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Solarstrom schafft den Durchbruch – ohne Subventionen

Photovoltaik galt lange als teuer und hat die Verbraucher Milliarden gekostet. Jetzt rechnet sich die Technologie erstmals auch ohne staatliche Unterstützung.

Die Solarenergie scheint jetzt den kommerziellen Durchbruch endlich geschafft zu haben. Foto: dpa

Während die Windbranche in Deutschland eine nie da gewesene Flaute erlebt, wächst der heimische Solarmarkt endlich wieder – und nicht nur das. Zum ersten Mal ist Sonnenenergie so rentabel, dass Solarparks ganz ohne Fördergelder gebaut werden. Das Unternehmen Naturstrom will seine Kunden nun als erster deutscher Versorger mit subventionsfreiem Solarstrom aus einem Park in Bayern versorgen, wie das Handelsblatt vorab erfuhr.

Mit einer Leistung von rund 20 Megawatt soll die Anlage in Parsberg-Eichensee ab Mai insgesamt Strom für mehr als 6300 Haushalte pro Jahr liefern. „Das ist ein Epochenwandel für die Erneuerbaren“, sagt Naturstrom-Chef Oliver Hummel im Gespräch mit dem Handelsblatt. So etwas habe es vorher noch nie gegeben. „Wir treten nun in eine Phase ein, in der die Parallelwelten von Ökostromerzeugung und -nutzung Schritt für Schritt aufgehoben werden.“ Zum ersten Mal könne der Strom aus eigenen Solaranlagen direkt an den Kunden weitergegeben werden.

Obwohl Deutschland nicht gerade für die Anzahl seiner Sonnenstunden bekannt ist, haben die mittlerweile 1,7 Millionen installierten Solaranlagen die Bundesrepublik zu Europas Solarland Nummer eins gemacht. Mehr als 70 Milliarden Euro schossen die deutschen Stromverbraucher schon über die EEG-Umlage zur Förderung der Technologie dazu.

Jetzt scheint die Solarenergie den kommerziellen Durchbruch endlich geschafft zu haben. Der Energiekonzern EnBW kündigte bereits im vergangenen Jahr an, den größten Solarpark Deutschlands in Brandenburg zu bauen – und zwar ganz ohne Subventionen. Ans Netz gehen soll das 175-Megawatt-Projekt allerdings erst im Laufe des Jahres.

Naturstrom kommt dem Konkurrenten jetzt zuvor, wenn auch mit einem deutlich kleineren Projekt.  Das Hamburger Unternehmen Enerparc baut die Anlage in Bayern zwar, verkauft wird der subventionsfreie Grünstrom am Ende aber von dem Energiekonzern Statkraft. Dafür haben Naturstrom und Statkraft einen Vertrag über elfeinhalb Jahre abgeschlossen, auch Power Purchase Agreement (PPA) genannt.

Damit die Einnahmen auch ohne feste Vergütungen nicht komplett den schwankenden Strompreisen ausgesetzt sind, schließen förderfreie Grünstromprojekte oft einen Direktabnahmevertrag. „Wir haben ein Modell entwickelt, in dem wir langfristige Preissicherheit für die Projektentwickler übernehmen, aber für Versorger und Industriekunden einen Abnahmevertrag mit flexibler und variabler Preisausrichtung anbieten“, sagt Carsten Poppinga, Deutschlandchef des norwegischen Unternehmens. Er ist davon überzeugt, dass in Zukunft immer mehr Solarparks ohne Förderung gebaut werden, nicht nur in Deutschland.

Allein im vergangenen Jahr summierten sich die Ökostromdeals laut Bloomberg New Energy Finance auf 13,5 Gigawatt weltweit, mehr als doppelt so viel wie 2017. Grund für den Anstieg ist vor allem die boomende Nachfrage seitens der Wirtschaft. Vorreiter in Sachen PPAs waren bislang die Vereinigten Staaten oder Länder wie Norwegen, Schweden und Dänemark. Jetzt ziehen die Direktstromverträge aber auch im Rest Europas stetig an.

Preise sinken, Nachfrage steigt

2019 summierte sich die Anzahl geplanter Projekte laut einer Analyse der Energieunternehmensberatung Enervis Energy Advisors auf etwa 21 Gigawatt. Die meisten PPA-Pläne kamen zwar aus Spanien, Deutschland schaffte es aber immerhin mit 1 057 Megawatt hinter Frankreich auf Platz drei. In den nächsten Jahren rechnen Experten auch hierzulande mit einem deutlich größeren Volumen.

Der Grund dafür ist in Hummels Augen klar. „Der entscheidende Faktor ist immer noch die massive Kostendegression der Erneuerbaren. Und diese Kosten werden in den nächsten Jahren weiter sinken“, so der Naturstrom-Chef. In den vergangenen Jahren sind die Produktionskosten für große Solarprojekte um über 75 Prozent gefallen.

Mittlerweile kostet eine Kilowattstunde Solarstrom in der Herstellung nur noch zwischen vier und fünf Cent, in manchen besonders sonnenreichen Regionen sogar noch weniger. Dazu kommen ein gestiegener Großhandelspreis und ein deutlich teurerer CO2-Preis auf europäischer Ebene. In manchen Regionen ist Solarenergie schon jetzt die günstigste Form der Energieerzeugung.

Mit den sinkenden Preisen steigt auch wieder die Nachfrage nach Photovoltaikanlagen in Deutschland. Im vergangenen Jahr zog das Interesse an solaren Systemen laut dem Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) um 30 Prozent an. 2019 wurden Solarstromanlagen mit einer Leistung von knapp vier Gigawatt neu installiert. Mit rund 50 Gigawatt Leistung decken die Anlagen laut BSW etwa neun Prozent des bundesdeutschen Nettostromverbrauchs.

Statkraft-Chef Poppinga glaubt, dass in diesem Jahr vor allem die Zahl subventionsfreier Projekte weiter steigen wird. „So ein Projekt macht einfach kostenmäßig Sinn“, sagt er. Wirtschaftlich gesehen stelle sich die Frage zwischen einem Kohlekraftwerk und einem großen Solarpark schon heute nicht mehr.

Das Projekt in Bayern ist nur einer von insgesamt fünf förderfreien Solarparks, die Statkraft ab Mai ans Netz anschließen will. Zusammen haben sie eine Leistung von knapp 52 Megawatt. „Wir werden noch deutlich mehr große Solarprojekte sehen“, ist Poppinga überzeugt.

Für den Großteil der deutschen Solarindustrie kommt der Durchbruch freilich zu spät. Seitdem die üppigen Subventionen für Solaranlagen 2012 massiv gekürzt wurden, herrscht auf dem Markt ein harter Preiskampf, von dem chinesische Unternehmen ganz besonders profitieren.

Deutsche Firmen konnten ihre Produkte nicht günstiger herstellen als die Konkurrenz aus China und rutschten in der Folge reihenweise in die Pleite. Schätzungsweise 100.000 Arbeitsplätze gingen verloren. Heute beschäftigt die deutsche Solarindustrie noch rund 24.000 Menschen.