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Sonderschichten ab Sommer geplant: VW will nach dem Chipmangel die Aufholjagd starten

Hofer, Joachim Menzel, Stefan
·Lesedauer: 5 Min.

Wegen des akuten Chipmangels kann VW gut 100.000 Autos nicht bauen. Der Betriebsrat will den Rückstand im zweiten Halbjahr mit Sonderschichten wieder wettmachen.

Golf-Fertigung bei Volkswagen in Wolfsburg: Weil Chips fehlen, soll die Produktion auch an einigen Tagen im Februar ruhen. Foto: dpa
Golf-Fertigung bei Volkswagen in Wolfsburg: Weil Chips fehlen, soll die Produktion auch an einigen Tagen im Februar ruhen. Foto: dpa

Aus Wolfsburg kommt vorsichtige Entwarnung: Die Lage in den VW-Werken, die ihre Produktion wegen eines akuten Chipmangels stoppen mussten, bessere sich langsam. Im zweiten Halbjahr dürfte es überhaupt keine Probleme mehr geben. Die Beschäftigten müssten sich dann wahrscheinlich auf Zusatz- und Sonderschichten etwa an den Wochenenden einstellen, um die Rückstände aus der ersten Jahreshälfte aufzuholen. „Der Kunde droht mit Auftrag“, scherzt der VW-Betriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh.

Bei Volkswagen stehen seit Mitte Dezember wegen fehlender Chips immer wieder die Bänder still. Erst war nur die Golf-Produktion betroffen, später auch die Tiguan-Fertigung. Die Passat-Fabrik im ostfriesischen Emden wurde gleich für zwei Wochen geschlossen. Nicht nur Volkswagen, auch vielen anderen Autoherstellern fehlen im Moment die Chips.

Die Chiphersteller hatten nach dem Corona-bedingten Einbruch im vergangenen Frühjahr nicht mit einer schnellen Erholung der Autonachfrage gerechnet. Deshalb lieferten sie ihre Chips vorrangig an andere Kunden wie etwa an Hersteller von Unterhaltungselektronik.

Betriebsratschef Bernd Osterloh hält es zwar für möglich, dass sich die Versorgungsprobleme bei Chips auch im Frühjahr noch etwas fortsetzen könnten. Zusammen mit einer nachlassenden Corona-Pandemie werde die bessere Versorgungslage bei Chips in der zweiten Jahreshälfte jedoch zu einem Anstieg der Produktionszahlen führen. „Wir haben eine große Chance, das verlorene Volumen aus dem ersten Halbjahr im Rest des Jahres wieder aufzuholen“, betonte Osterloh.

Die Auftragsbücher bei Volkswagen seien schon jetzt vergleichsweise gut gefüllt, ergänzte der Betriebsratschef. Beim Golf beispielsweise, der im Stammwerk Wolfsburg gefertigt wird, reichten die Aufträge für die nächsten zwölf Wochen. Geschlossene Autohäuser – wie etwa in Deutschland – hielten die Kunden nicht davon ab, neue Fahrzeuge zu bestellen.

VW verbreitet Optimismus für die zweite Jahreshälfte

Die Angaben Osterlohs werden vom Unternehmen bestätigt. „Die Talsohle ist erreicht“, hieß es dazu am Montag aus Konzernkreisen. Bis zur Jahresmitte könne es allerdings noch hin und wieder zu Störungen kommen. Volkswagen habe sich besser auf die Mangelsituation eingestellt. Die Zahl der Autos, die nicht produziert werden können, liege zwischen 100.000 und 200.000 Stück.

Den Optimismus für das zweite Halbjahr führt Volkswagen auf gewährte Zusagen von Chipherstellern und vorgelagerten Wafer-Produzenten zurück. Die Halbleiter-Lieferanten wollten ihre Produktion für die Automobilbranche deutlich erhöhen. Zur Jahresmitte stünden diese neuen Kapazitäten bereit, hieß es ergänzend bei Volkswagen.

Halbleiter-Experte Marcus Gloger schätzt, dass im ersten Quartal weltweit 600.000 Autos wegen des Chipmangels nicht produziert werden können. Auf Deutschland würde davon rund ein Viertel entfallen. „Praktisch die gesamte Halbleiterindustrie kann aktuell nicht ausreichend liefern“, sagte der Partner bei Strategy & , der Strategieberatung von PwC. Das heißt: Sämtliche großen Autochiphersteller kommen mit den Bestellungen nicht hinterher – vom Münchener Dax-Konzern Infineon über den niederländischen Rivalen NXP bis hin zu Texas Instruments.

Den Autoherstellern fehlen insbesondere die sogenannten Mikrocontroller. Das sind kleine Ein-Chip-Computer für ganz bestimmte Aufgaben. Diese Bauteile werden in zahllosen elektrischen Geräten verwendet, von Autos über Fernseher bis hin zu Waschmaschinen. Bei Volkswagen beispielsweise fehlen die Chips in den Steuergeräten für das Elektronische Stabilitätsprogramm (ESP).

Der Unternehmensberatung McKinsey zufolge sind die Lieferzeiten für die Mikrocontroller zuletzt von drei auf vier Monate gestiegen. Das Problem der Autobranche: Sie steht nur für acht Prozent aller Umsätze mit Mikrocontrollern weltweit. Kunden aus anderen Branchen sind für die Hersteller daher wichtiger – und bekommen die Ware im Zweifel eher.

„80 Prozent aller Auto-Innovationen haben mit Halbleitern zu tun“

Volkswagen weist die Verantwortung für den Chipmangel von sich. Der Konzern habe seine Lieferanten schon im Frühjahr 2020 darauf hingewiesen, dass es mit der Autonachfrage wieder aufwärtsgehe. „Für Europa und China haben wir immer eine konjunkturelle Entwicklung nach dem V-Muster angenommen“, sagte ein Konzernmanager.

Berater Gloger zufolge sollten sich die Autoproduzenten künftig stärker mit Halbleitern beschäftigen. Denn: „Viele Automarken haben nur eine geringe Transparenz, welche Chips ihre Zulieferer verbauen.“ Konzerne wie VW oder Daimler kaufen nicht direkt bei den Chipfirmen ein, sondern über große Autozulieferer wie Bosch und Continental. Doch würden die elektronischen Bauteile immer wichtiger: „80 Prozent aller Innovationen im Auto haben mit Halbleitern zu tun.“

Volkswagen bestätigt, dass es im Moment direkte Gespräche mit Chipherstellern gibt, ohne den Umweg über Bosch oder Continental. Der Wolfsburger Autohersteller könnte einen Teil seines Chipbedarfs künftig unmittelbar bei den Produzenten decken.

BMW ist im Moment einer der wenigen Autohersteller, bei denen die Produktion ungehindert weiterläuft. Der Grund: Die Münchener hatten in der Vergangenheit bereits eigene Lieferverträge mit Chipproduzenten abgeschlossen. Die Lagerhaltung, die die Autohersteller wegen der zusätzlichen Kosten eigentlich vermeiden wollen, schlägt bei den Chips wegen ihrer geringen Größe nicht sonderlich zu Buche.

Dass sich BMW, Daimler oder VW eigene Chipfabriken zulegen, hält Berater Gloger für unwahrscheinlich. „Es macht wirtschaftlich und strategisch keinen Sinn, dass ein Autohersteller selbst ein Chipwerk baut.“ Auch die größten Autohersteller sind zu klein, um eine Fabrik allein auszulasten, zumal sie auch noch Dutzende unterschiedliche Halbleiter benötigen.

Trotzdem könnte sich die Autobranche ein wenig aus der Abhängigkeit befreien. Gloger: „Eigene Chips zu designen wäre ein konsequenter Schritt für die Autobauer. Denn die Erfahrung zeigt, dass eigene Software mit selbst entwickelten Halbleitern um Faktor drei bis zehn besser performt.“