Deutsche Märkte geschlossen
  • DAX

    13.786,29
    -93,04 (-0,67%)
     
  • Euro Stoxx 50

    3.636,44
    -48,84 (-1,33%)
     
  • Dow Jones 30

    30.932,37
    -469,64 (-1,50%)
     
  • Gold

    1.733,00
    -42,40 (-2,39%)
     
  • EUR/USD

    1,2088
    -0,0099 (-0,8099%)
     
  • BTC-EUR

    38.764,21
    -771,35 (-1,95%)
     
  • CMC Crypto 200

    912,88
    -20,25 (-2,17%)
     
  • Öl (Brent)

    61,66
    -1,87 (-2,94%)
     
  • MDAX

    31.270,86
    -370,00 (-1,17%)
     
  • TecDAX

    3.346,40
    -21,82 (-0,65%)
     
  • SDAX

    15.109,96
    -157,04 (-1,03%)
     
  • Nikkei 225

    28.966,01
    -1.202,26 (-3,99%)
     
  • FTSE 100

    6.483,43
    -168,53 (-2,53%)
     
  • CAC 40

    5.703,22
    -80,67 (-1,39%)
     
  • Nasdaq Compositive

    13.192,35
    +72,92 (+0,56%)
     

Sonne, Strand, Coronaimpfung

Kiani-Kreß, Rüdiger Álvarez, Sonja
·Lesedauer: 8 Min.

Für alle, die nicht lange auf eine Coronaimpfung warten wollen, werden zunehmend Reisen inklusive Immunisierung angeboten. Die Urlaube sind nicht nur extrem teuer, es gibt auch keine Garantien, dass sie stattfinden.

Wer sich gegen Corona impfen lassen wollte, hatte bisher nur zwei Möglichkeiten – und beide waren unbefriedigend. Entweder mehrere Monate warten oder im Darknet, den dunklen Ecken des Internets, nach einem Vakzin suchen. Dort bieten auf Seiten wie DarkMarket, Steriod King oder White House Market anonyme Verkäufer auch gängige Präparate wie den Impfstoff des deutsch-amerikanischen Verbunds Biontech/Pfizer oder von AstraZeneca an. Kaufpreis: 80 bis zu 25.000 Dollar. „Doch bisher waren alle fake“, sagt Jan Op Gen Oorth von der europäischen Polizeibehörde Europol.

Nun werben Firmen mit einem deutlich bequemeren Weg: Pauschalreisen mit einem Paket aus Anreise, Hotel, Verpflegung – sowie eine Immunisierung. Dazu versprechen die Anbieter auch eine medizinische Versorgung, falls der Impfling die schützende Spritze nicht verträgt.

Nachdem es lange wenig Angebote gab, steigt deren Zahl jetzt deutlich an. „Gerade weil sich alle anderen Reisen wegen der vielen Beschränkungen derzeit kaum verkaufen gilt: Der Scheiß ist heiß“, sagt ein führender Manager der Reisebranche. „Vor zwei Wochen gab es da noch keine buchbaren Angebote, aber jetzt läuft tatsächlich etwas.“ Wann die Angebote aber wirklich für viele Menschen buchbar sind, bleibt abzuwarten. „Die Hürden und die Risiken für Kunden und Unternehmen sind schwer kalkulierbar“, sagt Torsten Kirstges, Touristikprofessor der Jade-Hochschule in Wilhelmshaven.

Zu den ersten Anbietern gehörte der wahrscheinlich elitärste Club im an exklusiven Vereinen nicht gerade armen London: der Knightsbridge Circle. Der Verein mit dem Motto „es gibt keinen Auftrag, den wir nicht erfüllen können“ wirbt seit Januar mit Impfreisen im Privatjet etwa nach Dubai oder Indien. „Sie gehen für ein paar Wochen in eine Villa in der Sonne, kriegen den Pieks, dann die Bescheinigung und machen sich wieder davon“, so der Gründer und Chef Stuart McNeil, der zuvor für die Kreditkartenfirma American Express den Elite Rang der Centurion Karte aufgebaut hat. Im Angebot sind wahlweise das Serum von Biontech/Pfizer oder das Konkurrenzprodukt der chinesischen Sinovac.

Das Angebot war jedoch wohl eher PR, vermuten Kenner der Branche. Denn die Offerte war fast nicht zugänglich. Das liegt nicht allein am Preis, obwohl der mit 50.000 Euro und mehr schon recht happig ist. Buchen kann nicht mal jedes der ohnehin gerade mal 50 Clubmitglieder, sondern nur diejenigen, die mindestens 65 Jahre alt sind. „Wir haben schließlich die höchsten ethischen Standards“, begründet McNeill die Beschränkung, die in den Zielländern keinem Impfwilligen die schützende Spritze kosten soll.

Wie viele seiner Senioren sich bislang tatsächlich immunisiert haben, will er freilich nicht sagen, aus Gründen der Diskretion. Experten sehen aber noch kein großes Geschäft. „Es kann kaum mehr als eine Handvoll gewesen sein, denn angesichts der hohen Hürden kommt derzeit fast keiner nach Dubai oder Indien – und wieder zurück“, so ein Kenner der Reisebranche.

Etwas zugänglicher ist das Angebot des kanadischen Privatjetbetreibers Momentum Jets. Der bietet eintägige Impfreisen aus Toronto nach Florida. Der Sonnenstaat ist ein beliebtes Ziel für immunisierungswillige Senioren, seit Gouverneur Ron DeSantis versprochen hat, dass in seinem Staat alle Senioren ab 65 Jahren eine Impfung bekommen. Die Offerte gilt nicht nur für Bürger aus anderen Staaten der USA, sondern auch für Urlauber aus allen Teilen der Welt. Allerdings gibt es auch hier eine hohe Hürde: die Einreise zurück nach Kanada. Das Land lässt Reisende aus dem Ausland derzeit bestenfalls unter strengen Quarantäneauflagen über die Grenze.

Österreichs High Society soll zu Tausenden reserviert haben

Noch am meisten verspricht das Angebot des österreichischen Verlegers Christian W. Mucha. Auf seiner Seite impfreisen.at bietet der umtriebige Selfmade-Millionär gleich drei Preisklassen für die Kombination aus Reise und Spritze – „als Antwort auf das Versagen der EU“, wie er betont. Mögliche Ziele sind Ägypten, Dubai sowie Serbien. Dazu arbeitet Mucha an einer Art Impfgruppenreise, bei dem die Kunden in einem Flugzeug direkt vor Ort in Europa immunisiert werden können – und dies noch vor dem Abflug. Das Diskontangebot gibt es für 3000 bis 4000 Euro pro Person, das Vorzugsangebot für das Doppelte und ein Luxusangebot ab 20.000 Euro pro Person, „wer etwas ganz Exklusives will, wie die Präsidentensuite im Burj Al Arab in Dubai, bekommt auch dies“, so Mucha.

Die erste Resonanz ist jedenfalls groß. So hätten bereits fast 10.000 Interessenten reserviert. „Darunter ist fast die ganze österreichische High Society“, so Mucha selbstbewusst. „Wenn ich Ihnen die Namen nennen könnte, würden Sie vom Stuhl fallen.“

Die genauen Inhalte stehen noch nicht fest, umso mehr jedoch seine Grundsätze. Der für Reise- und Luxusmagazine bekannte Unternehmer verspricht einen zertifizierten Impfstoff mit Garantie, ausgebildete Mediziner machen die Spritze, es gibt ärztliche Betreuung für den Fall einer allergischen Reaktion und am Ende einen international anerkannten Impfpass. „Dass alles seriös abläuft, garantiere ich mit meinem tadellosen Ruf als Verleger seit 46 Jahren“, sagt Mucha. „Wenn wir nur einen dieser vier Eckpfeiler nicht richtig haben, dann machen wir die Reisen nicht.“


Reisekonzerne bleiben zurückhaltend

Haften für die Impfung und die Reise mag der 67-Jährige, der die Idee dazu während eines siebenwöchigen Urlaubs auf den coronafreien Malediven hatte, allerdings nicht. Sicherheitshalber beschränkt sich Mucha darauf, die Kunden an einen Reiseveranstalter und die Mediziner weiterzureichen. Dass er damit nur seine eigenen Taschen füllen will, weist der Besitzer einer Villa in St. Tropez und eines Schlosses am Wörther See von sich. „Ich habe schon genug Geld“, so der Autor des Buchs „Wie man unverschämt reich und berühmt wird“. Dabei verweist Mucha darauf, dass er ein Zehntel der Buchungen gratis an Bedürftige abgeben will. Sie müssen allerdings gut begründen, warum sie sich eine Impfreise gerade nicht leisten können.

Noch fehlen Angebote von den großen Reisekonzernen. „Es gibt keinerlei Gedanken bei TUI Reisen anzubieten, während derer sich Menschen impfen lassen können“, so der Urlaubsriese.

Das liegt zum einen daran, dass sie den Markt als nicht besonders groß ansehen. „Das sind angesichts der hohen Kosten bestenfalls ein paar Tausend Kunden, besonders weil mit dem Fortschritt der Impfungen das Interesse nachlassen dürfte“, so ein TUI-Manager.

Dazu sind die Angebote nicht ohne Risiko für alle Beteiligten. Wegen der strengen Reisebeschränkungen in den wohlhabenderen Staaten können Impfurlauber vorerst fast nur im Mittleren Osten oder Afrika auf eine Anti-Covid-Spritze hoffen. „Da bleibt immer die Unsicherheit, ob es wirklich ein echter Impfstoff ist und die Bescheinigung am Ende auch international anerkannt ist“, so Tourismusprofessor Kirstges. Aber auch den Unternehmen drohen Probleme, etwa durch den Verdacht, dass die Impftouristen die Bewohner des Ziellandes um ihren Schutz bringen. „Da ist der Rufschaden für den Veranstalter schnell größer als die Einnahmen aus den Reisen“, so Kirstges.

Wie schnell die Stimmung kippen kann, erlebt gerade der Frankfurter Veranstalter Fit Reisen. Noch Anfang der Woche warb der Spezialist für Gesundheits- und Wellnessreisen groß im Internet. „In wenigen Wochen werden erste Länder wie Israel und die Arabischen Emirate ihre Bevölkerung weitestgehend geimpft haben. Da sie deutlich mehr Impfstoff bestellt haben, als sie für die eigene Bevölkerung benötigen, die Impfdosen jedoch nicht in andere Länder exportiert werden dürfen, möchten sie Personen aus anderen Ländern im eigenen Land helfen“, hieß es da. Als Erstes versprach Fit Reisen ab Ende März in Israel eine Impfung im Rahmen eines Wellness-Urlaubs mit Gourmetküche, dazu „geräumige Zimmer häufig sogar mit Balkonen, die Ihnen ein fantastischen Blick auf das Meer eröffnen“, so die Internetseite noch Anfang der Woche. Ab April sollten dann die Vereinigten Arabische Emirate, die Seychellen und sogar Großbritannien folgen.

Das brachte dem Unternehmen zwar einige Buchungsanfragen und viel Aufmerksamkeit in den Medien. Doch der positive Effekt kippte bald ins Gegenteil. Zuerst geißelte der in den Medien allgegenwärtige SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach die Reisen als „unethisches Geschäftsmodell“. Und dann grätschten Vertreter des Landes Israel in die Kampagne. „Es werden keine Impfreisen angeboten. Impfungen erhalten ausschließlich die Einwohner Israels“, so Ella Zack Solomon, Direktorin Staatliches Israelisches Verkehrsbüro für Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Prompt nahm Fit Reisen die Offerte kleinlaut von der Seite. „Unser Ziel ist es, dass möglichst bald, möglichst viele Personen geschützt sind und dies nicht zu Lasten anderer Personengruppen erfolgt“, so eine Sprecherin.

Eine Abkürzung zum Vakzin bleibt jedoch. In Dubai etwa wird schneller geimpft als in Europa, mehr als 120 Impfzentren hat der Golfstaat nach eigenen Angaben eingerichtet. Ohne viel Bürokratie sollen hier alle eine Spritze bekommen, die Bürger oder Bewohner von Dubai sind – ein Status, der sich auch temporär erwerben lässt über die Teilnahme am einjährigen Programm „virtuelles Arbeiten“. Beantragt werden kann sie über die Website „Visit Dubai“ zum Preis von 287 US-Dollar, heißt es auf der Seite. Innerhalb von drei Wochen würden die Anträge bei Vorlage vollständiger Unterlagen bearbeitet, heißt es von der Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate in Berlin. Für die Impfung sei allerdings ein längerer Aufenthalt vor Ort notwendig, nur kurz reinzufliegen zum Empfang der beiden Dosen, sei nicht möglich.

Mehr zum Thema: Wer wann geimpft wird, soll eine Prioritätenliste regeln. Doch das Gerangel beginnt: Bürgermeister lassen sich „zufällig“ impfen, Reiche lockt die Abkürzung übers Ausland. Der Rest hofft auf ein Attest vom Arzt.