aber auch diese Aufnahmen nicht.

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Ein zweiter Punkt kommt noch hinzu: In Nordkorea ist es zwar nicht ungewöhnlich, dass ein Führer abtaucht. Ungewöhnlich war allerdings, dass Kim am 15. April nicht an den Geburtstagsfeierlichkeiten für seinen Großvater und Staatsgründer Kim Il Sung teilgenommen hat.

Vorige Woche berichtete dann die südkoreanische Onlineseite NK Daily, dass sich Kim am 12. April einer Herzoperation unterziehen musste und schwer angeschlagen sei. Der US-Nachrichtensender CNN berichtete danach, dass die US-Geheimdienste diese Information prüften. Seither wird außerhalb Nordkoreas in Medien und Fachwelt über den Gesundheitszustand des übergewichtigen Rauchers spekuliert.

US-Präsident Donald Trump stellte noch am vergangenen Freitag diese Gerüchte als falsch dar. „Ich denke, der Bericht war inkorrekt“, sagte Trump. Auch südkoreanische Regierungskreise dementierten. Zudem zitierten südkoreanische Medien US-Geheimdienstler, nach denen Kim zwischen dem 15. und 20. April in der Hafenstadt Wonsan zu Fuß unterwegs war.

Aber geholfen hat es nicht. Denn Kims Gesundheitsprobleme gelten mittlerweile als gesichert.

Kim habe sich ans Herz gefasst und sei zusammengebrochen

Denn eine chinesische Delegation inklusive einiger Mediziner sei am Donnerstag von Peking nach Nordkorea gereist, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters am Samstagabend unter Berufung auf chinesische Quellen. Geführt wurde das Team demnach von einem Führungskader der Abteilung für internationale Beziehungen der kommunistischen Partei, die für Chinas Nordkorea-Diplomatie zuständig ist.

Dann teilte eine Vizedirektorin des TV-Senders Hong Kong SatelliteTelevision über Chinas twitterähnlichen Dienst Weibo ihren 15 Millionen Followern mit: Sie habe aus sicherer Quelle erfahren, dass Kim nach einer missratenen Herzoperation gestorben sei.

Kim habe sich zudem bei einem Spaziergang ans Herz gefasst und sei zusammengebrochen, berichtet zudem das japanische Wochenmagazin „Shukan Gendai“ unter Berufung auf chinesische Mediziner. Nach einer Herzmassage sei Kim in ein Krankenhaus gebracht worden, während gleichzeitig Hilfe aus China angefordert wurde. Doch in ihrer Not mussten nordkoreanische Mediziner dem Führer einen Stent einsetzen. Nur zitterten den Chirurgen wegen der Verantwortung derart die Hände, dass der Eingriff misslungen und Kim ins Koma gefallen sei.

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Das Magazin ist nicht die einzige Quelle für diese Geschichte: Auch Jang Seong Min, der Vorsitzende der koreanischen Friedensvereinigung für die Welt und Nordostasien, erklärte, dass Kim laut seinen chinesischen Quellen im Koma liege und nach Meinung der Mediziner nicht wieder das Bewusstsein erlangen könne. Aus Nordkorea gibt es zu diesen Gerüchten weiterhin wie gewöhnlich weder Dementis noch Bestätigungen.

Ein Führungswechsel oder gar -chaos in einem maroden Atomwaffenstaat wie Nordkorea könnte die Sicherheitslage in Nordostasien rasant und unberechenbar verändern - gerade zu einem Zeitpunkt, an dem die Corona-Pandemie die Weltwirtschaft lähmt.

Auch wenn in den nordkoreanischen Medien keine Indizien für eine Unruhe im Land zu finden sind, entwerfen Fachleute wie Bruce Klingner, Nordkorea-Experte der amerikanischen Heritage-Stiftung, Szenarien für die weitere Entwicklung des Landes.

Szenario 1: Kim Jong Un taucht wieder auf

Wenn Kim in den kommenden Tagen wieder auftreten sollte, dürfte sich die mediale Aufregung rasch wieder legen. Das Land dürfte dann weiter daran arbeiten, sein Atomwaffen- und Raketenprogramm zu verbessern. Dieses Jahr hat das Regime ungeachtet von UN-Sanktionen in Rekordtempo Raketen getestet.

Allerdings handelte es sich um Kurzstreckenraketen. Diese Verstöße gegen UN-Resolutionen ließ US-Präsident Trump durchgehen und beschwor stattdessen seine guten Beziehungen zu Kim. Dabei stocken die Verhandlungen über eine atomare Abrüstung Nordkoreas, seit Trump ein Gipfeltreffen mit Kim im Februar 2019 abgebrochen hatte.

Szenario 2: Kims Tod führt zu militärischen Auseinandersetzungen

Der Tod Kims wäre ein schwerer Schlag für das Regime, erklärt Bonji Ohara, Leitender Forscher der japanischen Sasakawa-Friedensstiftung. Die Innenpolitik würde in einem Scherbenhaufen liegen, wenn noch kein Nachfolger ausgewählt worden sei. „Denn im heutigen Nordkorea muss der Führer ein Mitglied der Kim-Familie sein, um Legitimität in der Staatsführung zu haben“, meint Ohara.

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In diesem Szenario hält der amerikanische Korea-Experte Klingner eine „Explosion“ für möglich, sprich ein Legitimierungsversuch einer neuen Führung durch einen Angriff auf Südkorea und vielleicht Japan. Das Resultat könnte ein Krieg mit vielen Todesopfern auf beiden Seiten sein, möglicherweise sogar ein Atomkrieg.

Szenario 3: Nordkoreas Regime implodiert

Doch auch das Gegenteil, eine Implosion des Regimes ist Sicherheitspolitikern ein Horror. Denn anders als beim Zusammenbruch der DDR erwarten viele Experten keine freiwillige Kapitulation des Regimes, sondern eher eine Art Krieg zwischen verschiedenen Fraktionen. In dem Fall könnten dann mehrere Dutzend Atomwaffen in die Hände von einem oder mehreren Kriegsherren fallen.

Die Frage wäre in beiden Fällen, ob Nordkoreas Schutzmacht China und Südkoreas Verbündeter USA kooperieren, um die Atomwaffen zu sichern – oder sich ein Wettrennen leisten. Der wachsende Konflikt zwischen beiden Mächten lässt derzeit keine klare Antwort zu, allenfalls beklemmende Gefühle.

Szenario 4: Die Erbdiktatur geht weiter

Das wahrscheinlichste Ergebnis ist für Klingner noch immer eine mehr oder weniger geregelte Machtübergabe an ein Familienmitglied. In der besten Position sehen Experten dabei eine Frau, Kims Schwester Kim Yo Jong. Der japanische Korea-Experte Hidetoshi Takesada, derzeit Gastprofessor an der Takushoku University Graduate School, meint, dass Kim bereits seit vorigem Herbst versucht, seine Schwester als seine Nachfolgerin zu installieren.

Eine weibliche Nachfolgerin galt in einem patriarchalisch geprägten Land wie Nordkorea zwar lange als unwahrscheinlich. Aber der Mangel an geeigneten Erben könnte alle Bedenken beiseite räumen, zumal die 31-Jährige bereits über mehr politische Statur verfügt als ihr Bruder bei seinem Amtsantritt.

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Schon zu Lebzeiten ihres Vaters Kim Jong Il trat sie 2010 erstmals öffentlich auf. Die Welt wurde dann bei den olympischen Winterspielen 2018 in Südkorea auf sie aufmerksam, als sie als Kims persönliche Gesandte mit einer nordkoreanischen Delegation vor Ort war und mit Südkoreas Präsident Moon Jae In verhandelte.

Darüber hinaus gilt sie seit 2015 als faktische Leiterin der Propaganda-Abteilung der koreanischen Arbeiterpartei. Auch bei den Gipfeltreffen mit Donald Trump war sie dabei. 2019 wurde sie zudem in die Volksversammlung gewählt.

Mit ihrer Erfahrung wäre Kim Yo Jong damit wahrscheinlich die beste Garantin für eine Fortsetzung der bisherigen Politik – falls ihr Bruder tatsächlich sein Amt nicht mehr ausüben könnte.

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