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So wollen diese Gründerinnen sich mit einer Alternative zu Plastik durchsetzen

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Machen plastikfrei möglich: Johanna Baare, COO, und Anna Lamp, CEO von Traceless Materials.
Machen plastikfrei möglich: Johanna Baare, COO, und Anna Lamp, CEO von Traceless Materials.

Gute Geschäftsideen erkennt man oft daran, dass man sich fragt: Warum hat das nicht schon längst jemand gemacht? Blöderweise gibt es meistens eine sehr einfache und logische Antwort auf diese Frage. Und dann ist klar, warum aus der guten Idee kein gutes Geschäft wurde.

Plastikalternativen sind ein Beispiel dafür. Wenn es umweltfreundliche und erdölfreie Materialien gibt, die können, was Plastik kann – warum stellt die nicht längst schon jemand her? Simpel: Weil es sich nicht lohnt. Weil Plastik so billig ist, dass man in diesem Bereich nicht gewinnen kann. „Der Kunststoffmarkt ist der am härtesten umkämpfte, preisgetriebenste Markt, den man sich vorstellen kann“, sagt Johanna Baare, COO und Mitgründerin von Traceless Materials, im Gespräch mit Gründerszene. Plastik sollte wenig kosten – irgendwie logisch, wenn man bedenkt, dass der Sinn von Plastik oft der ist, Dinge schnell wegwerfen zu können. So wie Eislöffel, Umverpackung, To-Go-Becher.

Die einzige Chance, in diesem Billigsegment zu überleben, ist zu skalieren. Ganz schnell und ganz groß. Und genau das haben Anne Lamp und Johanna Baare mit Traceless Materials vor.

Natürliche Rohstoffe, biologisch abbaubar

Im September 2020 gründeten die beiden ihr Circular-Bioeconomy-Startup in Hamburg. Erklärtes Ziel: Einen messbaren Beitrag zur Lösung der weltweiten Plastikverschmutzung zu leisten. Dafür haben sie mit Traceless Materials eine Alternative zu Kunststoffen und Biokunststoffen entwickelt, die vollständig kompostierbar ist. Es ist ein ganzheitlich nachhaltiges Material, heißt, auch die Produktion – eine zum Patent angemeldete Technologie – ist umweltfreundlich. Und der Clou: Im industriellen Maßstab produziert, ist das Material preislich konkurrenzfähig zu Kunststoff.

Die Idee kam Lamp im Rahmen ihrer Promotion als Verfahrensingenieurin an der TU Hamburg. „Dabei ging es um das Thema Bioraffinerie, die Nutzung von Agrarreststoffen und die Umwandlung dieser natürlichen Ressourcen in Wertprodukte“, erzählt sie. Das heißt etwa, wenn man aus Resten der landwirtschaftlichen Lebensmittelproduktion ein Material machte, das sich verwenden lässt wie Plastik. Noch während der Forschung dachte sie schnell: Daraus lässt sich mehr machen. Ein Startup. Und dann fand sie über den Accelerator Project Together Johanna Baare. Nach Jahren als Strategie- und Managementberaterin für Startups beschloss die schnell, als Mitgründerin einzusteigen.

Die Idee ist 100 Jahre alt

Dabei gibt Lamp gerne zu, dass ihre Idee eigentlich nicht neu ist: „Im Endeffekt ist unser Verfahren total ‚back to the roots‘. So etwas Ähnliches wurde vor 100 Jahren schon einmal angefangen. Die ersten Kunststoffe waren nämlich eigentlich Naturstoffe.“ Cellophan etwa sei ein solches Material. Es wird aus Zellulose hergestellt, ist abbaubar und besteht komplett aus Naturfasern. „Es gab auch andere Naturpolymere, die damals schon verwendet wurden, aber irgendwann hat die Petrochemie das alles abgelöst und die Technologien sind in Vergessenheit geraten.“ Am billigsten war und ist es bis heute, Kunststoff aus Erdöl zu produzieren.

So kann es aussehen: Traceless Materials in unterschiedlichen Verwendungsformen.
So kann es aussehen: Traceless Materials in unterschiedlichen Verwendungsformen.

Was sie nun also machen, seien, so Lamp, die alten Ideen für heutige Kunststoffverarbeiter fit zu machen. Fit und ein bisschen besser. Eine große Besonderheit von Traceless sei, dass es sowohl eine flexible Folie sein könne, eine Alternative zu Hartplastik und auch einfach eine Beschichtung. Es komme ganz darauf an, was Kunststoffverarbeiter daraus machten. Traceless bietet ein Basismaterial in Granulatform an. Eine direkte Alternative zu dem, was Chemiekonzerne anbieten, Granulat nämlich, aus dem Spritzgussmaschinenbesitzer Hartplastikteile machen oder andere Verarbeiter Halbfertigprodukte wie Plastikfolien oder beschichtetes Papier.

Großer Partner: Otto Versand

Mögliche Anwendungsfälle für Traceless Materials sind entsprechend vielfältig. Für den Anfang haben Lamp und Baare sich das Thema Verpackung vorgenommen. Oder genauer: ganzheitlich nachhaltige Versandverpackungen für den E-Commerce. In ihrer Hamburger Nachbarschaft haben sie dafür bereits einen hochkarätigen Partner gefunden. Der Versandhändler Otto wird voraussichtlich in der ersten Jahreshälfte 2022 Päckchen aus Traceless Materials an seine Onlinekunden verschicken.

Dafür gilt es jetzt, die Pilotanlage in Hamburg so schnell wie möglich in Betrieb zu nehmen, um ausreichend viel Traceless Materials herstellen zu können. Möglich wurde diese Anlage durch eine erste Finanzierungsrunde im Frühling 2021. Planet A als Impact-Investor, B.value als Investor mit Biotech-Know-how und der High-Tech-Gründerfonds haben damals einen einstelligen Millionenbetrag in das erst gut ein halbes Jahr alte Startup gegeben. Im Herbst bekam Traceless Materials darüber hinaus eine Förderung von 2,4 Millionen Euro durch den European Innovation Council (EIC). „Im Moment ist dieses Geld natürlich erstmal ein riesiges Geschenk“, sagt Baare. „Aber um die Produktion weiter hoch skalieren zu können und die nächstgrößere Anlage zu bauen, ist das immer noch ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Gegen Ende des nächsten Jahres planen die beiden Gründerinnen deshalb die nächste Investmentrunde.

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