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So stark bremst Boeings Krise die US-Konjunktur

Bei Boeing tritt der neue Chef Dave Calhoun seinen Dienst an. Er übernimmt den Flugzeugbauer in der größten Krise der Konzerngeschichte. Das zeigt sich sowohl am Konkurrenten Airbus als auch am US-Wirtschaftswachstum.

Die Krise des US-Flugzeugbauers Boeing bremst das Wirtschaftswachstum der USA. Finanzminister Steven Mnuchin sagte dem Sender „Fox Business“ am Sonntag, ohne das Debakel um den Unglücksflieger Boeing 737 Max würde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr um drei Prozent zulegen. Nun werde das Wachstum näher an 2,5 Prozent liegen. „Es ist keine Frage, dass die Boeing-Situation die BIP-Zahlen verlangsamen wird“, erklärte der Minister. „Boeing ist einer der größten Exporteure, und mit der 737 Max denke ich, das könnte sich um bis zu 50 Basispunkte auf das BIP auswirken.“

Mnuchin betonte, er gehe dennoch von einem „sehr gesunden Wachstum“ im laufenden Jahr aus. Das überarbeitete Freihandelsabkommen für Nordamerika (USMCA) und das Teilabkommen mit China, das demnächst unterzeichnet werden soll, würden dazu bedeutend beitragen.

Boeing steckt seit März 2019 in einer schweren Krise. Nach den zwei Abstürzen mit insgesamt 346 Toten hatten Behörden in aller Welt Passagierflüge mit der 737 Max untersagt. Das Flugzeug ist das meistgefragte Modell des US-Konzerns. Auf den Typ sollten eigentlich rund zwei Drittel der ursprünglich angepeilten etwa 900 Verkehrsflugzeug-Auslieferungen entfallen. Das Ziel hat Boeing aber längst gestrichen und stoppt jetzt vorläufig auch die Produktion der 737 Max. Wann das Flugverbot aufgehoben wird, ist weiterhin offen.

Die Umstände kosteten den bisherigen CEO Dennis Muilenburg seinen Job. Boeing wird in diesem Monat mit den Ergebnissen des vierten Quartals voraussichtlich eine der größten Abschreibungen in seiner Geschichte bekanntgeben. Der Aktienkurs fiel seit dem weltweiten Flugverbot um insgesamt 22 Prozent – der größte Rückgang in der Geschichte des Dow Jones Industrial.

Für die US-Wirtschaft insgesamt ist Boeings Krise eine erhebliche Belastung. Die Probleme der 737 Max haben das Wachstum bereits in Mitleidenschaft gezogen. An Boeing hängen zahlreiche Zulieferer, Airlines und andere Unternehmen, die die Schwäche des Flugzeugbauers zu spüren bekommen. Vor allem die Außenhandelsbilanz der USA litt bereits stark unter dem 737-Max-Auslieferungsstopp.

Die Eröffnungsspiele des neuen Boeing-Chefs

Genau in dieser heiklen Phase tritt der neue Boeing-Chef seinen Dienst an. Dave Calhoun übernimmt an diesem Montag offiziell die Führungsrolle des Konzerns. Sein Vorgänger Dennis Muilenburg blieb nach Monaten der Skandalmeldungen infolge der zwei Flugzeugabstürze nichts anderes übrig, als abzudanken. Nun soll Calhoun es besser machen.

„Das Unternehmen hat jetzt die einmalige Gelegenheit, all die schlechten Nachrichten auf den Tisch zu bringen“, sagt Jim Schrager, Professor für Unternehmertum und Strategie an der Booth School of Business der University of Chicago. „Es ist Zeit, dies richtig zu machen und den Turnaround zu schaffen.“

Calhoun ist bei Boeing alles andere als ein Neuling. Der ehemalige Geschäftsführer von General Electric sitzt bereits seit zehn Jahren im Aufsichtsrat des Flugzeugbauers. Der Umgang Boeings mit Sicherheitsmaßnahmen, Transparenz und Schwierigkeiten mit den Aufsichtsbehörden sind ihm also alles andere als neu – und in der Vergangenheit bereits mitgetragen worden.

Nichtsdestotrotz verspricht Calhoun nun eine Kehrtwende. Zumindest erste leichte Signale für einen Strategiewechsel scheint er schon gesetzt zu haben. So soll er beispielsweise dafür gesorgt haben, dass Boeing den langjährigen Widerstand gegen das Simulatoren-Training für 737-Max-Piloten fallen ließ, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg in Berufung auf Unternehmenskreise. Zudem soll Calhoun laut Bloomberg bereits Kontakt zur US-Luftfahrtbehörde FAA aufgenommen haben.

Calhoun und sein Nachfolger im Boeing-Aufsichtsrat Larry Kellner wollten Boeings Unternehmenskultur eine Auffrischung verpassen, zitiert Bloomberg aus Unternehmenskreisen. „Es scheint, als ob es einen absoluten Zusammenbruch gegeben hat“, sagt George Ferguson, Analyst bei Bloomberg Intelligence. „Sie werden einen Weg finden müssen, die Arroganz loszuwerden. Es schadet ihren Beziehungen zur FAA, zu Kunden und Lieferanten.“

Durch die Krise ist Boeing auch dem Risiko ausgesetzt, im globalen Duopol der Luft- und Raumfahrt weitere Marktstärke an Airbus zu verlieren.

Airbus überholt Boeing 2019 als weltgrößter Flugzeugbauer

Wenig überraschend entschied der Boeing-Rivale 2019 das Rennen um die Marktführerschaft infolge der 737-Max-Krise für sich. Insgesamt lieferte Airbus 863 Verkehrsflugzeuge aus und damit acht Prozent mehr als im Vorjahr, wie das Unternehmen vergangene Woche in Toulouse mitteilte. Boeing hat seine Jahreszahlen zwar noch nicht vorgelegt, kam bis Ende November aber lediglich auf 345 ausgelieferte Maschinen. Mehr als 400 bereits fertige Exemplare des Mittelstreckenjets 737 Max kann Boeing bisher nicht an die Kunden übergeben, da für den Typ nach zwei tödlichen Abstürzen ein weltweites Flugverbot gilt.

Bei den Neubestellungen dürfte Airbus ebenfalls weit vorn liegen. Der Konzern sammelte im abgelaufenen Jahr nach Abzug von Stornierungen Aufträge über 768 Jets ein, 21 mehr als im Vorjahr. Boeing kam bis Ende November sogar auf mehr Stornierungen als Neuaufträge. Das Minus im Auftragsbestand belief sich auf 84 Flugzeuge.

Boeing hatte mit der Entwicklung der 737 Max als spritsparender Neuauflage der Boeing 737 auf den Erfolg des Konkurrenzmodells Airbus A320neo reagiert. Das Ausreizen des technischen Möglichen ging bei den Amerikanern aber schief und führte nach bisherigen Erkenntnissen mit zu den tödlichen Abstürzen.