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So will die Besitzerin des Grandhotels „Bayerischer Hof“ den Corona-Schock überwinden

Die Chefin des „Bayerischen Hofs“ wagt den Neustart. Dabei helfen die Finanzpolster des Familienbetriebs.

Eine Vorahnung hatte Innegrit Volkhardt schon Anfang Februar auf der Internationalen Sicherheitskonferenz in ihrem Haus. Tausende Hygienefläschchen waren in letzter Minute organisiert worden, eine Delegation aus dem frühen Corona-Gebiet China nahm auch am Kongress teil. „Man spürte, dass da etwas Großes auf uns zukommt“, sagt die Besitzerin des Grandhotels „Bayerischer Hof“ in München: „Ich hatte da große Sorge, auch wenn es ringsherum ruhig blieb.“

Die Ruhe ist seitdem vorbei, auch für eine Institution des deutschen Gastgewerbes. Die folgende Zeit des Corona-Lockdowns erlebte die 54-Jährige als „Schock“ und spricht von einem „schlimmen Gefühl“: nach all den bayerischen Boomjahren plötzlich auf fast null herunter, auf Notbetrieb für einige dankbare Übernachtungsgäste, die ihr Frühstück per Take-away bekamen. Selbst ihre quietschfidele 85-jährige Mutter, die den Zweiten Weltkrieg überstand, habe so etwas noch nie erlebt, sagt Volkhardt.

Nun sucht die Hoteleigentümerin nach drei Monaten Fast-Stillstand den Neustart – in kleinen Schritten. Ein gastronomischer Betrieb nach dem anderen öffnet wieder, ihr Drei-Sterne-Restaurant „Atelier“ hat nach wie vor eine lange Warteliste, und nächste Woche dürfen Gäste auch wieder in den Fitnessbereich.

Doch Schwimmbad und Spa müssen auf behördliche Anweisungen hin noch geschlossen bleiben – und beim hauseigenen Kino oder im Jazz-Club lohnt sich das Ganze wegen der Abstandsregelungen nicht. Insgesamt sei die Wiederöffnung „wirtschaftlich herausfordernd“, erklärt Volkhardt: „Wir wollen die Verluste aber begrenzen und zumindest wieder Deckungsbeiträge erwirtschaften.“

Eine besondere Kraft entsteht dabei aus der Tradition. Während viele Fünf-Sterne-Hotels inzwischen zu börsennotierten Konzernen, Fonds oder internationalen Investoren gehören, ist der „Bayerische Hof“ von Innegrit Volkhardt – offizielle Inhaberbezeichnung: Gebrüder Volkhardt KG – solider deutscher Mittelstand. Ihr Urgroßvater hatte das Edelhotel 1897 gekauft, es war mehr als fünf Jahrzehnte zuvor auf Anregung von König Ludwig I. entstanden. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus fast komplett zerstört: „Da geht es uns doch ganz gut“, sagt Volkhardt lächelnd, „wir müssen jetzt positiv sein.“

In Stunden der Herausforderung denke sie daran, was ihre Vorfahren schon zu bewältigen hatten. Dienlich ist zudem ein Spruch ihres Mentors, des verstorbenen Münchener Gastronomen Gerd Käfer: „Geht nicht, gibt’s nicht.“

In normalen Zeiten ist die geschäftsführende Gesellschafterin – seit dem Tod ihres Vaters Falk Volkhardt 2001 allein am Steuer – Gastgeberin illustrer Runden und anspruchsvoller Gäste, zu denen Rockstars, Spitzenpolitiker, Scheichs, Konzernchefs oder Fußball-Gewaltige gehören. Der alljährliche Filmball hat hier seine Heimstatt. Doch das Virus setzt auch dem Glamour zu.

„Eine Frau mit Visionen“

Und so hat Volkhardt die Zeit des Lockdowns mit Anträgen für Kurzarbeitergeld, Dienstplanoptimierungen, Hygieneplänen und Versicherungsverträgen verbracht: „Noch nie in meinem Leben war ich innerhalb kürzester Zeit mit so vielen negativen Themen konfrontiert.“ Ansonsten wurde umgebaut und renoviert. Von den 700 Mitarbeitern waren im April 33 Prozent und im Mai 65 Prozent in Kurzarbeit. Viele der Beschäftigten bauten enorme Zeitkonten ab. Das Verständnis bei den Mitarbeitern sei sehr groß gewesen, sagt Volkhardt, „viele sind schon sehr lange bei uns“.

Auf die Frage, inwiefern sie die Coronakrise als Führungsfigur besonders gefordert habe, antwortet sie: „Ich muss meinen Mitarbeitern ein Gefühl der Sicherheit geben. Das gelingt mir, glaube ich, auch.“ Dazu gehöre leider, im Moment sehr unangenehme Entscheidungen zu treffen, etwa zur Kurzarbeit: „Ich hoffe weiter, niemanden entlassen zu müssen.“

Man merkt: Sie tut sich schwer in dieser Rolle. Ungewohntes Krisenmanagement ist nun genauso gefragt wie kühne Zukunftsplanungen für Veränderungen, für die der „Bayerische Hof“ stets bekannt war. Sie sei „eine Frau mit Visionen, die investiert, und zwar auch in junge Leute“, lobt ihr Drei-Sterne-Koch Jan Hartwig. Sie drängt darauf, dass die Leute um sie herum wenigstens jung denken.

Alles eine Frage der Energie. Davon hat Innegrit Volkhardt viel.

Ökonomisch half ihr, dass die Volkhardts seit jeher 25 Prozent der Gewinne in Rücklagen stecken. Das sei eine „wichtige Regel unseres Familienbetriebs“, erläutert die Hotelchefin: „So bin ich erzogen worden. Das erleichtert nun unseren Alltag.“ Das Haus ist schuldenfrei.

Weil im März und April, den beiden letzten Monaten des Wirtschaftsjahres, das Geschäft bedingt durch Corona einbrach, setzte das Unternehmen 2019/20 rund 2,5 Millionen Euro weniger um als im Vorjahr; damals fielen mehr als 66 Millionen an. Fürs laufende Wirtschaftsjahr rechnet Volkhardt mit mindestens 20 Millionen Euro weniger Umsatz: „Ich persönlich glaube, dass sich das Geschäft erst 2022 stabilisiert. Die Angst vor 2021 ist zu groß.“ Eine ihrer Analysen: Die Stadt ist zwar wieder voller, viele bleiben aber im Homeoffice. Und manche haben Berührungsängste und meiden das Essengehen.

Nun sei die Liquidität „natürlich sehr stark angegriffen“, Existenzsorgen müsste man jedoch „durch gutes Wirtschaften in der Vergangenheit“ nicht haben, versichert Volkhardt. „Es muss gewährleistet ein, dass wir das ganze Spiel bei einem Corona-Rückschlag auch durchhalten.“

Über solche Fragen verständigt sie sich mit ihrer Schwester Michaela. Die Mitgesellschafterin hat einige ihrer Anteile an die zwei Töchter abgetreten, eine der beiden macht derzeit ein Praktikum im Hotel. Die fünfte Generation nähert sich. An Reserven mangelt es der Familie nicht. Sie besitzt wertvolle Münchener Immobilien sowie eine Weinhandlung und das Hotel zur Tenne in Kitzbühel.

Womit wir bei der zackigen österreichischen Corona-Politik wären: Freitags wurde mitgeteilt, dass von Mittwoch an alles geschlossen ist. Darauf habe man sich einstellen können, lobt Volkhardt, es heiße ja nicht umsonst, Ungewissheit sei das größte Gift für die Menschen. Die Österreicher seien, bis auf anfänglich verzögerte Reaktionen in Ischgl, zu Recht radikal und deutlich klarer gewesen. In Deutschland sei „vieles spät und unklar kommuniziert“ worden.

Mundschutz „psychisch belastend“

Volkhardt klagt, vonseiten der Bundesregierung sei für Unternehmer „gefühlt gar nichts passiert“: „Wir wurden alleine gelassen, obwohl wir für den Geschäftsausfall nichts können.“ Österreich dagegen stelle eine Entschädigung in Aussicht. Sie muss Umsatzausfall und Fixkosten nennen.

Zum Schluss ergibt sich die Frage, was die Frau vom „Bayerischen Hof“ antreibt. „Leider“ sei ihr Haus ja nicht mehr wie früher umsatzstärkstes Hotel Deutschlands, merkt sie da an, das Berliner Estrel-Hotel habe den Kongressteil erheblich erweitert und ist nicht einzuholen.

Ihr gehe es darum, „sehr gute Geschäfte zu machen, zufriedene Gäste zu haben und sich eine wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erarbeiten und zu erhalten“. Bei vielen Hotels sei die Luft „aktuell sehr dünn geworden“, doch an den Kapazitäten im Markt werde sich wohl dennoch nicht viel ändern: Aus einem Hotel werde nicht plötzlich ein Wohngebäude.

Relativ entspannt sieht sie inzwischen ein neues Luxushotel, das der Rosewood-Konzern in drei Jahren ausgerechnet an der Rückseite des „Bayerischen Hofs“ eröffnen will. Juristisch wirkte Volkhardt darauf hin, dass der neue Rivale nur 130 statt 400 Zimmer hat. Ärger habe es nur mit der Stadt und ihrer „katastrophalen Planung“ gegeben, resümiert die Hotelchefin. Mit vorhandenen Problemen wie der fehlenden Tiefgarage werde sich „Rosewood oder der nächste Betreiber, wer immer das sein wird, auseinandersetzen“, ergänzt Volkhardt ungewohnt maliziös.

Vom Corona-Stress hat sich der Jazz- und Ruderfan in ihrem Haus am Starnberger See erholt. „Arbeit und Tiere“ hat sie spaßeshalber mal als Lebensinhalt genannt, was vier Esel einschließt. Am meisten freut sie sich auf den ersten Tag ohne Mundschutz – diese Bedeckung sei für sie „psychisch enorm belastend“. Das Hotel lebe nun mal von der Nähe zu den Menschen und vom Sich-Öffnen.

Immerhin zeichnet sich für 2021 eine Neuauflage der erlös- und prestigeträchtigen Sicherheitskonferenz ab – in dann stark verringertem Umfang und mit vielen Internetübertragungen. Viren sind das ganz aktuelle Sicherheitsthema, und die Weltgesundheitsorganisation WHO war schon beim letzten Mal im „Bayerischen Hof“ dabei.

Zu ihrer persönlichen Zukunftsplanung will Volkhardt nicht viel sagen. Nur so viel: „Das Schiff bestmöglich steuern. Einfach weitermachen.“