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So viele Medikamente bekommt ein Corona-Patient auf der Intensivstation pro Tag — ein Infektiologe erklärt die aufwendige Therapie

·Lesedauer: 3 Min.

https://twitter.com/drfrocester/status/1456668662744633349?t=Df5FlCp9rqAUafVQaaYO9Q&s=09

Der britische Mediziner David Frocester teilte Anfang November dieses Bild auf Twitter. Es zeigt eine Vielzahl von Medikamenten, die ein einziger Corona-Patient an einem Tag auf der Intensivstation im Krankenhaus von Gloucestershire erhält. Der Doktor schreibt dazu: „Das sind alles Medikamente, die benötigt werden, um EINEN Covid-Patienten für EINEN Tag auf der Intensivstation zu versorgen.“ Der Arzt fragt weiter „Oder nur EINE Impfung?“

Damit spielt er darauf an, dass man einer solchen medizinischen Behandlung vorbeugen könnte, wenn man sich gegen das Coronavirus impfen lässt. Tatsächlich waren der Deutschen Krankenhausgesellschaft zufolge mehr als 90 Prozent der Patientinnen und Patienten, die im September 2021 wegen einer Corona-Infektion auf der Intensivstation behandelt werden mussten, ungeimpft.

Doch welche Medikamente werden bei einer intensivmedizinischen Behandlung benötigt? Wir haben Oliver Witzke zu dem Twitter-Foto gefragt. Er ist der Direktor der Klinik für Infektiologie an der Universitätsmedizin Essen. Witzke erklärt, welche Medikamente auf dem Bild zu sehen sind, wofür sie eingesetzt werden und welche Nebenwirkungen sie haben.

Medikamente für die Beatmung, Covid-Therapeutika und Nährstoff-Präparate

„Bei den abgebildeten Mitteln handelt es sich zum einen um Medikamente, die als Standard-Therapie zwingend notwendig sind bei der Beatmung“, erklärte er Business Insider. Das seien in der Regel Schmerzmittel, Beruhigungsmittel und Blutverdünner, gegebenenfalls kämen auch Entzündungshemmer hinzu. Die anderen abgebildeten Mittel seien Nährstoff-Präparate. Sie enthalten alles, was sonst über Essen und Trinken aufgenommen wird. „Hinzu kommen noch verschiedene Medikamente, die typisch für die Behandlung von Covid-19 sind, wie etwa Dexamethason“, so Witzke. Dabei handelt es sich um ein Cortison-Mittel, das die Lungenfunktion verbessern kann. „Es kann jedoch auch das Immunsystem beeinträchtigen und Muskel- sowie Gefäßkomplikationen hervorrufen.“

Und auch die anderen Medikamente haben einige Nebenwirkungen. So können die erstgenannten Medikamente zur Standard-Therapie als Nebenwirkungen die Funktion einzelner Organe stark einschränken und das Herz-Kreislauf-System belasten, erklärt Witzke. „Es geht aber nicht nur um diese möglichen Nebenwirkungen. Es ist ein komplexes Zusammenspiel. Das Gesamt-Setting der Intensivtherapie sorgt dafür, dass der Körper massiv abbaut.“ Das sei einerseits den Nebenwirkungen der einzelnen Medikamente sowie der Kombination der Mittel geschuldet, aber auch dem Umstand, dass die Patienten künstlich beatmet werden müssen. Außerdem liegen sie ständig – und so baut der Körper auch aufgrund der fehlenden Bewegung ab.

„Auch diese Nebenwirkungen müssen dann wiederum behandelt werden. So sind häufig Medikamente zur Stabilisierung des Kreislaufs erforderlich.“ Denn bei schweren Erkrankungen kann es zu Kreislaufinstabilitäten kommen – also einem sogenannten Schock. Dieser kann aber auch durch bestimmte Medikamente verstärkt werden. „Durch die Wechselwirkungen aus all diesen Faktoren und die Gesamtsituation leidet der Körper erheblich – auch langfristig“, so der Experte.

Braucht es wirklich diese ganze Palette an Medikamenten?

Ja, sagt Oliver Witzke. „Sobald der Beatmungsschlauch gelegt wird, müssen bestimmte Medikamente verabreicht werden.“ Diese seien zwingend erforderlich, um die Beatmung überhaupt zu ermöglichen und dafür zu sorgen, dass die Betroffenen diesen Zustand aushalten können.

Wie viel die Medikamente kosten, die ein Patient mit Corona-infektion auf der Intensivstation täglich benötigt, ist nicht pauschal zu sagen. Eins dürfte jedoch sicher sein: Es ist deutlich mehr, als wenn man sich gegen das Virus impfen lässt. Denn für die Impfstoffe zahlt die EU zwei bis 15 Euro pro Dosis, wie Business Insider im Dezember 2020 berichtete.

Bei der intensivmedizinischen Behandlung spielen häufig auch noch individuelle Faktoren eine Rolle, sagt Witzke. So können noch mehr Medikamente und Behandlungen dazukommen, je nachdem, wie schwer der Krankheitsverlauf ist oder ob es Vor- beziehungsweise Nebenerkrankungen gibt. Außerdem kann auch die Belastung der Beatumg zu zusätzlichen Entzündungen führen. „Wir wissen zum Beispiel, dass bei vielen Covid-Patientinnen und -Patienten, die beatmet werden, kurzzeitig auch eine Dialyse erforderlich ist.“ Und: Auch die Personalkosten und Kosten für die Struktur der Intensivstation kommen hinzu.

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