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Sollte man die ABB-Aktie jetzt kaufen?

Lee Samaha

Die ABB (WKN: 919730)-Aktie sieht in vielerlei Hinsicht vielversprechend aus. Zunächst einmal ist ABB eines der größten Roboterunternehmen der Welt und ist somit eine super Möglichkeit, in einen langfristigen Markt zu investieren. Außerdem bringt die Aktie derzeit eine Dividendenrendite jenseits von 4 % – ein schöner Rettungsanker in der sehr zyklischen Roboter- und Automatisierungsbranche. Lass uns aber mal schauen, was Investoren wissen sollten, bevor sie hier einsteigen.

Kaufen für die Dividende?

Wenn du ABB deinem Portfolio hinzufügst, um die Dividende abzukassieren, dann investierst du zwangsläufig auch in die Hoffnung, dass der Konzern seine Wachstumsmöglichkeiten ausschöpfen kann. ABB ist keine langsam wachsende Cashcow mit bombensicherer Dividende; das Unternehmen operiert in sehr wettbewerbsstarken Märkten wie industrieller Automatisierung, Elektrifizierung und Robotik. Mit anderen Worten, es muss innovativ bleiben, um gegen die Konkurrenz rund um SiemensRockwell AutomationHoneywell und Eaton überhaupt sein aktuelles Level behaupten zu können.

ABB zahlte 2018 Dividenden in Höhe von insgesamt 1,7 Milliarden Dollar. Diese Ausschüttung wurde nur gerade so durch den freien Cashflow gedeckt, der bei 2 Milliarden Dollar lag. Doch sobald der Verkauf der Stromnetzsparte an Hitachi abgeschlossen ist, wird das den Cashflow beeinträchtigen: Eine Gruppe von Geschäftstätigkeiten, die ABB als „stillgelegtes Geschäft” bezeichnet (die Stromnetzsparte fällt jetzt auch hierunter), trug 2018 ganze 572 Millionen Dollar zum operativen Cashflow bei. Das tatsächlich laufende Geschäft generierte derweil 2,35 Milliarden.

Nun könnte ABB die Erlöse aus dem Spartenverkauf nutzen, um die Dividende zu decken – dem Jahresabschluss zufolge werden sie das auch tatsächlich tun: „Der Verkauf von 80,1 % der Stromtrassensparte an Hitachi, der in der ersten Jahreshälfte 2020 abgeschlossen werden dürfte, bewertet die Geschäftseinheit mit 11 Milliarden Dollar. ABB plant, den Aktionären 100 Prozent der Verkaufserlöse zukommen zu lassen.” Zudem sagte das Unternehmen, dass es sich selbst verpflichtet, eine „steigende, nachhaltige Dividende” zu zahlen.

Das bedeutet, dass die Dividende für die nächsten Jahre erst einmal sicher ist, doch Investoren werden sich hoffentlich nicht nur damit zufrieden geben und auch langfristiges Wachstum erwarten.

Der Blick in die Zukunft

Die wichtigsten mittelfristigen Treiber für das Gewinnwachstum sind:

  • Eine Erholung in den Zielmärkten, vor allem industrielle Automatisierung und Robotik. Das Unternehmen erwartet, dass Elektromobilität, Datencenter und Roboter-Abnehmer die wichtigsten Treiber bei der Nachfrage sein werden.
  • Die erfolgreiche Durchführung der Restrukturierungspläne. Diese sollen bis 2021 500 Millionen an jährlichen Kosteneinsparungen freisetzen. (Zum Vergleich, die Umsatzkosten ABBs lagen 2018 bei 19,1 Milliarden Dollar.)

Das sieht nicht verkehrt aus, doch es gibt zwei Gründe, weshalb Investoren lieber noch etwas an der Seitenlinie verharren sollten.

Warum Investoren abwarten sollten

Erstens hat ABB einige kurzfristige Belastungsfaktoren. Klar, es ist in recht vielversprechenden Endmärkten unterwegs – etwa Robotik und Fabrikautomatisierung. Diese Märkte dürften Aufwind erfahren, wenn die Informationstechnologie und das Internet der Dinge immer stärker in industrielle Anwendungen vordringen.

Das Problem ist, dass die Branchen, die den Einsatz von Automatisierung und Robotik früh vorangetrieben haben – etwa Autohersteller und Anlagenbauer – aktuell ihrerseits mit Absatzschwächen zu kämpfen haben. Das wirkt sich auf den Auftragseingang bei ABB aus, der dieses Jahr enttäuschte. Wenn man die Stomtrassensparte außen vor lässt, dann fielen die Auftragseingänge im dritten Quartal um 1 %. Im Robotik- und Automatisierungssegment lag die Abnahme sogar bei 16 %.

ABB order growth.

Quelle: Präsentation von ABB.

Zweitens steht das Unternehmen vor einer Schlüsselphase in seiner Transformation: Das Management erwartet, dass das neue Betriebsmodell nun die existierende regionale Struktur ablösen wird. Das geht aus dem Quartalsbericht hervor.

Denk daran, dass so eine Reorganisation Veränderungen an den Wurzeln eines Unternehmens bedeutet, die in diesem Fall über Jahrzehnte hinweg gewachsen sind: ABB besaß eine sogenannte Matrix-Organisation, bei der einzelne Mitarbeiter durchaus auch mehrere Vorgesetzte haben konnten, da Arbeit aufgrund von Projekten aufgeteilt wurde – anders als bei der typischen pyramidenförmigen Organisation, die fast alle Unternehmen nutzen.

Es gibt durchaus Raum für Verbesserung, was die Produktivität des Unternehmens angeht: ABBs Gewinnmarge liegt hinter denen seiner großen Mitbewerber.


EBITDA-Marge. Daten von YCharts.

Wenn ABBs Management die Margen auf das Durchschnittsniveau in der Peergroup heben und zusätzlich strukturelle Verbesserungen im Unternehmen vornehmen könnte, könnten die resultierenden Gewinnsteigerungen für eine Aufwärtsbewegung in der Aktie sorgen.

Was das alles für Investoren bedeutet

ABB ist insgesamt eine interessante Investmentmöglichkeit. Doch da das Unternehmen angekündigt hat, bis Ende 2019 die neue Organisationsstruktur eingeführt haben zu wollen, und da sich die Zielmärkte in einer Schwächephase befinden, könnte es Sinn machen, bis zum Jahresende zu warten und dann eine Entscheidung für oder gegen die Aktie zu treffen. Zu diesem Zeitpunkt werden Investoren besser erkennen können, wie gut ABB seine mittelfristigen Ziele erreicht.

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Lee Samaha besitzt Aktien von Honeywell International und Siemens. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien. Dieser Artikel erschien am 28.10.2019 auf Fool.com und wurde für unsere deutschen Leser übersetzt.

Motley Fool Deutschland 2019