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Der Sorgenwettlauf der Corona-Experten

Schnaas, Dieter
·Lesedauer: 7 Min.

Wir wissen inzwischen nicht nur wenig über das Virus, sondern auch wenig über die Gefährlichkeit seiner Mutanten. Trotzdem wissen plötzlich alle ganz genau, was jetzt zu tun ist. Ein Armutszeugnis.

Der Islamwissenschaftler Thomas Bauer hat vor genau zwei Jahren 90 leicht und locker gestrickte Seiten über „die Vereindeutigung der Welt“ und den „Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt“ geschrieben. Der Befund war weiß Gott nicht neu, und Bauer schrieb offenbar so ziemlich alles auf, was er als nicht-wissenschaftlicher Weltbetrachter schon immer mal aufgeschrieben wissen wollte. Aber das dem Genre des verschlenderten Langessays verpflichtete Büchlein gefiel sehr vielen Lesern als eine Art Vademecum einer verstreut-zerstreuenden Kulturkritik, avancierte sogar zu einem kleinen Bestseller – wohl auch deshalb, weil es, nunja, mit einer eindeutigen Botschaft aufwartete: Die Demokratie braucht den ambiguitätsfähigen Bürger – also Menschen, die sich von Widersprüchlichkeiten nicht beunruhigt fühlen, die komplexitätstolerant sind und Uneindeutigkeit nicht nur aushalten, sondern auch mögen, sich von ihr irritieren, ja: affizieren lassen, um „die Grenzen (ihrer) Gestaltungsfähigkeit… zu erweitern“.

Bauer verstand seine Diagnosen, auch mit Blick auf Alltagsphänomene (Esskultur, Mode, Talk-Shows), dabei immer auch als Warnung: vor Ambiguitätsflucht (etwa religiöser Fundamentalismus), vor Ambiguitätsverweigerung (etwa die schulterzuckende Gleichgültigkeit in liberalen Gesellschaften: „Jeder nach seiner Façon“) und Ambiguitätsvermeidung (etwa Identitätspolitik, aber auch das hohle Authentizitätsideal der „Ich-bin-wie-ich-bin-Generation“), kurz: als Kritik am Reinheitsstreben und Kästchendenken, an Zahlengläubigkeit und Geschichtsvergessenheit. Und natürlich feierte er demgegenüber die bedeutungsreiche Offenheit bildkünstlerischer, musikalischer und literarischer Erzeugnisse – gleichsam als Impfstoffe gegen die „Vereindeutigung der Welt“.

Warum ich das Büchlein paraphrasiere? Weil es offenbar höchste Zeit wird, dass Kultur und Geisteswissenschaften wieder zu ihrem Recht kommen in Deutschland, dass Kinos, Theater, Opernhäuser wieder öffnen, dass Filmfestspiele und Büchermessen, Lesungen und Diskussionsabende wieder stattfinden – sonst kommt die stark geschwächte Fähigkeit zur Mehrdeutigkeit in Deutschland nicht mehr runter von der Intensivstation. Denn wenn es wirklich etwas gibt, was das Coronavirus in diesen Wochen mit Stiel und Stumpf zu vernichten scheint, dann ist es die Ambiguitätsfähigkeit von Wissenschaftlern, Politikern und Publizisten: Sie sind sich vor dem erneuten Zusammentreffen der Bundeskanzlerin und MinisterpräsidentInnen am 10. Februar so eindeutig und sicher wie nie, was in den nächsten Wochen getan werden muss zur Bekämpfung der Gesundheitskrise und ihrer Folgen – und noch viel eindeutiger und sicherer, was passiert, wenn man ihrem Rat (auch diesmal) nicht folgt: „Zero Covid!“, „Öffnung sofort!“, „Lockdown verlängern!“, „Maßnahmen verschärfen!“ „Klarer Fahrplan!“

Das ist beunruhigend. Erstens deshalb, weil ausgerechnet jetzt zuzugeben wäre, dass die Widersprüchlichkeit der gesundheitspolitischen Lage größer ist denn je: Wir wissen inzwischen nicht nur wenig über das Virus, sondern etwa auch wenig über die Gefährlichkeit seiner Mutanten, die potenzielle Wirksamkeit vorhandener Impfstoffe mit Blick auf mutierte Viren und die Infektiosität von Geimpften – weshalb es nahe liegt, gesundheitspolitisch eher vorsichtiger als bisher zu agieren – und nicht etwa „mutiger“. Und zweitens, vom Konkreten ins Allgemeine gewendet, weil wir es uns in den liberalen Gesellschaften des Westens nicht leisten können, die uneindeutige Zentralvokabel der Moderne nicht in den Mittelpunkt all unserer Überlegungen zu stellen: das „und“, das vom Uneindeutigen, Gleichzeitigen, Unvereinbaren, Polyvalenten und Nebenfolgenreichen kündet.

Stattdessen meinen viele Fachleute und Beobachter immer kantiger und wuchtiger in Erscheinung treten zu müssen: als Kombattanten, die Sachverhalte rhetorisch eskalieren, als Anwälte von bedeutsamen Einzelaspekten, die jetzt unbedingt und bevorzugt adressiert gehörten: „die Gesundheit“, „die Freiheit“ und „die Grundrechte“, „die Kinder“, „die Zukunft“, „die Armen“, „die Alten“ oder „die Wirtschaft“. Tatsächlich treten viele Virologen, Psychologen, Staatsrechtler, Ökonomen, Soziologen, Ethiker, Politiker und Publizisten inzwischen mit einer Unversöhnlichkeit in Erscheinung, die sie vor einem Jahr vermutlich selbst noch erschreckt hätte. Und sie scheinen sich, schlimmer noch, damit zufrieden zu geben, „ihren Platz“ gefunden zu haben – mit der Folge, dass sie nurmehr Sprecherrollen ausfüllen, aber als Diskursteilnehmer ausfallen.

Sogar der Ethikrat, gewissermaßen zuständig für gehobene Unentschiedenheit, dekretiert (nicht aus ethischen, sondern politischen Erwägungen heraus): „Solange sich nicht alle Personen impfen lassen können, würde ein Teil der Bevölkerung eine individuelle Rücknahme staatlicher Freiheitsbeschränkungen nur für bereits Geimpfte als ungerecht empfinden.“ Tatsächlich? Woher weiß der Ethikrat das? Und wäre es nicht vielmehr seine Aufgabe, (aus ethischen Gründen!) darauf hin zu wirken, dieses Ungerechtigkeitsempfinden möglicherweise abzubauen? Aber auch die Kritiker des Ethikrats sind sich gleich bombensicher: Es geht nicht um Privilegien, die Geimpften eigeräumt würden, sondern bloß darum, dass sie ihre Grundrechte wieder wahrnehmen könnten! Außerdem wollen wir doch wohl eine großherzige Gesellschaft sein, keine neidische: Man muss auch gönnen können! Dass der Impfpass dabei zugleich zu einer Art Passierschein avancierte, der die Bürger nach einem bestimmten Kriterium sortierte, was namentlich in Deutschland gründlich irritieren müsste, und dass außerdem das gesundheitspolitische Ausnahmeregime durch diese Sortierung noch einmal verstetigt würde, scheint für die meisten Festmeinenden und Klarpositionierten da nur noch eine marginale Rolle zu spielen.

Die Demokratie verkommt auf diese Weise zu einer geschwätzigen Talk-Show-Republik, und der Raum der Öffentlichkeit schrumpft zu einem Tanzboden johlend skandierender Twitterherzchen. Bejubelt und befeindet wird das Ausrufezeichen, so oder so prämiert das panisch Purifizierte: einerseits „ZeroCovid“ (und Grenzen dicht?), andererseits „Panikmache der Lockdownophilen“ (der Publizist Ulf Poschardt) oder auch ein „Rant“ darüber, dass wir „die Grundrechte opfern“, um der Pandemie „vermeintlich Herr zu werden“ (der Publizist Heribert Prantl) – von der Kette der sonnenklaren Unsinnigkeiten, die der Philosoph Markus Gabriel am Fließband produziert, einmal ganz abgesehen.

Das Ergebnis: ein bizarrer Sorgenwettlauf der Eliten, dem noch dazu lauter pathologische Annahmen über die kollektive Psyche des Volkes zugrunde liegen – und der mit der Lebenswirklichkeit der meisten Deutschen nicht das Geringste zu tun hat. Die Regierung büßt Zustimmung für ihre Coronapolitik ein? Aber ja, wohl wahr, dafür gibt’s reichlich Gründe. Aber die sind konkret, nicht abstrakt, klar benennbar, nicht grundsätzlich: gelangweilte Kinder ohne Sozialkontakte, genervte Eltern und tröpfelnde Dezemberhilfen, auch die zögerliche Beschaffung der Impfstoffe, die analogen Gesundheitsämter, die nutzlose App – und natürlich das umfassende Versagen der MinisterpräsidentInnen im Oktober 2020, das Kanzlerin Angela Merkel nur beurkunden, nicht aber zu korrigieren vermochte – vor allem wegen der bockbeinigen Ignoranz der Länderchefs kriselt das Land seit Wochen mit wachsender Unzufriedenheit vor sich hin.

Aber doch nicht, weil die Deutschen sich bebend um die dauerhafte Einschränkung ihrer Freiheitsrechte sorgten oder jetzt möglichst schnell „ihre Freiheit zurück“ haben wollten – und sei es zum Preis einer dritten Welle und weiterer 60.000 Toten. Eher schon, weil 150 Euro Kindergeld-Zuschlag für manche Familien tatsächlich „nur ein Tropfen auf den brennend heißen Stein“ sind, so Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK und eine „mickrige Einmalzahlung“ (Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt) – für manche Familien wohlgemerkt, nicht für die Mehrheit: Den meisten Deutschen geht es so gut, dass sie im Coronakrisenjahr 2020 rund 330 Milliarden Euro auf die hohe Kante legen konnten; man könnte auch überspitzt sagen: So eine Jahrhundertkrise hätten alle Generationen vor uns, zumal die Ärmsten der Armen, gern mal erlebt!

Und die Politik? Die Länderchefs scheinen schon wieder auf dem Holzweg zu sein. Sie fordern die Eindeutigkeit „eines Fahrplans“ – ausgerechnet in dem Moment, wie gesagt, in dem die Situation so ambig und kontingent ist wie nie: mit sinkenden Infektionszahlen, steigenden Mutationsrisiken und unsicheren Impfeffekten. Wer in diesem Umfeld mit Ausrufezeichen um sich wirft, Sätze mit „Jetzt muss endlich…“ einleitet oder auch nur die „Eindeutigkeit“ und Verlässlichkeit eines „Fahrplans“ fordert, ist ein politischer Hasardeur, der das Vertrauen der Menschen verspielt, weil er nicht für die Versäumnisse seines konkreten politischen Handelns geradesteht, stattdessen die Einsichtsfähigkeit der Bürger in die Offenheit und Unübersichtlichkeit der Lage unterschätzt – und ihre Ambiguitätstoleranz schwächt.

Mehr zum Thema: Verpatzte Impfkampagne, analoge Ämter, stockende Hilfen – Berlin und Brüssel drohen an der „Jahrhundertaufgabe“ Corona zu scheitern. Das Impfchaos gefährdet den Aufschwung.