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„Wir sollten immer auf die Dinge schauen, die uns verbinden“

·Lesedauer: 6 Min.

Khadija Benhammada ist Teil des Vordenker-Jahrgangs 2020. Sie ist die Frau hinter der Merck-Topmanagerin Belén Garijo – und nicht weniger bedeutend.

Khadija Benhammada ist Chief of Staff für Belén Garijo, stellvertretende Vorsitzende der Geschäftsleitung sowie stellvertretende Vorstandschefin von Merck und CEO bei Merck Healthcare. Die spanische Managerin Garijo wird im kommenden Jahr zur Vorstandsvorsitzenden und Geschäftsführerin aufsteigen – als zweite weibliche CEO überhaupt im Dax, nach der ehemaligen SAP-Co-Chefin Jennifer Morgan.

Ihren Job beschreibt Benhammada selbst so: „Ich habe mehrere Aufgaben, die es unter einen Hut zu bringen gilt. Ein Großteil meiner Arbeit besteht darin, das Führungsteam des Unternehmensbereichs Healthcare dabei zu unterstützen, strategische Entscheidungen zu treffen. Dazu gehört es, Zeit einzuplanen, Informationen zu priorisieren und eine effektive, reibungslose Entscheidungsfindung zu ermöglichen.“

Darüber hinaus leitet sie strategische Projekte und koordiniert die Transformation von Healthcare mit. Dabei ist viel Geschick gefragt. Kommt es zu Konflikten, bleibt Benhammada gelassen. „Ich schaue mir die Fakten an und versuche, die Ursachen nachzuvollziehen, um ähnliche Situationen in Zukunft zu vermeiden. Außerdem versuche ich, derartige Situationen nicht aus einer bestimmten vordefinierten Sichtweise heraus zu betrachten“, erklärt sie im Gespräch.

„Dabei ist es wichtig, stets Werte ins Zentrum unserer Herangehensweise zu stellen und das kollektive Interesse des Unternehmens oder des Teams über persönliche Zielsetzungen zu stellen.“ Was sie sich für die nächsten drei Jahre vorgenommen hat? „Ich möchte besser darin werden, nicht so häufig über Situationen nachzudenken, die sich meiner Kontrolle entziehen. Außerdem will ich meine Deutschkenntnisse verbessern – und besser werden beim Kitesurfen.“

Gerade wurde die Managerin als Mitglied in die Vordenker-Community aufgenommen, eine Initiative des Handelsblatts und der Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG). Im Interview spricht Benhammada über Kinderträume, über Charaktereigenschaften, die eine Führungskraft braucht – und ihre Vorstellung von gelungenem Leadership.

Frau Benhammada, wissen Sie noch, was Sie werden wollten, als Sie klein waren?
Allerdings! Ich wollte Lehrerin werden und helfen, kommende Generationen auszubilden. Letzten Endes habe ich einen anderen Weg eingeschlagen. Aber diesen Anspruch habe ich immer noch, weshalb ich zum Beispiel Kolleginnen und Kollegen aus dem Unternehmen als Mentorin begleite.

Ihr Titel bei Merck lautet „Chief of Staff & Head of CEO Office“ – können Sie uns Ihren Job beschreiben, ohne die Marketingsprache Ihres Unternehmens zu nutzen?
Wie aus dem Jobtitel hervorgeht, habe ich mehrere Aufgaben, die es unter einen Hut zu bringen gilt. Ein Großteil meiner Arbeit besteht darin, das Führungsteam des Unternehmensbereichs Healthcare dabei zu unterstützen, strategische Entscheidungen zu treffen. Dazu gehört es, hierfür Zeit einzuplanen, Informationen zu priorisieren und eine effektive, reibungslose Entscheidungsfindung zu ermöglichen. Darüber hinaus leite ich strategische Projekte und koordiniere die Transformation von Healthcare mit.

„Ohne Integrität ist alles bedeutungslos“

Wie definieren Sie ein erfolgreiches Unternehmen? Ist es nur finanzieller Erfolg, oder gibt es auch andere Faktoren, die eine Rolle spielen?
Ein erfolgreiches Unternehmen hat einen starken „Purpose“, ein klares Verständnis seines Daseinszwecks, und erzielt Mehrwert für alle seine internen und externen Stakeholder, ganz im Sinne des Shared-Value-Gedankens. Ich bin sehr stolz darauf, für Merck zu arbeiten – ein Unternehmen, das für die Gesellschaft beständig Mehrwert schafft und im Leben vieler Menschen Entscheidendes bewirkt.

Gibt es Charakterzüge, die für eine Führungsposition unabdingbar sind?
Ich glaube, dass man sich als Führungskraft kontinuierlich weiterentwickeln muss. Vor diesem Hintergrund sind für mich die folgenden Grundprinzipien essenziell: Integrität – ohne sie ist alles andere bedeutungslos –, Empathie, Selbstwahrnehmung und Verantwortungsbewusstsein.

Ein Satz, den eine gute Führungskraft niemals sagen würde …?
„Weil wir das schon immer so gemacht haben.“ Gerade in der heutigen Zeit sind Flexibilität, Agilität, Kreativität und Innovationen enorm wichtig. Wir erleben das Tag für Tag. Eine der wichtigsten Eigenschaften einer Führungskraft ist es heute, offen für unterschiedliche und manchmal sogar gegensätzliche Ansichten zu sein. Es gibt immer Verbesserungspotenzial, und indem wir bisher Geleistetes erneut unter die Lupe nehmen, können wir lernen und wachsen.

Bitte ergänzen Sie den Satz: In Konfliktsituationen …
... schaue ich mir die Fakten an und versuche, die Ursachen nachzuvollziehen, um ähnliche Situationen in Zukunft zu vermeiden. Außerdem versuche ich, derartige Situationen nicht aus einer bestimmten vordefinierten Sichtweise heraus zu betrachten, da es zahlreiche Faktoren zu berücksichtigen gilt, zum Beispiel unterschiedliche fachliche Hintergründe, Fristen, mögliche Auswirkungen oder Persönlichkeiten. Ich konzentriere mich darauf, eine Lösung zu finden und vorab vereinbarte Ergebnisse zu erreichen. Gleichzeitig suche ich nach Möglichkeiten, die gerade genannten Faktoren miteinzubeziehen, um voranzukommen. Dabei ist es wichtig, stets Werte ins Zentrum unserer Herangehensweise zu stellen und das kollektive Interesse des Unternehmens oder des Teams über persönliche Zielsetzungen zu stellen.

„Ein nachhaltiger Wandel erfordert Zeit“

Was waren Ihre wichtigsten drei (Arbeits-)Ergebnisse der letzten drei Jahre?
In Asien hatte ich die Gelegenheit, ein schlagkräftiges Team aufzubauen und es mit einer gemeinsamen Vision voranzubringen. Ich habe eine Gruppe erfahrener HR-Führungskräfte in 14 Ländern geleitet, immer mit Blick auf die Lösung von Problemen und Unterstützung der Geschäftsführer vor Ort. Zweitens habe ich dazu beigetragen, den Belangen des chinesischen Markts innerhalb der globalen Organisation von Merck mehr Gehör zu verschaffen und das Profil der Führungskräfte aus einem der für uns wichtigsten Märkte zu schärfen. Dazu zählte auch die Identifizierung von Möglichkeiten, um unsere Präsenz in China zu erhöhen und unseren Führungskräften mehr internationale Karrierechancen zu ermöglichen. Drittens war und ist es ein Privileg, den kulturellen Wandel innerhalb des Unternehmensbereichs Healthcare voranzubringen und die enge Verbindung zwischen Kultur und Leistung weiter zu stärken. Dieser Prozess ist in vollem Gange, aber ein nachhaltiger Wandel erfordert Zeit und gemeinsame Anstrengungen.

In den nächsten drei Jahren: Was wollen Sie lernen, was Sie heute noch nicht können?
Wir alle entwickeln uns kontinuierlich weiter und lernen aus unseren Erfahrungen. Ich möchte besser darin werden, nicht so häufig über Situationen nachzudenken, die sich meiner Kontrolle entziehen. Außerdem will ich meine Deutschkenntnisse verbessern – und besser werden beim Kitesurfen.

Was ist Ihr langfristiges Ziel beziehungsweise Ihre Vision?
Letzten Endes möchte ich weiter in einem Bereich arbeiten, der etwas Positives bewirkt. Ich möchte der Gemeinschaft in meinem Umfeld helfen und ein glückliches Leben führen. Außerdem will ich auch dazu beitragen, eine bessere und gleichberechtigte Welt für die kommenden Generationen zu schaffen. Für mich heißt das, die Themen Vielfalt und Inklusion kontinuierlich voranzubringen, so, wie es unsere Mütter und Großmütter für uns getan haben, um uns ein Leben in einer besseren Welt zu ermöglichen.

„Wir alle haben etwas beizutragen“

Wenn Sie ein Buch schreiben müssten: Wovon würde es handeln?
Ich würde gerne ein Reisebuch schreiben, das von den Menschen inspiriert ist, die ich bei meiner Arbeit in verschiedenen Ländern kennengelernt habe – ein Buch über die Menschen, die mich geprägt haben, um das Vertrauen zu ehren, das sie mir entgegengebracht haben; und das über die Kulturen der mehr als 50 Länder handelt, die ich bereisen durfte. Ich werde diese Momente und die Menschen, die ich getroffen habe, immer in guter Erinnerung behalten und würde diese Erfahrungen gerne weitergeben.

Wenn ich mich bei Ihren Freunden erkundigen würde: Für welche alternativen Karriereoptionen wären Sie geeignet?
Ich kann mir vorstellen, dass sie eine ganze Reihe von Möglichkeiten nennen würden: Unternehmerin, Coach, Sozialarbeiterin oder Ärztin – also im Grunde solche Berufe, die das widerspiegeln, was mich anspornt: Menschen zu helfen.

Möchten Sie uns sonst noch etwas mitteilen?
„Die Dinge, die uns unterscheiden, sind unsere Superkräfte.“ Ich liebe dieses Zitat von Lena Waithe, denn es macht deutlich, dass wir alle etwas beizutragen haben. Es feiert die Vielfalt, aber spaltet nicht – diese Haltung ist mir ganz wichtig. Wir sollten immer auch auf die Dinge schauen, die uns verbinden.

Frau Benhammada, vielen Dank für das Interview.