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Solar-Pleitier spekuliert auf Staatsgelder

Solarworld-Chef Frank Asbeck will nach der Teilrettung seiner Solarfirma die Fördertöpfe von Bund und Ländern anzapfen. Kritiker toben: Das Unternehmen hat seit 1998 bereits mehr als 100 Millionen an Staatsgeld kassiert.


Der Subventionsjäger ist zurück. Kaum ist der Neustart bei Solarworld vollzogen, bemüht sich Frank Asbeck schon wieder um Staatshilfen. Der alte und neue Chef von Europas einst größtem Photovoltaikkonzern will den laufenden Bundestagswahlkampf zu seinen Gunsten nutzen und lotet nun aus, wie er am besten die Fördertöpfe von Bund und Ländern anzapfen kann.

„Die Neustartpläne habe ich mit staatlichen Stellen geteilt“, betonte Asbeck diese Woche. Solarworld betreibt in Thüringen und Sachsen jeweils eine Solarfabrik. Mit der Landesregierung in Thüringen hat Asbeck bereits über etwaige Unterstützungsmaßnahmen gesprochen. In Kürze will er sich nun auch mit der Landesregierung in Sachsen über Bürgschaften austauschen.


Das Handelsblatt hatte bereits am Mittwoch über Asbecks Ambitionen berichtet. In Berlin geht man mittlerweile davon aus, dass der Ökopionier bald einen Antrag auf Staatshilfe stellen dürfte. Während man im Bundeswirtschaftsministerium die Sache dem Vernehmen nach aber mit „mit spitzen Fingern anfasst“, haben sowohl der thüringische Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) als auch sein sächsischer Kollege Martin Dulig (SPD) prinzipiell die Bereitschaft signalisiert, Landesbürgschaften zu gewähren.

Asbeck hatte Solarworld im Mai dieses Jahres nach sechs verlustreichen Jahren in Folge in die Pleite geführt und anschließend die beiden deutschen Fabriken mit Geld aus Katar aus der Insolvenzmasse gekauft. In den Produktionsstätten in Arnstadt (Thüringen) und Freiberg (Sachsen) bleiben zusammen 475 von zuvor 1700 Arbeitsplätzen erhalten. An der neuen Solarworld Industries GmbH hält Asbeck 51 Prozent der Anteile, das Staatsunternehmen Qatar Solar aus dem Emirat Katar die anderen 49 Prozent.


Christian Strenger, Direktor des Governance Centers der HHL Leipzig, warnt die Politik davor, Solarworld Staatshilfen zu gewähren. „Angesichts der nachhaltigen Misserfolge in Milliardenhöhe von Herrn Asbecks Geschäftsaktivitäten sollten sich die für Bürgschaften zuständigen politischen Stellen sehr gut überlegen, ob sie wirklich die Verantwortung dafür übernehmen wollen, erneut öffentliche Mittel für ein nicht überzeugendes Geschäftsmodell aufs Spiel zu setzen“, sagte Strenger dem Handelsblatt.

Der Corporate-Governance-Experte fürchtet, dass staatliche Unterstützungsmaßnahmen im Falle von Solarworld keineswegs dazu führen würden, Arbeitsplätze nachhaltig abzusichern. Schließlich hat das Unternehmen bereits in der Vergangenheit Staatsgeld erhalten und konnte dennoch die Pleite im Mai nicht abwenden. Asbeck selbst und sein Partner aus Katar halten den neuen Geschäftsplan dagegen für solide und gehen davon aus, künftig Gewinne schreiben zu können.


Forschungsabteilung soll gemeinnützig werden


„Wir haben klar verstanden, was bisher falsch gelaufen ist und einen Plan, was zu tun ist“, sagt Khalid Klefeekh Al Hajri. Aus Sicht des Vorstandschefs von Qatar Solar ist die neue Solarworld „wie ein neues Baby mit einer reifen Mentalität“. Solarworld will sich jetzt ausschließlich auf Premiumprodukte konzentrieren. Künftig sollen nur noch Hochleistungsmodule mit beidseitiger Energiegewinnung gefertigt werden.

Allerdings sind in dieser vermeintlichen Nische auch Wettbewerber wie der chinesische Riese Trina Solar aktiv. Ein echtes Alleinstellungsmerkmal können Experten daher auch bei der neuen Solarworld kaum ausmachen.


Solarworld-Chef Asbeck will nun aber seine Forschungsabteilung in eine gemeinnützige Gesellschaft ausgliedern und als „offene Plattform“ für Branchenpartner wie Maschinenbauer öffnen. „Wenn die Forschungs-GmbH Forschungsgelder beantragt, dann ist das nur richtig. Grundlagenforschung wäre sonst nicht möglich“, sagte Asbeck der „Freien Presse“.

Auf den Vorwurf, die Solarbranche sei eine total subventionierte Industrie, konterte der vielfach als Sonnenkönig titulierte  Asbeck: „Leider nicht“. Tatsächlich hat Asbecks Solarworld seit der Gründung im Jahr 1998 aber konservativ geschätzt „weit mehr als 100 Millionen Euro an Fördermitteln erhalten", erklärt Solarmarktexperte Götz Fischbeck.

Allein Sachsen hat dem Photovoltaikunternehmen von Oktober 1990 bis April 2017 einen Investitionszuschuss in Höhe von rund 11,2 Millionen Euro gewährt. Profitiert hat Solarworld wie der Rest der Solarindustrie zudem vom Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG), das dem Ausbau von Photovoltaikanlagen ab dem Jahr 2000 auf die Sprünge half.

KONTEXT

Aufstieg und Fall von Solarworld

1998

Der Diplom-Landwirt Frank Asbeck gründet die Solarworld AG.

2000

Unter der rot-grünen Bundesregierung wird das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) beschlossen. Der Ausbau von Solar- und Windkraftanlagen wird mithilfe üppiger Förderungen stimuliert. Asbecks Solarmodule werden über Nacht zum Verkaufsschlager.

2005

"Weitere Siliziumversorgung gesichert", meldet Solarworld. Der rasant wachsende Ökostromkonzern vereinbart den ersten von insgesamt vier langfristigen Lieferverträgen mit dem US-Siliziumhersteller Hemlock Semiconductor.

2007

Solarworld entwickelt sich zum neuen Börsenstar. Der damals im TecDax notierte Ökokonzern wird mit 4,6 Milliarden Euro bewertet.

2008

Die Unternehmensberatung Bain & Company kürt Solarworld zu "Deutschlands wachstumsstärkstem Unternehmen". Als Opel in Turbulenzen gerät, bietet Firmenchef Asbeck an, den kriselnden Autokonzern zu übernehmen. Dabei gerät Solarworld langsam selbst unter Druck.

2011

Solarworld rutscht tief in die roten Zahlen, schreibt mehr als 300 Millionen Euro Verlust. Die zunehmende Billig-Konkurrenz aus Asien und gedrosselte Subventionen setzen dem Bonner Konzern massiv zu.

2012

Solarworld stellt alle Überweisungen an Hemlock ein. Schlichtungsversuche mit dem US-Konzern scheitern.

2013

Solarworld ringt ums Überleben. Die Aktionäre verzichten auf 95 Prozent ihres Kapitals, um den Fortbestand des Konzerns zu sichern.

2016

Solarworld reißt mit Gläubigern vereinbarte Unternehmenskennzahlen. Das Geld wird knapp, die Schulden explodieren. Die wirtschaftliche Situation der Firma bewertet der Vorstand nun als "sehr schwierig".

2017

Der Aufsichtsrat kommt Mitte Januar zu einer Krisensitzung zusammen. Die Lage ist dramatisch. Der Vorstand präsentiert einen letzten Rettungsplan. Jede zehnte der 3000 Stellen des Unternehmens soll gestrichen werden. Solarworld will sich nur noch auf die Herstellung von hochqualitativen Produkten fokussieren. Am 10. Mai kommt der Vorstand der Solarworld AG zu der Überzeugung, dass "keine positive Fortbestehungsprognose" mehr für das Unternehmen besteht. Deutschland letzter Photovoltaikriese muss Insolvenz beantragen.Am 1. August eröffnet das Amtsgericht Bonn offiziell das Insolvenzverfahren. Solarworld-Gründer Frank Asbeck will mit Partnern die Fabriken in Thüringen und Sachsen übernehmen.