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Sparkassen wollen sich mit aller Macht gegen eine Finanzkrise stemmen

Die öffentlich-rechtlichen Institute versuchen, Firmenkunden in Not mit Liquiditätshilfen zu stützen. Die Konsolidierung der Spitzeninstitute im Sektor liegt vorerst auf Eis.

Die deutschen Sparkassen wollen eine Finanzkrise als Folge der Corona-Epidemie abwenden. Foto: dpa

Die deutschen Sparkassen sehen sich in einer Schlüsselrolle, um die drastischen wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus abzufedern. „Wir müssen uns dagegenstemmen, dass aus dieser Gesundheits- und Wirtschaftskrise auch noch eine Finanzkrise wird“, sagte Sparkassenpräsident Helmut Schleweis am Donnerstag: Es sei mit einem „sehr spürbaren“ wirtschaftlichen Einbruch zu rechnen – und zwar weltweit. Die aktuelle Herausforderung sei noch größer als die Finanzkrise vor gut zehn Jahren.

Schleweis betrachtet es als die wichtigste Aufgabe von Sparkassen und Landesbanken, den stark betroffenen Unternehmen und Freiberuflern „durch dieses tiefe Tal zu helfen und sie vor einem wirtschaftlichen Absturz zu bewahren“. Das von der Bundesregierung aufgelegte Programm für Liquiditäts- und Kredithilfen sei dafür eine gute und notwendige Grundlage. „Es geht darum, auch solchen Unternehmen und Einzelpersonen Unterstützung zu geben, die unter normalen Umständen keinen Zugang zu Krediten bekommen könnten", betonte Schleweis. "Nur Sparkassen und Genossenschaftsbanken sind in der Lage, ein solches Programm flächendeckend in Deutschland umzusetzen.“

In der Nacht auf Mittwoch hatten sich die Kreditwirtschaft und die staatliche Bankengruppe KfW auf Details für einen milliardenschweren Schutzschirm verständigt. Im Kern geht es darum, Unternehmen durch Kredite und Liquidität am Leben zu erhalten. Dabei übernimmt die KfW bei der Kreditvergabe der Banken größere Risiken. Die Bundesregierung stattet die staatliche Förderbank dafür mit einem Garantierahmen von rund 460 Milliarden Euro aus, der um bis zu weitere 93 Milliarden Euro aufgestockt werden kann.

Die Sparkassen sind die Marktführer in der deutschen Finanzbranche. Sie haben mit Abstand die meisten Firmen- und Privatkunden. Ab Montag können Unternehmen Anträge auf Hilfen stellen.

Auch für den reibungslosen Zahlungsverkehr sind die Sparkassen Schleweis zufolge entscheidend. Über ihre Netze läuft demnach 50 Prozent des deutschen Zahlungsverkehrs, ein Drittel aller Geschäftsstellen sind Sparkassen-Filialen. „Wir wissen um unsere Verantwortung für die Sicherung dieser Infrastruktur in den nächsten Wochen“, sagte Schleweis. Die Bargeldversorgung werde uneingeschränkt sichergestellt. "Sollte einmal ein Geldautomat in Deutschland nicht arbeiten, dann ist das ein Defekt und kein Krisensymptom“, versicherte er.

Für die Sparkassen selbst zeigte sich Schleweis zuversichtlich, dass sie die Coronakrise bewältigen können. „Wir haben damit in den letzten Jahren kontinuierlich Reserven aufgebaut, um die vor uns liegende schwierige Zeit bestehen zu können.“ Er glaube, „dass die Sparkassen gerüstet sind für eine Krise, die wir für beherrschbar halten“.

Unter dem Strich verdienten die Sparkassen im vergangenen Jahr 1,8 Milliarden Euro und damit so viel wie im Vorjahr. Wobei die Sparkassen vor einem Jahr ihren Gewinn für 2018 mit 2,2 Milliarden Euro angaben. Inzwischen hat sich aber herausgestellt, dass die Geldhäuser mehr als zunächst gedacht in ihre Vorsorgereserven steckten, so dass der verbleibende Überschuss geringer ausfiel. 

Wie andere Geldhäuser auch ringen die Sparkassen mit den negativen Einlagenzinsen der Europäischen Zentralbank. Sie vergaben zwar erneut mehr Kredite. Doch das reichte nicht, um einen Rückgang des Zinsergebnisses aufzuhalten. Der wichtige Zinsüberschuss gab um drei Prozent nach. Das Ergebnis vor Bewertung, also vor Abschreibungen auf Wertpapiere, Risikovorsorge für Kredite und Vorsorgereserven, fiel auf 9,6 Milliarden Euro von zehn Milliarden. 

Zur Zukunft sagte Schleweis: „Die Entwicklung der Ergebnisse der Sparkassen wird absehbar in den nächsten Jahren weiter unter Druck geraten. Dabei sind die jüngsten Entwicklungen rund um Corona noch gar nicht eingerechnet.“

Konsolidierung der Spitzeninstitute liegt auf Eis

Das hat auch Auswirkungen auf das Projekt einer einzigen Sparkassenzentralbank, die Schleweis vorschwebt. Die von ihm vorangetriebene Konsolidierung der öffentlich-rechtlichen Spitzeninstitute liegt für unbestimmte Zeit auf Eis. „Es ist jetzt nicht die Zeit, sich mit den eigenen Strukturen zu beschäftigen“, sagte Schleweis. „Wir müssen uns fokussieren auf die Nöte der Realwirtschaft, auf die Nöte unsere Kunden.“

Schleweis möchte die vier größeren Landesbanken und den Sparkassen-Fondsanbieter Deka auf lange Sicht zu einem Zentralinstitut verschmelzen. In einem ersten Schritt sollen die Landesbanken Hessen-Thüringen (Helaba) und Deka fusionieren, wogegen es innerhalb der Sparkassen-Finanzgruppe allerdings an verschiedenen Ecken Widerstand gibt.

Der DSGV habe ein Zielbild für eine Sparkassen-Zentralbank entwickelt, das kürzlich vom Ausschuss der Landesobleute noch leicht angepasst und bestätigt worden sei, erklärte Schleweis. Am kommenden Montag hätte der DSGV-Gesamtvorstand darüber entscheiden sollen. Wegen der Coronakrise habe er das Projekt jedoch zurückgestellt und wolle es erst wieder aufgreifen, wenn Corona besiegt sei, sagte Schleweis. „In unser aller Interesse sollte diese Zeit relativ nah in der Zukunft stehen.“

Neben dem Zentralinstitut versucht die Finanzgruppe derzeit auch, im Rahmen des Projekts „Sparkasse reloaded“ ihre Strukturen zu straffen und das Zusammenspiel von Verbänden und Instituten zu verbessern. Auch diese Arbeit werde „krisenbedingt eher verlangsamt“, sagte Schleweis. Grundsätzlich sei das Vorhaben aber wichtig, um auf die veränderten Rahmenbedingungen zu reagieren. „Ich stehe 100 Prozent hinter diesem Projekt.“

Auch der Umbau der öffentlich-rechtlichen Institutssicherung könnte sich durch die Coronakrise verzögern. Das Sicherungssystem sieht vor, dass sich Sparkassen, Landesbanken und Landesbausparkassen in Notsituationen zu Hilfe eilen und bedrohte Institute gemeinsam retten. In Krisensituation gibt es jedoch regelmäßig Streit. Die EZB-Bankenaufsicht hat deshalb eine Vereinfachung des Systems angemahnt. In einem Brief hat sie die Sparkassen nach Handelsblatt-Informationen aufgefordert, die Strukturen und die Steuerung (Governance) der Institutssicherung bis Ende 2022 zu reformieren.

Die Sparkassen hätten auf den EZB-Brief detailliert geantwortet, sagte DSGV-Vorstand Karl-Peter Schackmann-Fallis. Nun warte man auf eine Reaktion der EZB auf diese Antwort. Die EZB habe ihre „Vorschläge“ mit verschiedenen Fristen versehen, „die auf die von der EZB vermutete Umsetzungsgeschwindigkeit bei uns abzielen“, sagte Schackmann-Fallis. „Ich gehe davon aus, dass angesichts der Corona-bedingten Einschränkungen in der EZB, aber auch bei uns, dieser Prozess länger dauern wird als bisher angedacht.“